Angebliche Clankriminalität in Hamburg: Shishabars aufm Kieker

In Shishabars wird derzeit besonders intensiv die Einhaltung der Coronamaßnahmen überprüft. Die CDU will noch mehr Razzien.

Fassade einer Shishabar

Angeblicher Hort von Kriminellen: Shishabars Foto: Christian Charisius/dpa

HAMBURG taz | Es ist Nachmittag. Chanupa Fuat sitzt am Fenster seiner Shishabar in Altona. Seit dem Mittag hat das Lokal geöffnet. Einige wenige Gäste sitzen auf einem der ledernen Sofas. Fuat ist genervt. „Geht das schon wieder los?“, fragt er. Schon die Coronamaßnahmen seien hart gewesen, die dazugehörigen Kontrollen ebenfalls. Klar, wie überall anders gebe es auch in seiner Branche schwarze Schafe. „Aber mit solchen Maßnahmen werden wir diskriminiert“, sagt Fuat.

Öffentlichkeitswirksam kontrolliert die Polizei gemeinsam mit der Gesundheitsbehörde und den Bezirksämtern derzeit Bars, Klubs und Kneipen. Teils Hunderte Beamt*innen sind dabei im Einsatz, um die Einhaltung der Coronaregeln zu überprüfen. Immer besonders im Blickpunkt: Shishabars.

Die CDU meint nun, dass in diesen Lokalitäten auch vermehrt wegen der sogenannten Clankriminalität Razzien durchgeführt werden sollten. „Wenn die Polizei gemeinsam mit anderen Behörden im Verbund die Coronamaßnahmen kontrollieren kann, muss das erst recht bei Kriminalität geschehen“, sagt der Bürgerschaftsabgeordnete Dennis Gladiator.

Als Vorbild führt er Nordrhein-Westfalen an. Dort wird unter Innenminister Herbert Reul (CDU) die „Politik der tausend Nadelstiche“ betrieben. „So können illegale Strukturen aufgedeckt und Parallelgesellschaften verhindert werden“, sagt Gladiator.

Viele Razzien, kaum Verstöße

Die Innenbehörde will die Forderungen nicht kommentieren und verweist auf bisherige Einschätzungen der Polizei. Demnach ist die Clankriminalität, so lässt sich herauslesen, in der Hansestadt überschaubar.

Thomas Feltes, Kriminologe an der Bochumer Ruhr-Universität, hält von Aktionismus à la Reul wenig. „Man will ganz offensichtlich Menschen, denen man unterstellt, eine Gefahr für unsere Gesellschaft zu sein, aber denen man Straftaten nicht oder nur schwer nachweisen kann, das Leben so schwer wie möglich machen“, sagt Feltes.

So hätten die vielen Razzien in Nordrhein-Westfalen wegen äußerst geringer festgestellter Verstöße kaum die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen gerechtfertigt. Auch Bar-Betreiber Fuat hält den ständigen Fokus auf Shishabars als angebliche Orte kriminellen Handelns für nicht gerechtfertigt.

Für Feltes ist unverständlich, warum die Betreiber wegen möglicher krimineller Handlungen ihrer Gäste leiden sollten. „Man käme wohl kaum auf die Idee, bei einer Razzia in einem Edelrestaurant den Fund von etwas Kokain bei einem Gast dem Betreibenden der Lokalität zuzurechnen“, sagt Feltes.

Auch andere Kneipen beklagen „Razzien-Stil“

Schon die Kontrollen in der Gastronomie sind umstritten. Das Hamburger Barkombinat, in dem sich vor allem Kneipen aus St. Pauli und der Sternschanze zusammengeschlossen haben, beklagt überambitionierte Kontrollen. „Den Razzien-Stil, in dem die Kontrollen von Behörden, Politik und Polizei durchgeführt wurden, finden wir hochproblematisch“, heißt es in einer Mitteilung.

Erst am Mittwoch wurden 22 Shishabars kontrolliert. Nennenswerte Verstöße wurden nicht festgestellt

Dabei ist zumindest fraglich, ob einzelne bekannt gewordene Verstöße gegen Coronaregeln überhaupt ein realistisches Bild über deren Einhaltung in Shi­shabars abgeben. Am Mittwochabend erst wurden insgesamt 22 Shishabars überprüft. Eine Bar wurde wegen zu hoher Kohlenmonoxidwerte im Raum vor­übergehend geschlossen. Nach Angaben des Lagedienstes wurden allerdings keine nennenswerten Verstöße gegen die Eindämmungsverordnung festgestellt.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben