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Assistenz von Menschen mit BehinderungSchritt für die Menschlichkeit

Menschen mit Behinderung wollen einen höheren Tariflohn für ihre As­sis­ten­t:in­nen. Es geht dabei auch um ihre Selbstbestimmung.

Aus Berlin

Katharina Wulff

„Ein kleiner Schritt für die Senatorin, aber ein großer Schritt für die Menschlichkeit“, ruft Aktivist Bastian Beekes am Donnerstagnachmittag vor der Senatsverwaltung für Soziales. Etwa 40 Menschen mit und ohne Behinderung sind hier zusammengekommen, um Sozialsenatorin Cansel Kiziltepe ins Gewissen zu reden, wie sie sagen.

Sie sind gekommen, um eine Lohnerhöhung für persönliche As­sis­tent:in­nen von Menschen mit Behinderung zu fordern. Genauer gesagt: Für Assistent:innen, die direkt von ihren behinderten Ar­beit­ge­be­r:in­nen angestellt werden, im sogenannten Arbeitgeber:innen-Modell.

Was verklausuliert klingt, meint nicht weniger als eine vollumfängliche, selbstbestimmte Unterstützung im Alltag. Menschen mit Behinderung können sich mit diesem Modell ihre Assistenz selbst aussuchen und anstellen. Indem sie selbst entscheiden, wer sie unterstützt und wobei, gewinnen sie ein Stück Freiheit zurück. Das ist auch der große Vorteil gegenüber den Assistenzdiensten, die einige stattdessen in Anspruch nehmen.

Seit dem 1. Juli gilt nun für eben jene Assistenzdienste ein Haustarifvertrag. Eigentlich eine gute Nachricht – doch: Nun müsste auch eine Lohnerhöhung für die As­sis­ten­t:in­nen im Arbeitgeber:innen-Modell folgen. „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit in der persönlichen Assistenz“, heißt es darum auf den Transparenten auf der Kundgebung am Donnerstag. Auch die Angestellten der Assistenzdienste unterstützen diese Forderungen und betonen: „Wir lassen uns nicht gegeneinander ausspielen.“

Tarifvertrag steht – eigentlich

Eine gewählte Tarifkommission und einen entsprechenden Tarifvertrag für As­sis­tent:in­nen im Arbeitgeber:innen-Modell gebe es schon, sagt Verdi-Gewerkschaftssekretär Ivo Garbe. Wo ist also das Problem? Nun, der Lohn der As­sis­ten­t:in­nen kommt aus dem persönlichen Budget der behinderten Arbeitgeber:innen. Diese kritisieren nun, dass der Senat entsprechende Mittel nicht für sie bereitstellt.

Darum ergebe sich so eine unfreiwillige Konkurrenz in puncto Bezahlung: As­sis­tent:in­nen im Ar­beit­ge­be­r:in­nen-Modell verdienen schlechter als ihre angestellten Kolleg:innen. Außerdem bekommen sie bisher keinen Inflationsausgleich – so entstehen unattraktive Arbeitsbedingungen.

„Wir, die behinderten Ar­beit­ge­be­r:in­nen, finden darum keine As­sis­ten­t:in­nen mehr“, sagt Bastian Beekes, der in der Arbeitsgemeinschaft der Ar­beit­ge­be­r:in­nen organisiert ist. Mitstreiterin Christine Damaschke folgert: „Wenn keine Assistenz mehr für uns arbeiten wird, ist das zum Teil lebensbedrohlich.“ Die Alternative wäre für sie eine Unterbringung im Heim. So viel zum Thema Selbstbestimmung.

Und die Sozialsenatorin?

Die De­mons­tran­t:in­nen vor den Türen der Sozialsenatorin prangern deren Untätigkeit an, dabei hätten sie eine Reihe von Einladungen ausgesprochen. Gegenüber der taz vermeldete die Senatsverwaltung, sie arbeite gerade an einer „Fachlichen Weisung zur Kalkulation der Leistung“ für Assistent:innen.

Außerdem verwies sie auf ihr verfügbares Budget. „Es kann nicht sein, dass die Sparmaßnahmen des Senats auf Kosten der Menschen mit Behinderungen gehen“, findet Gewerkschafter Garbe. Die behinderten Ar­beit­ge­be­r:in­nen wünschen sich vor allem, als Menschen und nicht als Kostenfaktor gesehen zu werden.

„Wenn jetzt nicht dringend gehandelt wird, steht dieses Modell komplett infrage“, sagt Garbe. Mit­strei­te­r:in Jules Butzek richtet die Worte direkt an die Politik: „Wenn wir in zwei Wochen nichts gehört haben, müssen wir wiederkommen.“ Es ist also davon auszugehen, dass der Protest eher lauter als leiser wird.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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4 Kommentare

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  • Ramelow Cathrin

    Wie immer also - für soziales und Kultur ist kein Geld da. Einfach nur traurig und es macht zunehmend wütender

    • Carolin Rudolf

      @Ramelow Cathrin:

      Der größte Teil der Ausgaben wird für Sozialausgaben geleistet.

      Nachzulesen auf www.bundeshaushalt.de

      Also von wegen kein Geld für Soziales. Auf der Seite ist übrigens auch nachzulesen, dass die Ausgaben für Soziales schon seit langem stetig steigen.

      • Waldreamer

        @Carolin Rudolf:

        Als jemand, der seit sechs Jahren im sozialen Bereich arbeitet, warte ich bis heute darauf, etwas davon zu merken.

        An der Basis merkt derweil nur noch, dass eingespart wird (ohne dass die Vorgesetzten einen Hehl daraus machen).

        • Carolin Rudolf

          @Waldreamer:

          Ich habe auf den Beitrag geantwortet, in dem stand, es wäre kein Geld für Soziales da. Dem widersprechen nunmal die Zahlen. Egal ob Sie was merken oder nicht. Dass es vielleicht nicht dort eingesetzt wird, wo es angebracht wäre, geschenkt. Ändert aber nichts daran, dass es größter Posten im Haushalt ist und man nicht sagen kann, es wäre kein Geld für Soziales da.