piwik no script img

Antisemitismus in Sachsen-AnhaltStolpersteine in Magdeburg gestohlen

Erneut wurden in Sachsen-Anhalt fünf Gedenksteine aus dem Pflaster gerissen – offenbar am helllichten Tag. Der Staatsschutz ermittelt wegen Diebstahl.

Stolpersteine sollen an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern Foto: Christian Luckau/ddp
David Muschenich

Aus Leipzig

David Muschenich

Gegenüber dem Nordpark in Magdeburg lagen sieben Steine im Pflaster des Bürgersteigs. Sie erinnerten an die jüdischen Ehepaare Julius und Emmy Hannach, Paul und Wally Wertheim sowie Arie Leo und Ruth Henschke mit ihrem Sohn Albert Max. Sie wohnten im Hohenstaufenring 9 mit Blick auf den Park und starben durch die deutsche NS-Diktatur. Albert Max Henschke wurde 8 Jahre alt.

Doch seit letztem Dienstag sind nur noch zwei Erinnerungssteine da und neben ihnen klafft ein rund zehn Zentimeter tiefes Loch. Der polizeiliche Staatsschutz ermittelt wegen Diebstahl. Laut der Polizeiinspektion in Magdeburg klauten Unbekannte die Steine zwischen 10 Uhr und 18 Uhr, am helllichten Tag. Zeu­g:in­nen meldeten sich bislang keine.

Erst in der vergangenen Woche wurde in Magdeburg der 800. Stolperstein verlegt. Das Projekt geht auf den Künstler Gunter Demnig zurück. Die Steine sollen an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern: Sinti und Roma, Juden:Jüdinnen, Homosexuelle, politisch Verfolgte und Opfer der Euthanasie. Mehr als 112.000 Steine liegen europaweit in 32 Ländern.

Wie viele Steine deutschlandweit beschädigt oder geklaut wurden, lässt sich schlecht beziffern. Im vergangenen Jahr sorgte zum 7. Oktober ein Fall in Zeitz für Aufmerksamkeit, als alle zehn Steine der sachsen-anhaltischen Stadt gestohlen wurden. Die Landesregierung Sachsen-Anhalt antwortete kurz danach auf eine Kleine Anfrage der Linkspartei: 2024 seien insgesamt 18 Steine im Bundesland entwendet worden. In den Jahren zuvor registrierte die Polizei lediglich 2021 und 2022 je einen Fall.

Doch das passiert nicht nur in Sachsen-Anhalt: Ebenfalls im Oktober klauten Unbekannte drei Steine in der Nähe von Hannover. In Krefeld in Nordrhein-Westfalen verschwanden im November sieben Steine aus dem Bürgersteig. In Leipzig waren es im Dezember zwei. Das Bundeskriminalamt teilte auf taz-Anfrage kürzlich mit, es könne für 2024 keine Auskunft erteilen. Aber in den drei Jahren zuvor habe die Polizei bundesweit je 20 bis 30 Sachbeschädigungen oder Diebstähle registriert.

Für die zehn Stolpersteine in Zeitz kamen in etwa zwei Wochen rund 50.000 Euro Spenden zusammen. Jeder Stein kostet 120 Euro. Im November wurden alle zehn neu verlegt. Das überzählige Geld ging an einen nahe gelegenen Erinnerungsort: das Simon Rau Zentrum.

In Magdeburg sind alle Stolpersteine spendenfinanziert, auch die fünf gestohlenen Steine sollen mittels Spenden ersetzt werden. Allerdings: In Zeitz beschädigten Unbekannte schon im Januar sechs der neuen Stolpersteine, zwei Monate nach ihrer Neuverlegung.

Unser Mittel gegen Antifeminismus

Wir machen linken Journalismus aus Überzeugung: kritisch, unabhängig und frei zugänglich für alle. Es gibt keinen Bezahlzwang, keine Paywall. Das geht nur, weil sich viele freiwillig beteiligen und unsere Arbeit unterstützen. Auch im Digitalen muss Journalismus, der für mehr Gleichberechtigung eintritt, finanziert werden. Unsere Leser:innen wissen: Journalismus entsteht nicht aus dem Nichts. Damit wir auch morgen noch unsere Arbeit machen können, brauchen wir Ihre Unterstützung. Schon über 48.000 Menschen machen mit und finanzieren damit die taz im Netz - kostenlos für alle. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5 Euro sind Sie dabei. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema
Fotomontage eines wochentaz-Titels und dem Buchcover „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit

10 Wochen taz + Sachbuch „Autoritäre Rebellion“

Zeiten wie diese brauchen Seiten wie diese: unabhängig, konzernfrei und mit klarer Kante gegen Faschismus, Rassismus und Rechtsruck. Teste jetzt die taz und erhalte das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit als Prämie.

  • Das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit als Prämie
  • Die wochentaz jeden Samstag frei Haus + digital in der App
  • Die tägliche taz von Mo-Fr digital in der App
  • Zusammen für nur 28 Euro

10 Wochen taz + Buch „Autoritäre Rebellion“

Jetzt bestellen

2 Kommentare

 / 
  • Ach was - Diebstahl und sonst nichts?

    • @Erfahrungssammler:

      Nur so als Idee für die Staatsanwälte:



      "STGB Paragraph 130



      (3) Mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer eine unter der Herrschaft des Nationalsozialismus begangene Handlung der in § 6 Abs. 1 des Völkerstrafgesetzbuches bezeichneten Art in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, öffentlich oder in einer Versammlung billigt, leugnet oder verharmlost."



      -Es ist ja wohl unwahrscheinlich, dass das nur Altmetalldiebe waren...!