Porträt Angelika Beer: Die glücklose Grüne ohne Parteibuch
Die frühere Grünen-Vorsitzende Angelika Beer, 51, derzeit noch Europaabgeordnete, kündigte beim Grünen-Parteitag ihren Austritt aus der Partei an - nach 30 Jahren.
Angelika Beer ist eine Politikerin mit Talent zum missglückten Auftritt. Beer, die es als Grünen-Chefin von 2002 bis 2004 immerhin zum Titel "Spitzenpolitikerin" brachte, hat schon so einen Mangel an Einschätzungsvermögen und Souveränität bewiesen, dass selbst ihre Gegner in mitleidigen Respekt verfielen. Sich so verwundbar zu machen, wie Beer das kann, erinnert manche daran, welchen Preis sie für ihre Coolness bezahlen.
Im Januar auf dem Europaparteitag der Grünen war zumindest zu erahnen, dass die 51-jährige Kielerin wenig Chancen hatte, wieder einen guten Listenplatz für das Europaparlament zu bekommen. Beer stieg hoch ein und fiel durch, kandidierte auf dem nächsten Platz und fiel durch, fiel immer wieder durch. Der Parteitag atmete auf, als sie aufgab - als wäre ein Albtraum vorbei.
Und doch war es für die meisten eine Überraschung, dass Beer auf dem Parteitag der schleswig-holsteinischen Grünen am Samstag ihren Parteiaustritt erklärte. Sie begründete dies nicht mit der Enttäuschung über ihre Niederlage im Januar, sondern sie habe "null Verständnis" dafür, dass es "bei den deutschen Grünen nur noch um das Erringen von Macht geht und dafür den Westerwelles und Kubickis die Wähler in die Arme getrieben werden", sagte Beer unter Tränen.
Der Frieden spiele programmatisch kaum noch eine Rolle, eine "wirklich selbstkritische Analyse unseres Regierungshandelns in den Fragen Kosovo, Afghanistan und Irak" sei zuletzt nicht möglich gewesen. Dennoch danke sie der Partei "für 30 grüne Jahre".
Beer war mit 13 Jahren Vollwaise, mit 18 Jahren bereits geschiedene und alleinerziehende Mutter. Sie wurde Arzt- und Anwaltsgehilfin, stieg in die Antiatomkraftbewegung ein, wurde Gründungsmitglied der Grünen und kam mit knapp 30 Jahren 1987 erstmals in den Bundestag. Als verteidigungspolitische Sprecherin verkündete sie, dass die Grünen einem Kosovoeinsatz nur mit UN-Mandat zustimmen würden - und brach dieses Versprechen 1999 dann doch, um sich damit hinter Außenminister Joschka Fischer zu stellen. Dies verziehen ihr viele Grüne und andere nie.
Parteichefin wurde Beer 2002, weil außer ihr und Reinhard Bütikofer niemand da war. Während Bütikofer sich im Amt entfaltete, hing Beer die Vokabel "glücklos" an. Nachdem sie 2004 von Claudia Roth ersetzt wurde, gelangte Beer nur mit Mühe ins EU-Parlament. Dort verlangte sie Annäherung an den Iran, kritisierte den Umgang mit Flüchtlingen, kämpfte gegen Rechtsextremismus. Dass dies von vielen, aber nicht von den deutschen Grünen anerkannt wurde, muss sie sehr verletzt haben.
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