Bildungsungerechtigkeit in Coronazeiten : Die digitale Kluft überwinden
Kinder müssen beim Lernen zu Hause freien Zugang zur Technik bekommen. Irre? In Schweden ist das Standard.
I n den verwaisten Schulen passiert gerade etwas Wunderbares: Das digitale Lernen hält Einzug. Lernplattformen, die kaum jemand kannte, ächzen unter Zugriffen. LehrerInnen haben E-Mail-Adressen und müssen nicht mehr über Mitteilungshefte angeschrieben werden. Aufsätze können jederzeit mit der ganzen Klasse geteilt werden. Allerdings haben nicht alle Zutritt zu dieser wunderbaren Onlinewelt. Die Gefahr, dass eine existierende Kluft breiter wird, steigt ausgerechnet mit dem Einzug der Technik, die alle verbinden soll.
Wenn die ganze Klasse über eine Lernplattform kommuniziert bis auf zwei SchülerInnen, die ohne WLAN zu Hause sind, dann sind die erst mal raus. Zumal alle alternativen Lernorte, etwa Bibliotheken, gegenwätig geschlossen sind. Für diese SchülerInnen werden die Coronaferien zu Zwangsferien.
Gleiches gilt, wenn LehrerInnen vor den Schulschließungen Stapel von Arbeitsblättern verteilt haben und ihre SchülerInnen nur über die E-Mail-Adressen der Eltern erreichen. Nicht alle Kinder sind von sich aus so diszipliniert und setzen sich täglich an ihren Schreibtisch, vorausgesetzt, sie haben überhaupt einen. In Familien, bei denen es den nicht gibt, fallen dann oft auch die Eltern als engagierte HilfslehrerInnen aus.
Deshalb müssen PolitikerInnen jetzt dringend klären, wie alle SchülerInnen digital lernen können. Der Begriff „digitale Kluft“ wirkt in Zeiten, in denen fast jedeR ein Smartphone besitzt, anachronistisch. Es gibt sie aber. Es ist ein Unterschied, ob man in der Lage ist, lustige Bilder bei Snapchat zu posten oder am Laptop ein Dokument zu bearbeiten. Beides irgendwie digital, aber für die Schule ist nur Letzteres hilfreich.
In Zeiten der Krise bekommen Bedürftige Grundsicherung. Eine digitale Grundsicherung muss es auch für Kinder geben. Ihre Schulen brauchen jetzt Geld und Know-how, um ihre Netze auf- und auszubauen. Jedes Kind sollte bei Bedarf einen Laptop gestellt bekommen, alle Familien mit schulpflichtigen Kindern haben das Recht auf einen kostenlosen Internetanschluss. Klingt irre? In Schweden ist beides längst Standard.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert