Aktiv in Berlin: Wahl und Struggle

Auch für die progressiv Bewegten macht es einen Unterschied, wer da regiert. Die Wahlen ersetzen aber nicht die Handarbeit. Einige Termine.

Die Liegig 34 ist geräumt, die Idee aber lebt. Hier Protest am Molecule Man, Juli 2020 Foto: Paul Zinken/dpa

Großen Optimismus müssen die Wahlen ja gar nicht auslösen. Das quasireligiöse Narrativ aber, die Regierenden müssten es nur so richtig verbocken, bis das Elend in die Revolution kippt, kann sich die Bewegungslinke nicht mehr leisten. Allein der Zustand des Planeten setzt solchem Glauben Grenzen. Und haftete an diesen Umschwungerzählungen nicht oft genug Mackertum und ein elitäres Bewusstsein?

Es macht einen Unterschied, welche (Landes-)Regierung die progressiven Bewegungen in den nächsten Jahren vor sich haben. Vergessen werden sollte auch nicht, wie massiv die Rechten versuchen, über die Parlamente den Diskurs zu dominieren und an Einfluss zu gewinnen. Sie haben den „Vorteil“, nicht alle mitnehmen zu müssen, nicht alle mitnehmen zu wollen.

Die Rechten spielen Gruppen gegeneinander aus, sie können feiern, wenn alternative Freiräume verschwinden und die Schwächeren aus den Kiezen verdrängt werden. „Ausräuchern“, „Schädlingsbekämpfung der anderen Art!“ hetzten sie im Chat, als Bild vor einem Jahr die Räumung der queerfeministischen Liebig 34 live übertrug. Ein Format, in das sich auch Tilman Kuban von der Jungen Union nur zu gerne einschaltete.

Zwei der Liebig-Besetzer*innen müssen nun vor Gericht. Zu diesem Anlass ist eine Soli-Kundgebung geplant. „Lasst uns gemeinsam unsere Freund_innen unterstützen und lautstark zeigen, dass wir uns von Repression nicht unterkriegen oder aufhalten lassen“, heißt es in einem entsprechenden Aufruf (Donnerstag, 2. September, 12 Uhr, Turmstraße 91).

Der taz plan erscheint auf taz.de/tazplan. Mehr Kulturtipps für Berlin in der Printausgabe der taz am Wochenende.

Glitzer-glamouröser Gegenprotest

Ein anderes Hochfest der antifeministischen Rechten inner- und außerhalb der Parlamente wiederholt sich jährlich. Am 18. September will der „Marsch für das Leben“ wieder durch die Stadt ziehen – „frivoler, glitzer-glamouröser, pink-silberner“ Gegenprotest wird ihn erwarten. Doch dieser will gut vorbereitet sein. Dazu gibt ein Workshop für FLINTA-Personen Gelegenheit.

„In Anlehnung an die Protestformen pink&silver und radical cheerleading, werden wir im Workshop Choreographien, Formationen und Sprechchöre einüben und mit akrobatischen Elementen experimentieren. An der PomPom- und Konfrontationsartikel-Bastelstation werden wir die dazugehörigen Requisiten bauen“, heißt es in der Einladung. Genauere Infos gibt es nach Anmeldung via: pinkandsilver(at)gmx.de (Samstag, 4. September, 11 Uhr bis Sonntag, 5. September, 16 Uhr).

In vielen linken Gruppen gibt es den Willen, ohne die alte Mackerei und das elitäre Getue zusammenzuarbeiten und zu leben. Für manche Räume und Aktionen ist der Auschluss von Cis-Typen oder Weißen sicher die richtige Wahl. Ein dreistündiger Workshop des Kommunikationskollektivs will aufzeigen, wie auch in weiteren Kreisen bewusst mit Sexismus, Rassismus und anderen Machtmechanismen umgegangen werden kann.

„Dieser interaktive Workshop findet online und in deutscher Lautsprache statt. Vorkenntnisse sind nicht nötig. Bitte nehmt nur teil, wenn ihr von Anfang bis Ende dabei sein könnt. Nehmt gern mit Kamera teil und stellt euch auf einen Mitmach-Workshop ein“, heißt es in der Einladung. Anmeldung via: maria(at)das-kooperativ.org (Mittwoch, 8. September, 17 Uhr).

Gegenseitige Abhängigkeit

Großen Optimismus müssen die Wahlen zum Bundestag und zum Abgeordnetenhaus wie gesagt nicht auslösen. Zu viele haben keine Stimme. Sie ersetzen auch nicht die Bewegungsarbeit. Doch auch für diese Arbeit macht es einen Unterschied, welche Regierung mensch da vor sich hertreibt. Denn da hatte die Großtheorie schon Recht: Herr- und Knechtschaft sind voneinander abhängig – ob sie wollen, oder nicht.

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Seit 2019 bei der taz. Redakteur der taz Bewegung und im Social Media Team. Autor für Themen aus den sozialen Bewegungen und queer durch die Kirchenbank. Gelernter Religions- und Kulturwissenschaftler.

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