Anschlag in Atlanta: Das Erbe kolonialer Fantasien

Der übersexualisierende Blick auf asiatische Frauen hat im Westen eine lange Tradition. Auch bei dem Anschlag in Atlanta ist er von Bedeutung.

Blumen und Kerzen liegen vor dem Massage Salon

Einer von drei Tatorten in Atlanta, Georgia Foto: Bita Honarvar/reuters

Es waren mehrheitlich ältere Frauen asiatischer Herkunft, die am 16. März in Atlanta, Georgia, durch die Hand eines weißen Täters ums Leben kamen: Hyun Jung Grant, Xiaojie Tan, Daoyou Feng, Suncha Kim, Soon Chung Park, Yong Ae Yue (neben Delaina Ashley Yaun und Paul Andre Michels) – allesamt Asian-Americans der ersten Generation, die aus Korea und China in die USA einwanderten. Ungeachtet dieser Tatsache warfen einige nach dem Massenmord die Frage auf: War das Motiv Rassismus oder Sexismus?

Zusätzlich befeuert wurde die Diskussion durch den (mittlerweile abgesetzten) Polizeisprecher, der vor die Presse trat, um die Sicht des Mörders kritiklos wiederzugeben: Es habe sich nicht um einen rassistisch motivierten Anschlag gehandelt. Vielmehr hätten die von ihm aufgesuchten Massagesalons Orte der „Versuchung“ dargestellt, die es für ihn, der an Sexsucht leide, zu eliminieren galt.

Während man sich in der hiesigen Berichterstattung teils durchlaviert („Rassismus kann nicht ausgeschlossen werden“), zeigen selbst die größten US-Nachrichtenmedien eine klare Haltung: Nicht nur seien die Taten von Atlanta eindeutig als Hate Crime einzuordnen, auch sei es unmöglich, hier Rassismus und Sexismus getrennt voneinander zu betrachten.

Diese Einsicht ist vor allem dem Wirken von Feministinnen aus den BIPoC-Communitys zu verdanken, die schon lange auf die Überschneidung von Diskriminierungsdimensionen hinweisen. Rund drei Jahrzehnte ist es her, dass die Schwarze Juristin Kimberlé Cren­shaw 1989 den Begriff der Intersektionalität einführte, um zu beschreiben, wie sich die Dynamiken von Rassismus, Sexismus und Klassenunterdrückung kreuzen.

Anstieg der Übergriffe seit der Pandemie

Erschütternderweise kommt das Attentat für die Asian-American Communitys in den USA nicht überraschend. Angriffe auf asiatisch gelesene Menschen sind nicht neu, doch seit Beginn der Covid-19-Pandemie haben sie sich vielerorts intensiviert, worauf auch asiatisch-deutsche Ak­ti­vis­t*in­nen und Organisationen wiederholt aufmerksam machen (wie etwa unter dem Hashtag #IchBinKeinVirus).

Um 149 Prozent soll die antiasiatisch motivierte Hasskriminalität in den 16 größten US-Städten angestiegen sein, berichtet das Center for the Study of Hate & Extremism, während die Gesamtzahl der Hassverbrechen um 7 Prozent gesunken ist. Von fast 3.800 Übergriffen zwischen März 2020 und Februar 2021, quer durch alle US-Bundesstaaten, spricht ein Bericht der Aktionsgruppe Stop AAPI Hate, der nur einen Tag vor dem Anschlag in Atlanta veröffentlicht wurde. Und das sind nur jene Fälle, die gemeldet wurden. Was besonders heraussticht: Beinahe 70 Prozent der Betroffenen sind Frauen.

Die „orientalische Frau“ ist ein Produkt weißer männlicher Imagination: passiv, willig, in Schweigen gehüllt

Bereits seit vielen Jahren dokumentieren und analysieren feministische Stimmen aus den Asian-American Communitys, wie das weiße Nordamerika asiatische Frauen fast ausschließlich durch eine sexuelle Linse betrachtet. Dabei ziehen sie eine direkte und kausale Linie zwischen der Hypersexualisierung asiatischer Frauenkörper und der Gewalt gegen Frauen, die als asiatisch wahrgenommen werden.

Dieser objektifizierende Blick auf „die Asiatin“, wie er sich uns in Kultur und Medien darstellt, hat eine lange Tradition. Er findet sich bereits im 13. Jahrhundert bei Marco Polo, der über die Tausenden Frauen Kublai Khans und die Prostituierten außerhalb des Herrscherpalastes in Peking schreibt. Es besteht Grund zu der Annahme, dass die Darstellungen nicht auf Marco Polos eigenen Erfahrungen, sondern auf den protzenden Berichten anderer Reisender und der Fantasie beruhen.

