Altonaer Bezirkschefin über ihre Arbeit: „Ich bin ein politischer Mensch“

Vor einem Jahr wurde sie in Altona Hamburgs erste grüne Bezirksamtschefin: Stefanie von Berg über die Perspektiven des Bezirks.

Stefanie von Berg im Rathaus-Flur

Würde gern mehr durch Altona reisen: Stefanie von Berg Foto: Andrea Kueppers

taz: Frau von Berg, sind Sie als Bezirksamtsleiterin mehr Politikerin oder Verwaltungschefin?

Stefanie von Berg: Ich bin genau dazwischen. Ich bin zuvorderst Beamtin der Stadt Hamburg. Aber ich bin auch ein zutiefst politischer Mensch, der zu Themen Stellung nimmt, die nicht nur Altona betreffen. Da unterscheide ich mich von vielen Bezirksamtsleitungen.

Was unterscheidet Sie noch von Ihren SPD-Kolleg*innen?

Klimaschutz und die damit verbundene Mobilitätswende haben für mich einen deutlich größeren Stellenwert. Was nicht bedeutet, dass nicht auch unter einer grünen Bezirkschefin mal Bäume gefällt werden müssen.

Gibt es auch eine andere Art, eine Behörde zu führen?

Ja, aber ich weiß nicht, ob das spezifisch grün ist. Ich bin ein sozialer Mensch, gehe auf andere zu, lebe das Prinzip: „Führen durch Vorbild“ und finde den Satz: „Wer führen will, muss fröhlich sein“ – auch wenn es manchmal schwerfällt – richtig.

Was hat Sie in Ihrer Amtszeit am meisten beeindruckt?

Sehr viel dreht sich darum, die Pandemie zu wuppen. Mich beeindruckt, mit wie viel Engagement die Mitarbeiter*innen durch die Coronakrise gehen. Fast alle leisten nahezu klaglos erhebliche Mehrarbeit – auch an Wochenenden. Und mit der Digitalisierung der Verwaltung sind wir – auch, aber nicht nur durch Corona – weit gekommen.

Das heißt?

Es gab bei meinem Amtsantritt nur wenige Mitarbeiter*innen, die auch Telearbeit gemacht haben und zu Hause voll ausgestattet waren. Inzwischen sind wir bei etwa 70 Prozent angelangt, die gleich gut von ihrem Büro und von Zuhause arbeiten können. Ziel ist es, hier auf annähernd 100 Prozent zu kommen. Das wird nicht überall gehen: Eheschließungen kann man kaum digital machen.

56, studierte Pädagogik und war von 2011 bis 2018 für die Grünen Mitglied der Bürgerschaft. Am 2. Dezember 2019 trat sie ihr Amt als Altonaer Bezirksamtsleiterin an.

Sie haben den größten Teil ihrer bisherigen Amtszeit in der Pandemie zugebracht.

Ich wollte viel mehr durch den Bezirk reisen, Bürgertreffs und Vereine besuchen. Dass ich das nicht tun kann, ist schade. Und vieles andere wird in Zukunft aufgrund der Finanzlage auch nicht mehr möglich sein.

Was erwartet die Bezirke?

Wenn es nicht einen wahnsinnigen Wirtschaftsaufschwung gibt, wird ab 2023 das Geld knapp werden. Das trifft uns hart. Vieles abseits der Grunddienstleistungen wird man im Bezirk kaum noch finanzieren können. Da könnte ein wichtiger Klebstoff der Gesellschaft wegfallen.

In Altona wird mit wechselnden Mehrheiten regiert. Das macht es für Sie nicht leicht.

Ich finde es richtig gut, dass ich durch diese Herausforderung gezwungen bin, mit allen Fraktionen in engem Kontakt zu bleiben und einen intensiven, vertraulichen Austausch zu pflegen. Das ist charmant, weil es sehr sachorientiert ist.

Altona ist ein Bezirk extremer sozialer Unterschiede – mit den Elbvororten, aber auch Lurup und dem Osdorfer Born. Ist diese soziale Schere Belastung oder Herausforderung?

Das macht den Reiz dieses Bezirks aus. Es ist die Aufgabe, Lurup und Osdorf so zu durchmischen und die soziale Infrastruktur zu stärken, dass wir keine Brennpunkte mehr haben. Die soziale Durchmischung in Nienstedten und Blankenese ist da schon schwieriger. Da habe ich für die Flüchtlingsunterkunft am Björnsonweg gekämpft und mich auch dafür beschimpfen lassen.

Dort sind die Fronten verhärtet. Einige Annwohner*innen werfen der Politik Wortbruch vor. Kann es da noch ein Miteinander bei einer Lösung um die zukünftige Verwendung der Flächen geben?

