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Allbelarussischer Volkskongress Augenwischerei in Minsk

Kommentar von

Barbara Oertel

Reine Symbolpolitik betreibt Lukaschenko mit der Versammlung seiner Getreuen. Den Zorn seiner Landsleute wird er damit kaum befrieden.

F ür wie dumm hält Belarus`sogenannter Präsident Alexander Lukaschenko seine Landsleute eigentlich? Mit einem pompös inszenierten zweitägigen Allbelarussischen Volkskongress, der auch über Verfassungsänderungen diskutieren soll, meint er, dem Unmut in der Bevölkerung etwas entgegen setzen zu können. Direkte Demokratie à la Lukaschenko eben.

Das Gremium an sich ist schon ein schlechter Witz: Lediglich mit symbolischen Kompetenzen ausgestattet und ohne klaren rechtlichen Status fiel der Kongress in der Vergangenheit eher durch Ergebenheitsadressen an den weisen Führer denn substantielle Entscheidungen auf. Diesmal sind rund 2.700 Delegierte geladen – allesamt handverlesen von der Staatsmacht und wahrscheinlich das letzte Aufgebot von Getreuen, das Lukaschenko noch zusammenkratzen kann.

Wie weit sich Lukaschenko bereits von der Realität abgekoppelt hat, zeigen auch seine Vorbedingungen, sollte er seinen Sessel wirklich freiwillig räumen. Ruhe, Ordnung, die Einstellung aller Proteste und Meinungsäußerungen im Rahmen geltender Gesetze. Sollten „andere“ an die Macht kommen, dann bitte doch garantierte Straffreiheit für ihn und alle seine Handlanger.

So sieht sie also aus, die schöne heile Welt von Alexander Lukaschenko – des Mannes, der seit seiner grandiosen Wiederwahl im vergangenen August für Festnahmen, Folter und Verurteilungen tausender Be­la­rus­s*in­nen verantwortlich ist. Auch das Motto der Show „Einheit! Entwicklung! Unabhängigkeit!“ ist purer Zynismus. Schon in diesem Monat will Lukaschenko wieder beim Nachbarn Russland zu Kreuze kriechen und um einen weiteren Kredit nachsuchen.

Sein Außenminister Uladzimir Makej sinniert öffentlich darüber, den in der Verfassung verankerten Neutralitätsstatus des Landes zugunsten einer Ausrichtung auf Russland aufzugeben. Und die „Opposition“, die de facto die Mehrheit ist? Sie spricht von “Lukaschenkos Wanderzirkus mit ausgewählten Marionetten und Publikum“ und einem ersten Schritt hin zu einem Verfassungsputsch. Doch diese Kommentare, so richtig in der Sache sie auch sein mögen, werden nicht ausreichen.

Die Frage vielmehr ist, ob die alternative Präsidentschaftskandidatin Swetlana Tichanowskaja und ihre Mit­strei­te­r*in­nen ihre An­hän­ge­r*in­nen auch nach so vielen Monaten bei der Stange halten und weiter mobilisieren können. A propos: Im Herbst 1996 ebnete der Allbelarussische Volkskongress den Weg zu einem Verfassungsreferendum. Das Ergebnis: Fast unbeschränkte Vollmachten für Alexander Lukaschenko.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Barbara Oertel Ressortleiterin Ausland

Geboren 1964, ist seit 1995 Osteuropa-Redakteurin der taz und seit 2011 eine der beiden Chefs der Auslandsredaktion. Sie hat Slawistik und Politikwissenschaft in Hamburg, Paris und St. Petersburg sowie Medien und interkulturelle Kommunikation in Frankfurt/Oder und Sofia studiert. Sie schreibt hin und wieder für das Journal von amnesty international. Bislang meidet sie Facebook und Twitter und weiß auch warum.
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1 Kommentar

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  • Barbara Falk

    Es soll sich diesmal um einen Kreditbetrag von drei Mrd. Dollar handeln. Das Loch in der Kriegskasse wird immer größer.

    Aber ich denke nicht, dass Lukaschenko dafür "zu Kreuze kriechen" muss. Er kann das gelassen sehen, er weiß ja, dass Putin in der aktuellen Situation zahlen muss.