Agrarreform in Indien: Traktorenkorso heizt Regierung ein

Tausende Bauern stoßen am Tag der Republik mit der Polizei zusammen. Seit Wochen demonstrieren sie gegen die Deregulierung der Landwirtschaft.

Bauern durchbrechen mit Traktoren Polizeibarrikade

Durch die Polizeibarrikade: Indiens Bauern verschärfen ihren Protest gegen die Agrarreform Foto: Anushree Fadnavis/reuters

DELHI taz | Sie sitzen auf Tausenden Traktoren vorn, an den Seiten und hinten: demonstrierende Bauern, viele mit Turban, was darauf hindeutet, dass es sich um Angehörige der Sikh handelt. Andere tragen Mützen gegen die Kälte. Am Dienstagmorgen haben die ersten Landwirte mit ihrem Traktorkorso die Barrikaden der Polizei an der Grenze zwischen Indiens Hauptstadt Delhi und den umliegenden Bundesstaaten durchbrochen und sind von der ursprünglich genehmigten Route abgewichen.



Von Haryana aus startete auch der Student Firoz Alam mit einer ganzen Gruppe. Die bullige Zugmaschine, auf der er sitzt, wird von der 20-jährigen Sheetal Anitil gesteuert. Sie hat ihn am Morgen am Grenzpunkt Singhu mitgenommen und rattert samt Mutter und Oma zum knapp 30 Kilometer entfernten Roten Fort in der Altstadt.

Am frühen Abend erreichen sie den Ort, an dem zuvor die offizielle Parade mit Motivwagen der Bundesstaaten zum Tag der indischen Republik stattfand. Der Feiertag hatte mit einem Besuch des hindunationalistischen Premierministers Narendra Modi am Kriegsdenkmal begann. Doch in diesem Jahr müssen sich die herausgeputzten Sol­da­t:in­nen und die donnernden Kampfjets die Liveschalten auf den TV-Bildschirmen mit den vielen protestierenden Bauern teilen.

„Es lebe die Einheit der Bauern und Arbeiter“, tönt es aus dem Traktorkorso immer wieder und „Inquilab Zindabad“ („Lang lebe die Revolution“), eine noch aus der indischen Unabhängigkeitsbewegung stammende Parole. Denn darum geht es an diesem Tag, an dem im Jahr 1950 die indische Verfassung in Kraft trat.

Bauern fürchten um Einkommen

„Heute ist der Tag des Volkes“, sagt Student Alam. Deshalb haben sich die Bauern genau diesen Feiertag aufgesucht, um zu unterstreichen, dass sie keine der neuen Agrargesetze der Regierung akzeptieren. Seit über 60 Tagen demonstrieren die Bauern nun schon. Sie fürchten, an Einkommen zu verlieren, wenn die Landwirtschaft dereguliert wird.

Schon seit November kampieren Tausende protestierende Bauern vor den Toren Delhis, da ihnen bisher der Zugang in die Stadt verwehrt wurde. Auch am Dienstag gerieten sie wieder mit der Polizei und Paramilitärs aneinander, was einen Schatten auf die offiziellen Feierlichkeiten warf. Videos zeigen den Einsatz von Schlagstöcken, Tränengas und Wasserwerfern. Ein Demonstrant soll zu Tode gekommen sein, mehrere Polizisten wurden verletzt. 


Der Politiker und Bauernführer Yogendra Yadav verurteilte wie die Vereinigte Bauernfront, dass sich „einige Organisationen und Einzelpersonen verwerflichen Handlungen hingaben“. Denn Frieden sei die größte Stärke. Für Alam ist es der erste Protest dieser Größe. Er kommt wie Sheetal aus einer Bauernfamilie. Während sie sich in eine lange Traktorschlange einreihten, genoss die Bäuerin Sheetal das Gefühl, in der großen Gruppe nicht ohnmächtig zu sein.



Doch wissen beide um die verzwickte Lage. Zahlreiche Gespräche zwischen Bauern und Regierung sind bereits gescheitert. Zwar stoppte das Oberste Gericht die von der Regierung beschlossene Deregulierung der Landwirtschaft Mitte Januar und rief eine Kommission ein, um den Konflikt zu klären. Doch viele Bauern bezweifeln die Neutralität der Kommission, da dessen Mitglieder schon zuvor positiv über die umstrittenen Gesetze geäußert hatten. Die Regierung bot den Bauern bisher an, die Reformen um eineinhalb Jahre zu verschieben.

Gibt die Modi-Regierung stärker nach, könnte das für Unzufriedene aus anderen Bereichen als Einladung für Proteste verstanden werden. Bisher bleiben die Bauern hartnäckig. Ihr massiver und bereits seit Wochen anhaltender Protest entwickelt sich zur bislang größten Herausforderung für Modi.

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