Es wird schwierig sein, diejenigen zu überzeugen, die ganz gegen die Flüchtlingsunterkunft an dieser Stelle sind. Ich werde ihnen nur erläutern können, wie sich das juristisch verhält. Es gibt aber viele Menschen, die es gutheißen, dass da eine Flüchtlingsunterkunft ist und erst mal so bleiben soll. Darauf will ich unser Handeln aufbauen.

Zeigt dieser Konflikt nicht, dass es in den Bezirken andere Formen der Kooperation zwischen Bürger*innen, Politik und Verwaltung geben muss?

Es ist gut, wenn es einen Mix von Bürger*innen in einem Quartier gibt, die sich mit ihrem Stadtteil und seinen Perspektiven beschäftigen und mit der Politik in Kontakt treten, was man verändern kann. Das muss sich vor Ort entwickeln und wir können den Prozess dann begleiten. Es gibt Beispiele wie den Stadtteilbeirat in der Schanze, die Borner Runde oder das Luruper Forum. Aber so etwas existiert nicht regelhaft, weder in Altona noch in Hamburg.

Auch beim Projekt „Autoarmes Ottensen“ hat sich gezeigt, wie schwierig das Thema Bürgerbeteiligung ist – Sie fanden eine sehr zerstrittene Initiativenlandschaft vor.

Leider stehen sich einzelne Initiativen immer noch unversöhnlich gegenüber.

Um das Projekt ist es still geworden. Ein Update bitte!

Wir haben den Beschluss der Bezirksversammlung, Ottensen autoarm zu gestalten. Es geht also nicht mehr um das Ob, sondern nur noch um das Wie. Wir wollen zusammen mit der Politik im Frühjahr konkrete Umsetzungsvorschläge machen und natürlich die Anwohner*innen und Gewerbetreibenden an unseren Planungen beteiligen.

Bleiben wir beim Verkehr. Wie konkret sind Ihre Pläne, das Schulterblatt am Wochenende für Autos zu sperren?

Mit der Idee wollten wir der Situation auf dem Schulterblatt während der Pandemie begegnen. Das Schulterblatt nur am Wochenende zu sperren, hätte wohl eine Befeuerung der Ballermannisierung bewirkt. Wenn, dann muss man das Schulterblatt dauerhaft autoarm machen und sich genau überlegen, wie man den bisherigen Straßen- und Parkraum neu gestaltet. Ich möchte den Menschen die Schanze als Wohnquartier, dessen Qualität zuletzt stark gelitten hat, zurückgeben und den Weg dahin Schritt für Schritt mit den Bewohner*innen entwickeln.

Beim Thema Sternbrücke haben Sie sich viel Unmut zugezogen, weil Sie bereits im Mai die Entscheidung für die Mammut-Brücke als faktisch unkorrigierbar bezeichnet haben. War das Ihr Job?

Mein Job war das nicht und ich hätte auch den Mund halten können. Ich habe eine Planung vorgefunden, bei der die Weichen gestellt waren und eine Umplanung mindestens 35 Millionen Euro zusätzlich verschlungen hätte. Das habe ich ganz sachlich festgestellt.

Dabei waren Sie nie ein Fan der geplanten Konstruktion.

Diese Brücke ist überdimensioniert. Als ich das erste Mal eine Animation von ihr gesehen habe, dachte ich an einen misslungenen Aprilscherz.

Die Magistralen, die großen Verkehrsadern, sollen für den Wohnungsbau entwickelt werden. Wie wollen Sie dort eine annehmbare Wohnqualität schaffen?

Das Thema „Leben entlang der Hauptstraßen“ wurde vor Jahren in Altona geboren und ist eng verknüpft mit einer Mobilitätswende. Magistralenentwicklung heißt nicht, eine Straße, durch die täglich 85.000 Autos donnern, am Rand mit achtstöckigen Wohnblocks zu bebauen. Die Voraussetzung ist ein neuer Mobilitätsmix mit deutlich weniger Autoverkehr, Protected Bike-Lanes, separaten Busspuren und viel Platz für Fußgänger*innen.

Und architektonisch?

Es muss eine Bebauung entstehen, die durch Orte der Entspannung wie Parks aufgelockert wird, unterschiedliche Bauhöhen aufweist und durch eine verbesserte Infrastruktur der Nahversorgung flankiert wird. Wir dürfen auch mal höher bauen, aber dann ansprechende Quartiere, die wir mit grünen Fassaden und Dachgärten gestalten, die das Stadtklima verbessern und Auf­enthalts­qualität schaffen.

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