Anselm Nefts „Die bessere Geschichte“

Unter dem Deckmantel der Lockerheit

Anselm Neft thematisiert in seinem neuen Roman sexualisierte Gewalt. Wer bis zum Ende liest, versteht besser, warum so viele Betroffene schweigen.

Das Gebäude der Odenwaldschule in Heppenheim, umgeben von Bäumen und Wiesen

Angelehnt an die Ereignisse an der Odenwaldschule: der Roman „Die bessere Geschichte“ Foto: imago images/Michael Schick

Vor den Sommerferien galt der 13-jährige Tilman als schwieriger Fall: ein empfindsamer Einzelgänger, die Mutter tot, der Vater überfordert. Das neue Schuljahr aber beginnt er als Auserwählter, als Schüler der Freien Schule Schwanhagen (FSS). Das neugegründete Internat an der Ostsee gilt als Labor einer unkonventionellen Pädagogik. Dort lebt man in Kleinfamilien zusammen, das Lernen ist selbstbestimmt. Aber, so wird gemunkelt, diese Schule sei nicht für alle, manche hielten der Freiheit nicht stand.

Tilman ist entschlossen, so frei wie möglich zu werden. Von der ersten Minute an verschreibt er sich dem Credo der FSS: „Werde, der du bist.“ Um sich vom Korsett bürgerlicher Moralvorstellungen zu emanzipieren, strebt er die Mitgliedschaft in der coolsten aller Familien an. Bei dem charismatischen Lehrerpaar Salvador und Valerie Wieland soll es besonders wild zugehen, außerdem wohnt Ella dort, die Tilman anhimmelt. Nach einem bizarren Aufnahmeritual ist er drin. Und beide Familienoberhäupter scheinen dem Neuling ein außergewöhnlich liebevolles Interesse entgegen zu bringen.

„Die bessere Geschichte“ ist erkennbar ein Roman über die Odenwaldschule (OSO). Das Lernen „vom Kinde aus“, die ideologische Selbstüberhöhung, die Lage des Campus im Abgeschiedenen: Nur einige Details sind verfremdet, wie die Verlegung der Schule vom Hessischen an die Ostsee. Das Wesentliche aber, nämlich das Leben in „Kleinfamilien“, in denen unter dem Deckmantel der Lockerheit Kinder und Jugendliche von Erwachsenen sexuell ausgebeutet wurden, kommt dem nahe, was Ehemalige des abgewickelten reformpädagogischen Landerziehungsheims über ihre Schulzeit erzählen.

Valerie und Salvador, dieses liberale Pädagogenpaar aus der Hölle, könnte es so wirklich gegeben haben. Sie nehmen nur die schwierigen Fälle: das verhaltensauffällige Jugendamtskind, die Tochter einer Sektenanhängerin, die traumatisierten Waisengeschwister. Eine Truppe, aus der sie mit Bedacht eine Art Geheimzirkel formen, mit Gruppenritualen im Keller und „Einzelsitzungen“ in ihrer Datscha. Dort lernen die Heranwachsenden, wie man sich locker macht. Und wenn jemand unlocker ist, wird halt nachgeholfen. Mit Alkohol, Drogen und manchmal mit Gewalt. Ein Grooming-Prozess wie aus dem Lehrbuch – und eine Falle, der auch der Protagonist nicht entkommen kann.

Anselm Neft: „Die bessere Geschichte“. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2019, 480 Seiten, 22 Euro

Ins Trauma eingekapselt

Der Bonner Autor Anselm Neft hat für seinen Roman bei Betroffenenverbänden und Altschülern der OSO recherchiert. Selbst war Neft auf dem jesuitischen Aloisiuskolleg, auf dem ebenfalls Schüler von Lehrkräften sexuelle Gewalt angetan wurde. Die Enthebung des Handlungsrahmens auf ein dem Autor nicht nahestehendes Milieu war ein kluger Schachzug.

