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AfD-Mann Tino Chrupalla bei MiosgaMhmen und hmmen gegen rechts

Doris Akrap

Kommentar von

Doris Akrap

Tino Chrupalla war am Sonntag zu Gast bei Caren Miosga. Doch dass AfD-Politiker in Talkshows eingeladen werden, ist nicht das eigentliche Problem.

ARD und AfD: Caren Miosga und Tino Chrupalla vor der Sendung Foto: Thomas Ernst/ndr

M hm! Aus diesen drei Buchstaben besteht eine beliebte Antwort der ARD-Journalistin Caren Miosga in ihrer gleichnamigen Talkshow. Mit „mhm“ und „hm“ will Miosga ihren Zu­schaue­r*in­nen andeuten, dass sie die Aussage ihres Gesprächspartners nicht so richtig gut findet.

Mhm oder hm aber sind keine Argumente, sondern kokett. Koketterie und Süffisanz sind legitime Mittel der Kommunikation, auch in Talkshows, auch mit Po­li­ti­ke­r*in­nen rechtsextremer Parteien. Doch sie wollen wohl dosiert sein, genauso wie die Fragen gut präpariert.

Diesen Sonntag hatte Miosga den AfD-Bundessprecher Tino Chrupalla zu Gast. Auf dessen erwartbare Aussage „Wir brauchen einen Stopp von weiteren illegalen Migranten (…) damit die innere Sicherheit wieder hergestellt wird“, lautete die Antwort von Miosga: „Mhm“.

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Dem vorausgegangen war ein Schlagabtausch zur Frage, ob die AfD so was wie die US-Einwanderbehörde ICE auch in Deutschland will. Eine legitime Frage, doch Miosga stellte sie schon mit einem süffisanten Unterton, der andeutet, dass jede Antwort, die nicht „Nein“ lautet, Miosga nicht gefallen wird.

Wir wissen jetzt, was wir vorher wussten: Chrupalla findet, illegale Ausländer müssen raus und Deutschland sei nicht von Russland bedroht

Dabei ist das eigentliche Thema die inzwischen unhinterfragte Korrelation von illegaler Migration mit innerer Sicherheit. Anstatt genau diese Verbindung mit Zahlen anzugreifen, soll der AfD-Mann überführt werden, Erschießungen im ICE-Stil in Kauf zu nehmen, was er natürlich in diesem Format niemals sagen würde.

„Das lass ich jetzt mal so stehen“

Vor genau einem Jahr hatte die gleiche Moderatorin die damalige AfD-Kanzlerkandidatin Alice Weidel zu Gast. Damals mhmte Miosga in ähnlichen Situationen oder sagte „Das lass ich jetzt mal so stehen“. In der Sendung vor einem Jahr sorgte vor allem das Augenverdrehen von Alice Weidel für Empörung.

Auf den Holocaust-Gedenktag angesprochen, hatte sie, von der Kamera auch eingefangen, so reagiert, es jedoch auf Nachfrage der Moderatorin geleugnet. Da hatte Miosga endlich live, in Farbe und vor Millionenpublikum auf Kamera aufgenommen die Chance, Alice Weidel ins Gesicht zu sagen, dass sie lügt. Doch Miosga sagte: „Ach so, dann hab ich das nur gesehen.“

Statt Chrupalla damit zu konfrontieren, dass es nachweislich russisch gesteuerte Desinformations- und Hackerattacken gibt, dass hier Wegwerfagenten Verbrechen verüben, die den Grünen in die Schuhe geschoben werden, will Miosga den Chrupalla mit drölfzig Fragen zur Nato darauf festnageln, dass die AfD sich vom Kreml einflüstern lässt.

Ja klar, gemein. Caren Miosga kann auch besser kontern. Trotzdem: Die Debatte, wem es schadet, wem nützt, wenn der ÖRR die AfD zum Gespräch einlädt, sollte nicht nur anhand der Eingeladenen geführt werden. Dass AfD-Politiker*innen in Talkshows eingeladen werden und auch kommen, ist nicht das Problem. Dort sagen die auch nur das, was sie an jedem Wahlstand von Magdeburg bis Pforzheim zusammen mit kostenlosen Kugelschreibern verteilen.

Was hat die Sendung gebracht?

Das Problem ist, dass es nicht reicht, Suggestivfragen (allein schon im Titel der Sendung: „Ist Trump ein Vorbild für Deutschland, Herr Chrupalla?“) zu stellen, oder den Gast als Nazi überführen zu wollen qua Begrifflichkeiten (Sie haben Schuldkult gesagt, das ist Nazi-Vokabular. Hab ich nicht. Nein. Doch. Nein. Doch) und Mhmen und Hmmen als stilistisches Mittel einzusetzen.

Was hat die Sendung am Sonntag gebracht? Wir wissen jetzt, was wir vorher wussten: Chrupalla findet, illegale Ausländer müssen raus und Deutschland sei nicht von Russland bedroht.

Talkshows des ÖRR sind überbewertet. Ihr Anteil im Vergleich zu dubiosen und weniger dubiosen Internetkanälen an der Meinungsbildung lässt sich zwar schwer einschätzen. Aber eine Erhebung dazu ist doch aufschlussreich: Die AfD war im Jahr 2025 bei einem Stimmenanteil von 24 Prozent im Bundestag bei ARD und ZDF in 2,8 Prozent der Talkshows, also wesentlich weniger, als es ihrem prozentualen Anteil von Wäh­le­r*in­nen entspricht. Die SPD hingegen saß mit einem Stimmenanteil von 19,1 Prozent im Bundestag in 25,2 Prozent der Talkshows von ARD und ZDF.

Und? Hat es ihr genutzt?

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Doris Akrap
Redakteurin
Ressortleiterin | taz zwei + medien Seit 2008 Redakteurin, Autorin und Kolumnistin der taz. Publizistin, Jurorin, Moderatorin, Boardmitglied im Pen Berlin.
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9 Kommentare

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  • "Statt Chrupalla damit zu konfrontieren, dass es nachweislich russisch gesteuerte Desinformations- und Hackerattacken gibt, dass ..."

    Und? Chrupalla hätte das als verwerflich bezeichnet um dann a'la Linkspartei, DKP und co über die NATO herzuziehen, die angeblich aggressiv gegen Russland vorgeht.

    Ich habe das Interview wesentlich besser wahr genommen und Chrupalla ist dort gar nicht gut weg gekommen.

    • @Prinz Leonce vom Königreiche Popo:

      Lieber Leonce, - was meint Ihr Vater, König Peter dazu? Wollte er sich nicht daran erinnern - an sein Volk zu denken - um ihm zu sagen, dass es nicht denkt!?

  • Die Bayern-AfD will sowas wie die ICE. Das kam im Interview deutlich durch. Ein Nein zu der Frage, ob die AfD so etwas wolle, kann kommentiert werdennatürlich mit einem "Hmmm" (Was labert der Chrupalla da) . Zumal der dann auch noch so etwas äußerte wie eigene Abteilung der Bundespolizei.



    Die AfD mag keine eigene ICE Truppe wollen, will aber die bestehenden Strukturen verICEen.



    Das Interview war da gut und wichtig.

  • "Mhmen und hmmen gegen rechts" - ist genauso wirkungslos wie wenn Frau Reichinnek im Bundestag wettert: "Herr Merz, aller politischen Differenzen zum Trotz hätte ich mir niemals vorstellen können, dass eine christlich-demokratische Partei diesen Dammbruch vollzieht und mit Rechtsextremen paktiert" - das war vor einem Jahr am 29.1.2025 und nun ein Jahr später Die Linke in Thüringen mit der AfD gemeinsame Sache macht...



    Das Ding ist durch 🤷



    Die Brandmauer ist ein archäologisches Relikt, mhmen und hmmen auch

    • @Antje1971:

      Erschreckend finde ich, wie mensch das in einen Topf werfen kann und dabei noch mit den Achseln zuckt. Dann mangelt es an politischer Bildung in D

  • Schade, dass es die Sendung "Vorsicht Friedmann!" nicht mehr gibt. Der Michel hätte dem Tino Daumenschrauben angelegt ...

    • @Schorsch59:

      Ich war damals, als es sie noch gab, von "Vorsicht Friedmann!" sehre überrascht, dachte wieder einmal ein Format wie alle. Die Befragten winden sich mit irgendwelchen Plattitüden heraus. Pustekuchen, genau das Gegenteil. Eine der wenigen Talkshows, die es sich anzuschauen lohnte. Schade, dass es so ein Format nicht mehr gibt.

      Miosga kann es einfach nicht, ihre Parteilichkeit ist leider nicht zu übersehen. Als sie Friedrich Merz zu Gast hatte, "himmelte" sie ihn fast an. und das zu einer Zeit als nichts funktionierte.

      irgendwie aber scheint auch die Zeit der Talkshows vorbei, jeden Tag irgendwie die immergleichen Themen, die gefühlt immer gleichen Gäste, da kann ich dann lieber um zehn ins Bett gehen, obwohl ich es heutzutage kaum vor halb drei schaffe.

  • Wenn Nietzsche bemerkt, dass die Wahrheit in der Oberfläche liegt – hatte er auf doppelbödige Art eine Vorahnung von Frau Miosga.

    Die Frage ist weniger ob sie mhhmt oder hmmt, an Stellen mit den Augendeckeln klimpert, eine Locke mit dem Handrücken einfängt (Berliner Schule seit Christiansen). Sie reiht sich mit den immer unvorbereitet wirkenden Fragen in die Reihe missglückter "Bloßstellungen" der AfD ein. In Reihe mit anderen Hosts.

    Chrupalla ist der Fifi der 151 Figuren im Bundestag als parlamentarischer Arm und unerträgliches Gesicht von Schlägern, Brandstiftern, Mördern (sind es schon 300 Tote seit den Neunzigern?). Damit schäkert man nicht.

    Das “ARD Team Recherche“ könnte unbegrenzte Möglichkeiten des Wissens zukaufen - wenn es alleine überfordert ist.



    Warum werden die zu erwartenden Antworten nicht analysiert, die vorhersehbare Schneidetechnik der TikTok-Posts vorweggenommen und ausgekontert? Nicht einmal direkte Lügen und unzählige Male widerlegte Abstrusitäten konnte sie parieren.

    Und Frau Miosga? Sie ist Teil der "letzten Patrone". Für 19T pro Stunde.

  • Der Vergleich zur SPD zum Schluss ist passend, aber er betrifft auch noch ein anderes Thema, nämlich das beliebte Argument "wenn die Union sich der Politik der AfD annähert, wählen die Leute trotzdem das Original". Das gilt nämlich ebenfalls nicht für die SPD - zur Erinnerung: Nach der Bundestagswahl 2013 hat Angela Merkel den Mindestlohn eingeführt, eine glattere Kopie von SPD-Politik könnte es gar nicht geben. Trotzdem verlor die SPD bei der nächsten Wahl. Weil die Leute eben nicht das Original gewählt haben.