: Alle anderen waren zu spät
In Regina Schillings „Ingeborg Bachmann – Jemand, der ich einmal war“ spielt Sandra Hüller aus, was die Blicke der anderen von der progressiven Denkerin übrig ließen. Dabei lässt sie auch Reibung zu
Von Philipp Rhensius
Kleine Punkte schwirren über die Leinwand. Sie verdichten sich kurz zu Formen und werden wieder zu Punkten. Die Punkte sind eigentlich Vögel. Schlagartig ändern sie ihre Flugbewegungen. So beginnt „Ingeborg Bachmann – Jemand, der ich einmal war“. Ein passendes Bild für eine Doku, die sich weniger für biografische Gewissheiten interessiert als für die flüchtigen Konstellationen, aus denen sich ein Leben zusammensetzt. Historische Fotos stehen neben Radio- und Fernsehinterviews, Tagebucheinträgen und Zitaten. Dazwischen bewegt sich Sandra Hüller. Gleich zu Beginn betritt die Schauspielerin eine der römischen Wohnung Bachmanns nachempfundene Kulisse und sagt: „Hier kann sie beginnen, unsere Seance.“
Hüller ist keine Bachmann-Doppelgängerin. Sie ist das, was von Bachmann übrig ist, nachdem Generationen versucht haben, sie zu erklären. Immer wieder ist sie in Reenactments in der Wohnung zu sehen. Sie gießt Blumen, raucht Zigaretten, nimmt Tabletten, die sie mit Cognac herunterspült oder tippt auf einer Schreibmaschine.
Einmal sitzt sie vor einem leeren Blatt und sagt: „Ich existiere nur, wenn ich schreibe.“ Wer selbst schreibt, kennt dieses Gefühl, dass der eigene Selbstwert an die Produktion von Sätzen gekoppelt ist.
Als eine Stimme aus dem Off sie bittet, den Satz noch einmal zu sprechen – diesmal selbstbewusster –, antwortet Hüller: „Das ist schwierig in dieser Haltung, aber ich versuch’s.“ Schilling lässt beide Takes stehen. Sie stellt keine authentische Autorin her, sie macht die Reibungen sichtbar, die jede Annäherung an sie erzeugt.
Nicht jede der nachgestellten Szenen ist gelungen. Manche bleiben illustrativ. Doch Hüller bewahrt sie davor, zu bloßen Nacherzählungen zu werden. Sie ist eine Art Medium. Die Seance ist mehr als ein hübsches Bild. Schilling interessiert sich weniger dafür, wer Bachmann gewesen ist, als dafür, wie ihre Stimme bis heute durch die Bilder hindurchspukt, die andere von ihr gemacht haben.
Wie Erinnerungsfetzen tauchen einzelne Stationen ihres Lebens auf: die Bombennächte in ihrer Heimat Klagenfurt 1944, in denen sie lieber Rilke und Baudelaire las, als in den Bunker zu flüchten; der frühe Ruhm nach dem Preis der Gruppe 47; die obsessive Arbeit an ihrem unvollendeten Projekt „Todesarten“; die Beziehungen zu den Autoren Paul Celan und Max Frisch; die Freundschaft mit Hans Werner Henze, für dessen Stücke sie Libretti schrieb.
Einmal sagt Bachmann, sie könne nur mit Männern existieren. Jahre später schreibt sie an Max Frisch, sie wolle nie wieder mit einem Mann zusammenleben. Der Film belässt diesen Widerspruch – und beobachtet die Öffentlichkeit, die daraus eine Erzählung machte. In den Archivaufnahmen erscheint die Literaturszene der Nachkriegsjahrzehnte als hermetischer Männerbund: arrogante Moderatoren, gönnerhafte Kritiker, die selbst im Lob noch herablassend über die schreibende Frau sprechen. Bachmann benannte das bereits. Und wird dafür als „emotional“ kritisiert. Vieles von dem, was heute klar als sexistisch benannt werden würde, wurde damals womöglich einfach weggelächelt.
Name Nachname, FunktionIc
Bis heute wird Bachmann oft über ihre Beziehungen gelesen. Schilling setzt dem eine analytische Schärfe entgegen. Wenn sie 1971 sagt, „Die Männer sind unheilbar krank“, wirkt das sehr gegenwärtig. Vieles, worüber sie sprach, ist heute nicht verschwunden. Bachmann war nicht zu früh. Alle anderen waren zu spät aufgewacht. Doch ihr Interesse erschöpfte sich nicht in solchen Diagnosen. Es galt auch der Sprache, die die Verhältnisse sichtbar macht. „Ich habe ja keine neue Sprache“, sagte sie einmal. „Aber ich glaube, dass die deutsche Sprache in einem neuen Zustand sein muss, wenn man mit ihr neue Dinge sagen kann.“
Mit dem düsteren Soundtrack von Soap&Skin wirken die Archivbilder, als würden sie von der Gegenwart heimgesucht. Die Vergangenheit spukt weiter – die Kulturtheorie sollte das später Hauntology nennen. Bachmann wäre am 25. Juni 2026 100 geworden. Statt Gedenkveranstaltung macht Schilling zum Jubiläum eine Stimme hörbar, die noch immer unbequem klingt.
„Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“. Regie: Regina Schilling. Mit Sandra Hüller. DE/AUR 2026, 95 Min.
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