Alkoholverbot im Nahverkehr: So einfach ist das nicht
Brandenburgs Infrastrukturminister Robert Crumbach schlägt ein Alkoholverbot im Nahverkehr vor. Sicherlich sinnvoll, aber ist es realistisch?
G eht es nach Robert Crumbach, ist die Sache einfach: Mit einem Alkoholverbot will er für mehr Sicherheit im Nahverkehr sorgen. Der SPD-Infrastrukturminister in Brandenburg sagt im Interview mit dem Tagesspiegel, dass er den Hauptgrund für Sicherheitsprobleme im Alkoholkonsum sehe und dass man darüber nachdenken müsse, ob man Alkoholkonsum in Zügen, auf Bahnhöfen und Bahnsteigen künftig weiter tolerieren wolle.
Insbesondere Frauen dürften dem Vorschlag positiv gegenüberstehen. Alkohol senkt die Hemmschwelle für physische und verbale Übergriffe, was insbesondere in Zügen bedrohlich wirken kann. Im Falle eines physischen Übergriffs sind Frauen Männern oft unterlegen, empfinden also eher ein Gefühl der Bedrohung und würden deswegen von einem Alkoholverbot durch ein erhöhtes Sicherheitsgefühl profitieren.
Außerdem ist das Thema überaus aktuell. Nach einem tödlichen Angriff auf einen 36-jährigen Zugbegleiter im Januar bekam die schlechte Sicherheitslage für Bahnmitarbeiter*innen viel öffentliche Aufmerksamkeit.
Im Februar veranstaltete die Deutsche Bahn deswegen einen Sicherheitsgipfel und beschloss unter anderem, Bahn-Mitarbeitenden mit Kundenkontakt Bodycams zur Verfügung zu stellen. Außerdem soll die verpflichtende Ausweiskontrolle entfallen. Das Bahnpersonal soll bessere Schutzausrüstung bekommen. Das von Brandenburg ins Spiel gebrachte Alkoholverbot im Nahverkehr wäre eine weitere Maßnahme, die für mehr Sicherheit sorgen soll. In Niedersachsen ist ein Alkoholverbot in Regionalzügen bereits in Kraft.
Aber ist das auch sinnvoll und realistisch? Mit einem Alkoholverbot würden auch Personen, die sich an einem Bahnhofskiosk bloß „ein Bier für unterwegs“ kaufen, in Sippenhaft genommen. Bei vielen Menschen gibt es darüber hinaus eine Abwehrhaltung gegen eine als erzieherisch empfundene Verbotskultur.
Auf der anderen Seite ist es Bahnangestellten sicherlich angenehmer, wenn Betrunkene im Zug nicht noch weiter Alkohol konsumieren oder wenn sie daran gehindert werden können, alkoholisiert in den Zug zu steigen.
Das Problem ist die Umsetzung
Das eigentliche Problem dürfte die Umsetzung sein. Für Bahn-Beschäftigte, die allein im letzten Jahr rund 3.000 körperliche Übergriffe erlebt haben, könnte die Durchsetzung eines Alkoholverbots eine zusätzliche Gefährdung bedeuten.
Beim Sicherheitsgipfel scheiterte schon die Forderung der Gewerkschaften, Kontrollen in Zweierteams durchzuführen, an fehlenden finanziellen Mitteln. Mehr Personal für die Umsetzung eines Alkoholverbots dürfte also unrealistisch sein.
Ein Alkoholverbot im Nahverkehr ist, so sinnvoll es sein mag, ein realitätsferner Vorschlag.
Die Autorin (18) ist Schülerpraktikantin bei der taz.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!