So kommt man beim Lesen nicht in Versuchung, ständig nach autobiografischen Spuren zu suchen, und kann sich dem Erzählfluss der Geschichte anvertrauen. Dieser ist flüssig, stimmig und mitreißend. Man wird hineingesogen in eine zweideutige Atmosphäre aus Freiheit und Zwang, Fürsorge und Manipulation, in der Zwangs-Fellatio in der Foto-Dunkelkammer ebenso an der Tagesordnung ist wie das gemeinschaftliche Pornos-Nachspielen mit dem Lehrerpaar am Sonntagmorgen.

Besonders interessant wird es, als beschrieben wird, wie die „Wieland-Kinder“ nach der Schulzeit mit dem Erlebten umgehen. Während Tilmans Jugendliebe Ella mit aller Kraft versucht, eine Aufarbeitungskampagne anzustoßen, hat sich der Protagonist in seinem Trauma eingekapselt: „Ich brauchte keine Erzieherinnen, die mir bei der Anerkennung meiner ,schweren Traumata' auf die Sprünge halfen. Ich schrieb den anderen ja auch nicht vor, wie sie ihre Erlebnisse für sich zu deuten hatten. Wenn Ella ein Opfer sein wollte, so war das ihr gutes Recht, auch wenn sie sich damit keinen Gefallen tat.“ Tilman will zunächst von Aufarbeitung nichts wissen. Vielmehr ist er selbst kurz davor, selbst zum Täter zu werden. Sexuell auf sehr junge Mädchen fixiert, kreisen seine Fantasien zunehmend um Ellas 13-jährige Tochter Lucia.

Transgenerationelle Weitergabe

Was Anselm Neft da ziemlich kenntnisreich beschreibt, ist das Phänomen, das Psychologen transgenerationelle Weitergabe nennen. Bleibt in der Kindheit erlittene Gewalt unbearbeitet, bricht sich das Trauma später Bahn. Der (oder die) Erwachsene gibt die Ohnmacht, die Scham, den Ekel und die Wut weiter, indem er (oder sie) selbst zum Täter wird. Es gehört zu den stärksten – und schlimmsten – Passagen des Buchs, wie Tilman sich im Selbstmitleid des Pädophilen suhlt und versucht, sein Be­gehren zu rechtfertigen, wie schon Nabokovs „Lolita“-Erzähler Hum­bert Humbert und unzählige vor ihm.

„Dass täglich Tausende von Kindern in Deutschland von den Erwartungen ihrer Eltern verformt und für eine angebliche Leistungsgesellschaft abgerichtet wurden – nicht weiter erwähnenswert. Dass ich Lucia liebte, galt hingegen in den Augen dieser braven Bürger als eines der größten denkbaren Verbrechen.“

Menschen, die als Kinder sexueller Gewalt ausgesetzt waren, haben tatsächlich ein erhöhtes Risiko, selbst zu Tätern zu werden. Was hingegen als wissenschaftlich widerlegt gilt, ist die von Pädosexuellen gern vorgebrachte und im Roman wiederholte These, dass es nur die Tabuisierung durch die Gesellschaft sei und nicht das sexuelle Erlebnisse mit einem Erwachsenen, was Kindern schade.

Außerordentlich mutig

Tilman zieht gerade noch die Reißleine: Er bricht den Kontakt zu Mutter und Tochter ab und zieht sich in die schwedischen Wälder zurück. Man kann von diesem bilderbuchhaften Ende halten, was man will: Dieser Roman ist außerordentlich mutig, weil er sich traut, den Missbrauch jenseits von Täter-Opfer-Schemata zu erzählen. Sichtbar werden dadurch die vielschichtigen Abhängigkeitsgeflechte hinter pädosexuellen Beziehungen.

Leicht verdaulich ist das nicht. Doch wer bis zum Ende liest, versteht etwas besser, warum so viele Betroffene erst Jahrzehnte später über das Erlebte sprechen, warum sie so selten Anzeige erstatten und manchmal ganz schweigen. Dieser Erkenntnisgewinn ist ein großes Verdienst dieses spannenden Buches.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben