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Album von Rapper Vince StaplesWarum der Tod ihr Entertainment ist

Das neue Album von Vince Staples heißt „Cry Baby“. Darauf packt er den gesellschaftlichen Nihilismus der USA in eine angemessene künstlerische Form.

Das Cover des Albums zeigt ein greinendes pinkes Baby mit einer einzelnen blonden Haarsträhne und der US-Flagge als Windel. Die Ähnlichkeit mit dem aufblasbaren Trump-Baby, das auf einigen Anti-Trump Demos zu sehen war, ist unverkennbar. Es geht um Bilder, Zeichen, Punchlines und manchmal auch um Musik auf diesem neuen Album von Vince Staples, einem sehr interessanten HipHop-Zeichensetzer.

Der Videoclip zur ersten Single-Auskoppelung „Black Berry Marmalade“ ist aus der Ego-Shooter Perspektive gedreht: Zunächst wird Vince Staples auf dem Parkplatz eines Schnellrestaurants erschossen, dann folgen nonchalant Dutzende Gäste des Diners Vince Staples in den Tod. Das Mantra „Promise me, you won't gun me down“ durchzieht den Song. Alles endet, wo es begonnen hat: wieder auf dem Parkplatz mit dem Suizid des Egoshooters und einem Zitat von Martin Luther King Jr.: „Die Frage ist also nicht, ob wir Extremisten sein werden, sondern welche Art von Extremisten wir sein werden.“

Vince Staples, ein Künstler in weißem T-Shirt, Jeans und Turnschuhen, ist ein Extremist der Nonchalance, wenn man so will. Nicht so extravagant wie Tyler, the Creator, mit dem er schon gearbeitet hat, weniger ikonisch als Kendrick Lamar, der „Rapper mit Pulitzer-Preis“, mit dem er auch oft verglichen wird. Staples ist inzwischen 32, hat einige Alben veröffentlicht und steht mittlerweile einer eigenen Netflix-Serie vor, die schlicht und einfach „The Vince Staples Show“ heißt.

Das Album

Vince Staples: „Cry Baby“ (Loma Vista/Concord)

Um das aktuelle Album besser einordnen zu können, ist es durchaus sinnvoll, die erste Folge dieser Show zu gucken und danach das Video zu „Norf Norf“, einer Single vom Anfang seiner Karriere (2015). Es spannt sich da ein weites Szenario auf, voll von schreiend komischer Brutalität und abgründiger Normalität. Außerdem erahnt man den Spagat, den Vince Staples zu meistern hat zwischen HipHop-Glaubwürdigkeit und US-Showbusiness-Regeln. Das ist der Backdrop, vor dem sich „Cry Baby“ abspielt.

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In den Kontext bringen

Vince Staples ist hintergründig, er kann lustig sein, wenn er will. Auf „Cry Baby“ will er nicht. Es geht in den Songs um die Themen der schwarzen Community in den USA 2026, aber der kalifornische Künstler fährt keine wütenden Attacken; er bleibt gelassen, zeigt alles, was er sieht und bringt es in den Kontext. Überdenken und einordnen muss man allerdings selbst. Staples ist weder nischig, noch ein durchkommerzialisiertes HipHop-Klischee. Er geht nicht so in die Tiefe, dass man sich anstrengen muss, ihm zu folgen, aber leicht wegsortieren lässt er sich auch nicht.

Und dann geht es doch noch um Musik. Überraschend ist der Sound, auf den Staples setzt: verzerrte Bassgitarrenriffs und stumpfe Beats. Fast schon europäisch. Das klingt so, als hätte er Sleaford Mods gehört und entschieden, das Ganze von einer teuren Studioband nachspielen zu lassen, um es dann wieder zu samplen. Es darf knarzen, man hört das Nachscheppern der Saiten auf dem Griffbrett des E-Basses bei „Go! Go! Gorilla“, dem zweiten Track des Albums. Aber es ist eine teure Produktion, der Garagenpunk wird in der Postproduktion unauffällig auf den aktuellen Industriestandard gepimpt.

Es darf sogar gescratcht werden auf „Cry Baby“: Beim Track „Big Bad Wolf“ werden Zeilen von Slick Ricks Track „Children's Story“ eingearbeitet. Slick Rick erzählt auf diesem HipHop-Klassiker von 1989, wie Polizisten einen Jungen nach einem Raubüberfall erschießen; so, als wäre es eine Gutenachtgeschichte für Kinder, die er gerade ins Bett gebracht hat. Vielleicht hat Vince Staples die Methode, unvereinbare Wirklichkeiten mit einem Lächeln ineinander krachen zu lassen, von ihm gelernt.

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„Blackberry Marmalade“

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Im Finale des Albums, „7 In The Morning“, beschreibt Staples, wie er frühmorgens aus seinem Fenster blickt und GIs vorbeimarschieren sieht. Im Refrain imitiert er müde den Chant der Marines „Left, Left, Left/Right Left“. „Warum ist Tod unser Entertainment, ich verstehe das nicht“ rappt Vince Staples wenig später. Dazu erklingen Sounds, die an Maschinengewehrsalven erinnern, und dann plätschert die Musik in einem psychedelischen, Echo-getränkten Gitarrenjam aus, als hätte man im Studio Jimi Hendrix gehört und würde nach einer langen Nacht noch mal zu den Instrumenten greifen.

Nach dem ersten Hören könnte man der Versuchung erliegen, zu glauben, man würde das alles irgendwie schon kennen, aber Flow und Sound von Vince Staples wirken auf unexplosive Art nach und dann hört man das Ganze noch mal. „Cry Baby“ ist mehr als die Summe seiner Teile.

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