Zeitdiagnosen in den sozialen Medien: Intellektueller Slop?
In den sozialen Medien trendet eine neue Form der Gegenwartsanalyse. Dabei fühlt sich der Intellectual-Influencer-Content so einleuchtend wie generisch an.
D ieser Sommer wird kein brat Sommer. Es wird auch kein Hot-Girl-Sommer. Und es wird auch kein Tomato-Aesthetic-Sommer. Denn Tomaten auf einem Strandtuch oder dem Smartphone-Case sind nun wirklich keine kulturelle Bewegung“, verdreht Carmen Vicente – „social media manager in tech and forever thinking about the algo“ mit rund 35.000 Followern – die Augen. Ich gebe gerne zu: Gute Hook, meine Aufmerksamkeit ist geweckt. Was wird es denn nun für ein Sommer? In Erwartung eines originellen Gedankens oder unerwarteten Plottwists starre ich ungeduldig auf den Bildschirm. „I think the Sommer of 2026 will be …“, kurze Pause, sie macht es extraspannend: „unoptimized“. Uff, was für eine Enttäuschung. Schon wieder eine langweilige Zeitdiagnose.
Zeitdiagnosen sind längst nicht mehr nur ein Trend in der Soziologie, sondern auch in den sozialen Medien. Intellektuelle Influencer – meist aus den Geisteswissenschaften, dem Marketing oder „Tech“ (was auch immer diese Angabe bedeutet) – suchen dort obsessiv nach Symptomen einer Gegenwart im Umbruch. Dabei erweisen sie sich als regelrechte Begriffsmaschinen: Jeder Minitrend wird per „-core“ oder „-Aesthetic“ zur Weltanschauung aufgeblasen, garniert mit Entlarvungsgesten („The real reason why …“), und in 45 Sekunden gelangt man vom Sauerteigbrot zur Anti-Moderne. Am liebsten aber rufen sie Zeitalter aus: „The Rise of X“ oder „The Death of Y“.
Ein solches Ausrufen von Enden ist keinesfalls neu. Vom Ende des Autors bis zum Ende der Geschichte gehörte es bereits im 20. Jahrhundert zum Selbstverständnis des Public Intellectual, durch vorauseilende Analysen die Gegenwart mitzugestalten. Aber die alten Enden waren tendenziell selten und teuer. Sie erforderten Reputation, Publikationsorte, Auseinandersetzung mit Traditionen; und wer sie proklamierte, musste sich der Kritik stellen. Heute ist die Geste günstig. Wahrscheinlich hat sie sogar eine KI vorgeschlagen, in deren Trainingsdaten Jahrzehnte feuilletonistischer Todeserklärungen nur darauf warten, reanimiert zu werden.
Nicht zufällig fühlt sich nicht jeder, aber doch einiger Intellectual-Influencer-Content zwar einleuchtend und pointiert, aber auch erwartbar und generisch an. Manche sprechen inzwischen von „Intellectual Slop“ – zum ersten Mal aufgefallen ist mir die Formulierung bei Adam Aleksic (1,7 Mio. Follower), seinerseits Intellektueller Influencer.
Im Feuilleton hätte man sich selbst oder gegenseitig korrigiert
Der Creator Eugene Healy (rund 390.000 Follower) hat zum Beispiel innerhalb von nur wenigen Wochen drei Videos über das „Analog Revival“ gemacht. Die Diagnose im ersten Video lautete: Es gibt ein Analog Revival. Die im zweiten lautete: Das Analog Revival sei nur ein digitaler Trend. Die dritte: Es gab nie ein Analog Revival! Und all das ohne auf die jeweils früheren Videos Bezug zu nehmen. Früher (sorry, not sorry) wäre der Widerspruch jemandem aufgefallen, im Feuilleton hätte man sich selbst oder gegenseitig korrigiert, ja wäre sich in die Quere gekommen. Aber Video Nummer drei kann Video Nummer eins gar nicht widersprechen, weil Nummer eins längst nicht mehr so richtig in der Welt ist. Denn die „Zeit“, auf die sich eine Diagnose bezieht, ist in den sozialen Medien nur noch ein momenthafter Vibe.
Nun setzt die Zeitdiagnose aber eine Kleinigkeit namens Zeit voraus. Fällt die Dauer weg, bleibt nur der ärztliche Tonfall übrig, das „Wir erleben gerade“; gerichtet an eine Gegenwart, die durchaus Symptome zeigt, aber nie lange genug stillhält für eine stichhaltige Anamnese.
Die klassische Zeitdiagnose, von Adorno bis Baudrillard, beobachtete von außen und war um Distanz bemüht. Man sollte die Analyse teilen, nicht aber den Lifestyle. Die Tiktok-Diagnose lädt dagegen zur Identifikation ein. „Brat Summer“ war keine Analyse des Sommers 2024, sondern ein Angebot, sich selbst auf eine bestimmte Weise wahrzunehmen und darzustellen.
Offenbar entsteht hier also eine neue Form der Gegenwartsanalyse. Eine, die nicht auf Erkenntnis zielt, sondern auf Identifikation und Resonanz. Eine, die man im Moment fühlen und nicht in ihrer Dauer verstehen soll.
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