Akzeptanz der Synthetischen Biologie

Ein Buch mit sieben Siegeln

Die Wissenschaftsakademie Leopoldina legt eine Studie übers Meinungsklima zur Wissenschaft vor: Schlecht sieht es für die Synthetische Biologie aus.

Bakterien (Mycoplasma mycoides), hergestellt mit nachgebautem Genom. Bild: dpa/J. Craig Venter Institute/HO

BERLIN taz | Ein neuer Wissenschaftsbegriff kämpft mit Verständigungsproblemen: Was ist „Synthetische Biologie?“. Etwas Künstlich-Technisches, weil „synthetisch“? Oder geht es um natürliche Prozesse, weil „biologisch“? Die Antworten sind nicht trivial, sondern sie entscheiden mit über die gesellschaftliche Akzeptanz einer neuen Forschungsrichtung. Das belegt eine Studie der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde.

In den Labors wird bereits intensiv an der nächsten Generation der Gentechnik gewerkelt: Die „Synthetische Biologie“ (SynBio) will Zellen gentechnisch so verändern, dass sie industriell nutzbar werden. Neue Medikamente und neue Energiequellen lauten zwei der Forschungsversprechen.

Die Sorge der Wissenschaftler: Die Gesellschaft lässt sich vom Nutzen der Synthetischen Biologie nicht überzeugen und schaltet auf Abwehrmodus wie seinerzeit bei der Grünen Gentechnik, die jedenfalls mit Freilandforschungen aus Deutschland verschwunden ist.

Die Synthetische Biologie basiert auf den Erkenntnissen der molekularen Biologie, der Entschlüsselung kompletter Genome, der ganzheitlichen Betrachtung biologischer Systeme und dem technologischen Fortschritt bei der Synthese und Analyse von Nukleinsäuren. Sie führt ein weites Spektrum an naturwissenschaftlichen Disziplinen zusammen und verfolgt dabei ingenieurwissenschaftliche Prinzipien.

Das spezifische Merkmal der Synthetischen Biologie ist, dass sie biologische Systeme wesentlich verändert und gegebenenfalls mit chemisch synthetisierten Komponenten zu neuen Einheiten kombiniert. Dabei können Eigenschaften entstehen, wie sie in natürlich vorkommenden Organismen bisher nicht bekannt sind.

Die Synthetische Biologie steht für ein Forschungs- und Anwendungsgebiet, das sich nicht strikt von den herkömmlichen gentechnischen und biotechnologischen Verfahren unterscheidet und deshalb als eine Weiterentwicklung dieser Disziplinen und der damit verfolgten Ziele verstanden werden kann.

Diese Definition für Synthetische Biologie ist entnommem aus: Synthetische Biologie, Gemeinsame Stellungnahme von 2009 der acatech, Leopoldina, DFG (pdf-Datei)

Um dem vorzubeugen, gab die Leopoldina eine empirische Untersuchung über „die synthetische Biologie in der öffentlichen Meinungsbildung“ beim Institut für Demoskopie Allensbach (IfD) in Auftrag. Die 100.000 Euro teure Studie wurde zu 80 Prozent vom Bundesforschungsministerium bezahlt. Befragt wurden 2013 insgesamt 562 Wissenschaftler und Wissenschaftsjournalisten sowie 2.356 Bürger in einer für die Bundesrepublik repräsentativen Auswahl. Die Antworten geben tiefe Einblicke in das Verhältnis der Bevölkerung zur Wissenschaft und der Rolle der Medien als Vermittler.

Unbekanntes Terrain

Erster Befund: Synthetische Biologie ist für die Deutschen ein Buch mit sieben Siegeln, eher mehr. 82 Prozent geben an, über dieses Gebiet kaum etwas zu wissen, lediglich 2 Prozent antworten: „Ich kenne mich ganz gut aus“.

Zum Vergleich: Bei der Nanotechnologie ist es auch nicht viel besser (77 : 3). Erstaunlicherweise ist der Wissensstand bei der Grünen Gentechnik (56  : 7) leicht höher als bei der akzeptierten „roten“, medizinischen Gentechnik (65 : 5). Beste Werte erreichten in diesem Fragen-Sample die Entwicklung von Elektroautos (44 : 10) und die Klimaforschung (37 : 10).

Aber auch wer wenig zu einem Thema weiß, leistet sich eine Meinung dazu. Die wurde von den Allensbacher Demoskopen als „spontane emotionale Reaktion auf Schlüsselbegriffe“ erfragt. Das Ergebnis muss „synthetische Biologen“ alarmieren.

Während oben auf der Skala „Made in Germany“ mit einem Sympathiewert von 93 Prozent rangiert und nur 3 Prozent den Begriff auf Anhieb „unsympathisch“ finden – und auch „Forschung“ (88 : 6), „Wissenschaft“ (84 : 7) und „Innovation“ (68 : 16) positive Werte erreichen –, steht am Ende der Tabelle die „Synthetische Biologie“ mit 13 : 60 auf einem Verliererplatz. Nur die Gentechnologie ist den Bürgern noch unsympathischer: 77 Prozent antworten so (bei 12 Prozent Sympathisanten).

Sorgen und Hoffnungen

Wie wird man sympathischer? Die Demoskopen bohrten nach und fanden heraus: „Konkrete Nutzanwendungen verändern die Grundhaltung gravierend“. Zwar verbanden die Bürger mit Synthetischer Biologie als Forschungsrichtung zur „künstlichen Herstellung von Zellen und Organismen“ zu 57 Prozent „Sorgen“ und nur zu 27 Prozent „Hoffnungen“.

Das Verhältnis kehrte sich allerdings bei konkreten Projekten um. Die „Schaffung künstlicher Zellen, die man zur Bekämpfung von Krankheiten in den Körper einsetzt“, finden nämlich 59 Prozent der Befragten positiv, auch bei der „Herstellung von Treibstoffen mit Hilfe künstlicher Bakterien“ überwiegen mit 48 Prozent die Befürworter, bei Organismen zum Abbau vom Umweltschadstoffen steht es 41 : 41 pari. „Konkrete Anwendungsbeispiele können das Meinungsbild erheblich verändern“, stellt die Studie fest.

Mit einer Medien-Kanonade an Positivmeldungen aus der Synthetischen Biologie wird es aber auch nicht getan sein. Denn eine Vertrauen weckende Wissenschaftskommunikation, so weist die Studie ebenfalls nach, kommt nur zustande, wenn zugleich die Risiken mit thematisiert werden. An anderer Stelle wurde schon damit begonnen. In dem Hauptdokument des jüngsten Weltwirtschaftsforum WEF vorige Woche in Davos, dem „Weltrisikobericht“, sind drei Seiten den Sicherheitsrisiken der Synthetischen Biologie gewidmet.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de