Angriff auf Linken Hakan Taş

„Wir dürfen nicht einknicken“

Der Berliner Linke-Abgeordnete Hakan Taş wurde angegriffen – nicht zum ersten Mal, aber diesmal von einem Türkeistämmigen.

Hakan Taş

Hakan Taş bei einer Rede im Berliner Abgeordnetenhaus Foto: dpa

Herr Taş, Sie wurden am Montag auf offener Straße in Kreuzberg attackiert. Wie kam es zu dem Angriff?

Hakan Taş: Ich war nach der Verleihung des Inklusionspreises im Roten Rathaus in Kreuzberg etwas essen. Danach ging ich zurück zu meinem Auto, das ich am Segitzdamm in der Nähe des Oranienplatzes geparkt hatte. Dort auf dem Bürgersteig stand ein etwa 25-bis 30 Jahre alter Mann, der mich sofort auf Türkisch beleidigt hat. Er hat mich als dreckigen Vaterlandsverräter und Hurensohn beschimpft. Dann spürte ich schon einen Schlag an meinem Kopf. Es hat sich angefühlt, als hätte er noch einen Gegenstand in der Hand. Einem zweiten Faustschlag konnte ich noch ausweichen. Dann ist er Richtung Kottbusser Tor weg gerannt.

Waren Sie verletzt?

Ich war alleine und wusste gar nicht richtig, was geschehen ist. Ich habe geblutet, bin unter Schock aber erst mal zum Abgeordnetenhaus gefahren, da ich eigentlich eine Sitzung des Kulturausschusses hatte. Meine Kollegen haben mir dann geraten, zum Arzt zu gehen. Ich habe eine ein bis zwei Zentimeter große, drei Zentimeter tiefe Platzwunde davongetragen.

Wie geht es Ihnen jetzt?

Heute geht es mir schon wieder besser. Der Schockzustand von gestern ist vorbei. Ich habe jedoch ein ungutes Gefühl, da ich jetzt als Prozessbeobachter nach Ankara fliege.

51, sitzt seit 2011 für die Linke im Berliner Abgeordnetenhaus. Er ist sicherheits-, integrations- und partizipationspolitischer Sprecher seiner Fraktion.

Was befürchten Sie?

Womöglich war das kein zufälliger Angriff, sondern ein gezielter. Meine Reise zu den Prozessen gegen die beiden Vorsitzenden der linken prokurdischen Demokratischen Partei der Völker HDP, Figen Yüksekdaǧ und Selahattin Demirtaş, habe ich vorher anmelden müssen und sie sind auch öffentlich bekannt. Es ist aber nur eine Vermutung, dass die türkischen staatlichen Stellen damit etwas zu tun haben könnten.

Sie sind als Kritiker des türkischen Staatspräsidenten Erdoğan und von dessen Politik bekannt.

Meine Haltung zur türkischen Regierung und ihrem Umgang mit Kurden und Minderheiten ist klar. Auch fliege ich nicht zum ersten Mal in die Türkei als Prozessbeobachter. Erst vor einigen Wochen war ich in Mittelanatolien bei dem Prozess gegen die Oberbürgermeisterin von Diyarbakır, Gültan Kışanak.

Haben Sie schon zuvor Erfahrungen mit Angriffen gemacht?

Ich bin in diesem Jahr bereits zwei Mal verbal attackiert worden, zudem beleidigt und angespuckt. Im Wahlkampf wurden meine Plakate von türkischen Nationalisten beschädigt, mit Zeichen der nationalistischen und rechtsextremen Grauen Wölfe. In meinem Wahlkreis in Reinickendorf wurden von islamistischen Kreisen SMS an türkische Wähler verschickt mit dem Aufruf, mich nicht zu wählen. Auf Internetseiten werde ich immer wieder als Vaterlandsverräter bezeichnet. Insofern sind solche Sachen also nicht neu. Es ist allerdings das erste Mal, dass ich von türkischer Seite körperlich attackiert und verletzt worden bin.

Von anderer Seite schon?

Vor einigen Jahren hat mich ein Nazi am Rande einer Bärgida-Demonstration am Hauptbahnhof angegriffen. Damals bin ich aber nicht verletzt worden. Meine Autoreifen sind zerstochen worden, an meiner Wohnungstür waren SS-Runen. Drei Jahre lang wurde meine Privatadresse vom Objektschutz bewacht. Das ist aber 2016 eingestellt worden.

Was machen diese Attacken mit Ihnen?

Wenn man seine politischen Überzeugungen öffentlich macht, steht man in der Kritik. Manchmal bleibt es leider nicht dabei. Nichtsdestotrotz haben mich die Angriffe nicht in meiner Überzeugung geschwächt. Vor allem auf die Verhältnisse in der Türkei müssen wir immer wieder aufmerksam machen. Wir dürfen vor Erdoğans Diktatur nicht einknicken, ganz im Gegenteil. Schließlich sitzen dort mehr als 170 Journalisten in Haft, auch viele Abgeordnete und Menschenrechtsaktivisten. Sie brauchen unsere Solidarität, nicht nur aus der Ferne, sondern auch vor Ort. Deswegen habe ich mich auch entschlossen, dennoch zu fliegen.

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