Von „Miss Saigon“ bis „Full Metal Jacket“

Auch im späteren europäischen Kolonialismus tritt die „orientalische Frau“ als Produkt westlicher männlicher Imagination in Erscheinung – passiv, willig, in Schweigen gehüllt –, der „Orient“ als Ort der Verführung und verbotenen Sexualität. So klingt in der zitierten Aussage des Attentäters von Atlanta das Vokabular alter kolonialer Fantasien auf horrende Weise nach.

Die westlich-europäische Exotisierung und Fetischisierung von asiatischen Frauen hat also Tradition. Sie findet im späten 19. Jahrhundert einen ersten Höhepunkt, mit dem Roman „Madame Chrysanthème“ von Pierre Loti (bekannt für seine zahlreichen Reisen als Marineoffizier zu kolonialen „Sehnsuchtsorten“), der zum Bestseller avanciert – und zur Inspiration für Giacomo Puccinis Opern-Smash-Hit „Madame Butterfly“ und das spätere Broadway-Musical „Miss Saigon“ wird.

Die sich für den weißen Mann aufopfernde Kurtisane ist auch der Kern der Figur der Suzie Wong, der titelgebenden Figur des Hollywoodfilms von 1960 mit Nancy Kwan, der so ziemlich jedes antiasiatische rassistische Stereotyp auf die Leinwand und in die Köpfe des Publikums projiziert. Und vergessen wir nicht den Auftritt der namenlosen Sexarbeiterin in „Full Metal Jacket“ (1987), deren Sager „Me so horny, me love you long time“ seitdem nicht nur die westliche Popkultur, sondern auch asiatische Frauen in ihrer Alltagsrealität immer wieder heimsucht.

Ob zur „Lotusblüte“ verklärt – kindlich, unterwürfig, sexuell verfügbar – oder als ihre Kehrseite, die „Dragon Lady“, verdammt (die chinesisch-US-amerikanische Schauspielerin Anna May Wong erlangte durch ihre Darstellung der kaltherzigen Femme fatale, die ihre Sexualität gezielt für ihre Zwecke einsetzt, in den 1920ern und 1930ern Berühmtheit): Asiatische Frauen bleiben die „ewigen Prostituierten“, wie der Podcast „Journey to the West“ konstatiert.

Der übersexualisierende Blick auf asiatische Frauen ist jedoch nicht nur das Resultat von europäischem Kolonialismus und Orientalismus. Zur Entmenschlichung und Legitimierung von Gewalt gegen Frauen asiatischer Herkunft haben auch der Imperialismus und Militarismus der USA seit dem späten 19. Jahrhundert wesentlich beigetragen, die die koloniale Denkweise weiterführten.

Zwangsprostitution im Krieg

Die heutigen Sexindustrien in vielen asiatischen Staaten – Thailand, Vietnam, Korea – sind im Zuge von Kriegen und der dauerhaften Präsenz von US-Soldaten entstanden. Nur wenige wissen, dass die „Comfort Stations“ in Japan, in denen die euphemistisch als „Trostfrauen“ benannten, vor allem aus Korea und Taiwan verschleppten Zwangsprostituierten untergebracht waren, nach Ende des Zweiten Weltkrieges kurzfristig vom US-Militär übernommen wurden.

Das Bild der asiatischen Prostituierten wirkte aber auch ins „Innere“ der USA: Historische Gesetzgebungen wie der Anti-Kidnapping Act (1870) und der Page Act (1875), die im Chinese Exclusion Act (1882) kulminierten, dienten einer restriktiven Migrationspolitik, die die Ansiedelung vor allem chinesischer Familien einschränken sollte. Gerechtfertigt wurde dies mit dem angeblichen Import chinesischer Prostituierter, die von chinesischen Männern in „Yellow Slavery“ gehalten werden würden, und der Angst, dass die „sexuelle Versklavung“ letztlich weiße Frauen treffen würde.

Die angeblich deviante Sexualität asiatischer Frauen und der drohende moralische Verfall waren ebenso Grund für weiße christliche Missionarinnen, diese zu „zivilisieren“ und unter ihre Kontrolle zu bringen.

Angesichts der langen Geschichte und komplexen Verflechtungen reicht es also nicht, „nur“ von Rassismus und Sexismus zu sprechen, um die Hypersexualisierung und Fetischisierung asiatischer Frauen zu verstehen – und vor allem dann, wenn es um die Lebensrealitäten migrantischer asiatischer Sexarbeiterinnen geht: Das Bild „der Asiatin“ war von Beginn an mit der Gewalt westlich-weißer Männlichkeit verknüpft.

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