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Wie lassen sich Momente der Liebe einfangen? Das Kollektiv femxphotographers.org sagt: in all ihrer Komplexität. Deshalb zeigt es in seinem Buch „Love“ gleich 25 Perspektiven auf sie
Von Lilli Braun
Zwei Hemden, eins einfarbig, eins kariert, sorglos an der Tür aufgehängt. Eine Notiz, hinterlassen auf dem Bett. Es sind einfache Bilder, die Lee Everett Thieler in Kreuzberg aufgenommen hat, und trotzdem wecken sie ein Gefühl von Wärme, Geborgenheit. Die Bildserie von Thieler ist eine von 25 im dritten Buch von „femxphotographers.org“, einem Kollektiv weiblich gelesener und non-binärer Fotograf*innen.
Im Buch geht es ganz unmissverständlich um die Liebe. „LOVE“ heißt es, groß und in roten Buchstaben prangt der Titel auf dem Einband. Eine ganz klare und eine verschwommene, wellige Version des Wortes stehen hier untereinander. Genauso wie Liebe verschwommen, unklar, fragil sein kann. Mit eben dieser Vielgestalt setzt sich das Kollektiv auseinander. Und wie wir sie, und die Menschen, die wir lieben, einfangen können. Sie beziehen sich dabei auf Autorin und Feministin bell hooks, für die Liebe etwas Alltägliches war, etwas, das immer präsent ist, ständig gespürt werden kann. Und für die Liebe kein Zustand, sondern ein Tun ist, das immer wieder erprobt werden muss.
Die femxphotographers übersetzen diese Gedanken in Bilderserien. Die verschiedenen Fotograf*innen nehmen uns mit, in ihre Familien, ihre Gemeinschaften, und laden uns ein, daran teilzuhaben, wie sie Liebe wahrnehmen, wie sie sie ausdrücken und hinterfragen. Zusammengehalten werden die Serien durch das Design, jedes Foto ist schwarz-weiß. Und wie ein roter Faden zieht sich auch die Suche durch das Buch. Die Suche nach der anhaltenden, nach der alltäglichen Liebe.
Jocelyn Lee findet sie in ihrer Mutter Gayle, die sie in einer Zeitspanne von 28 Jahren immer wieder fotografiert. Die eine Frau zeigt, die sich verändert. Deren Gesicht faltiger, deren Haut fleckiger wird, aber deren Wesen gleich bleibt. Man sieht es in der immergleichen krausen Kurzhaarfrisur, den immergleichen Nachthemden, dem immergleichen leicht strengen, aufmerksamen Blick. Dem Blick, den sie auch im letzten Bild beibehält, in dem ihre Haare nicht mehr kraus, sondern abrasiert sind. In dem sie nicht mehr im eingelebten Schlafzimmer, sondern in einem sterilen, weißen Krankenhauszimmer sitzt.
Thalía Gochez findet sie in der innigen Umarmung, dem Kopf, der an die Halsbeuge gedrückt wird. Dem zufriedenen Lächeln und dem Schriftzug auf dem dunklen T-Shirt: „Shoutout to Immigrant Parents, who came here with nothing but gave us Everything“. Sie findet sich im Verlangen, in den verschlungenen Körpern in „pink orchids“ von Kirsten Becken, der Distanz, dem respektvollen, dem unsicheren Blick in „Solomon“ und „Malika“ von Maïmouna Guerresi.
Sieht man diese Bildstrecken, dann scheint es die konsequente Auseinandersetzung zu sein, diesem Begriff gerecht zu werden. Durch die Arbeit im Kollektiv wird die Liebe vielschichtig, komplex, subjektiv. Und sie wird politisch, zeigt Bilder aus Zeiten, in denen es nicht allen erlaubt ist, sich liebend zu zeigen. Auch hier bezieht sich das Kollektiv auf bell hooks: „The moment we choose to love we begin to move against domination, against oppression.“
Nach diesem Prinzip richtet sich auch die Arbeit von femxphotographers.org generell. Das Kollektiv hat 15 Kernmitglieder, an diesem Buch haben sich zehn weitere Gäste beteiligt. Gemeinsam publizieren sie Bücher, kuratieren Ausstellungen und organisieren Events. Das Kollektiv soll aber auch ein Ort der Solidarität und gegenseitiger Unterstützung sein, in einer Kunstwelt, in der die Perspektiven von Frauen und non-binären Künstler*innen weiterhin unterrepräsentiert sind.
Charlotte Cotton (Hrsg.): „Love“, Verlag Hantje Cantz, Berlin 2025, 176 Seiten, 34 Euro
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