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Angebliche Einserschwemme beim AbiDie komplett falsche Debatte

Ralf Pauli

Kommentar von

Ralf Pauli

Wieder soll es Ab­itu­ri­en­t:in­nen geben, die am Ende ihrer Schulzeit ein leicht verdientes Zeugnis bekommen haben. Das ist so falsch wie fatal.

F ür Schü­le­r:in­nen ist das Ende des Schuljahrs meist ein Grund zum Feiern – für den Rest der Bevölkerung leider nicht. Daran sind auch die unvermeidlichen ­Bullshitdebatten schuld, die pünktlich zu den Sommerferien losgetreten werden: etwa wenn sich die nordrhein-westfälische Schulministerin über die unverdienten bajuwarischen Privilegien der späten Ferienzeiten beschwert – aber gleichzeitig das Einstimmigkeitsprinzip in der Kultusministerkonferenz mitträgt, das jede Änderung verhindert.

Gänzlich sinnbefreit ist, wie Leh­rer:in­nen­verbände und Uni­ons­po­li­ti­ker:in­nen aktuell wieder mal das Ende des Leistungsprinzips beklagen, weil aus ihrer Sicht zu viele Ab­itu­ri­ent:in­nen eine Topnote geschafft haben. Zunächst ein kleiner Faktencheck für die Früher-war-alles-besser-Fraktion: Für eine „Flut an Einser-Abis“, wie sie Stefan Düll, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, gerade wieder beklagt, gibt es schlicht keine Datengrundlage. In manchen Ländern wie Bayern oder Hessen gibt es in diesem Jahr zwar wieder mehr 1,0-Schnitte – in anderen wie Sachsen oder Niedersachsen aber nicht. Und wenn mehrere Ministerien öffentlich widersprechen, wäre das eigentlich ein guter Moment, die eigene Argumentationskette zu reflektieren.

Aber selbst wenn Düll recht hätte mit seiner Behauptung, wäre die Aufregung irritierend. Ein Schulsystem, das Jahr um Jahr 50.000 Ab­bre­cher:in­nen produziert und das Nichtakademikerkinder systematisch gleiche Bildungschancen verwehrt, hat ein ganz anderes Leistungsproblem als das der Benotung guter oder sehr guter Gymnasiast:innen. Es wäre schön, wenn der Verband diese Missstände mit der gleichen Verve anprangerte.

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Dazu gehört auch die Frage, warum sich Deutschland als nahezu einziges westliches Industrieland noch die frühe Verteilung in Gymnasien und andere Schulformen leistet – obwohl längst nachgewiesen ist, wie sehr das die Chancenungleichheit im Land zementiert. Diese Frage ist dringlich. Ob den ohnehin privilegierteren Schü­ler:in­nen beim Abitur möglicherweise noch was „geschenkt“ wird, nicht.

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Ralf Pauli

Ralf Pauli Redakteur Bildung/taz1

Seit 2013 für die taz tätig, derzeit als Bildungsredakteur sowie Redakteur im Ressort taz.eins. Andere Themen: Lateinamerika, Integration, Populismus.
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1 Kommentar

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  • Statistiken zeigen große Unterschiede:



    de.statista.com/st...der-bundeslaender/



    Die Begründung aus Thüringen war früher interessant, offensichtlich selbstbewusst, was die pädagogische Qualität und die Voraussetzungen der SchülerInnen angeht. Bayern sah das ganz anders.



    Diese Unterschiede sind keine aktuellen Ausreißer.