Absurder Thriller „La Gomera“ im Kino

Korrupt sind nahezu alle

In Corneliu Porumboius gesellschaftskritischem Thriller „La Gomera“ lernen Kriminelle zu pfeifen. Die Handlung springt fröhlich durch die Zeit.

Ein Mann wird von anderen Männern auf einer Landstraße gegen einen Sportwagen gedrückt.

Verhandlungen nach Mafia-Art: Cristi (Vlad Ivanov) in Bedrängnis auf La Gomera Foto: Alamode

Corneliu Porumboius Film „La Gomera“ verwirrt zunächst: Zwei Männer am Fährhafen von La Gomera. Sie wechseln ein paar Sätze, ein Handy wird ausgeschaltet. Dann fahren sie mit einem Jeep zu einer Verabredung ins Hinterland.

Die Verabredung der Männer verweist auf die Vorgeschichte der Handlung, im Zentrum der Vorgeschichte steht eine Frau: Gilda. Die sitzt in der nächsten Szene im Gegenlicht rauchend in einer Art Ferienhaus auf einem Sessel. Sie zeigt Cristi, er war einer der beiden Männer vom Hafen und ist rumänischer Polizist, sein Zimmer. Gilda öffnet die Tür zur Terrasse mit Blick auf Palmen, Pool und Meer. Er solle vergessen, was in Bukarest passiert sei.

Rückblende. Kalt, grau, Bukarest. Gildas Haar weht pittoresk im Wind.

Der rumänische Regisseur Corneliu Porumboiu beginnt die Erzählung seines neuesten Films „La Gomera“ etwa in der Mitte der Handlung. Eine Frauenstimme informiert per Anruf die Polizei: Der Matratzenfabrikant Zsolt wäscht Geld aus dem Drogenhandel. Die Polizei überwacht ihn. Eine ehrgeizige Staatsanwältin beschließt, Kokain in der Fabrik zu platzieren, um Zsolt festnehmen zu können. Der Plan führt ins Nichts, außerdem gibt es kurz vor der Verhaftung einen Toten in der Fabrik.

„La Gomera“. Regie: Corneliu Porumboiu. Mit Vlad Ivanov, Catrinel Marlon u. a. Rumänien/Frankreich/Deutschland 2019, 98 Min.

Ein Pick-up verlässt mit Matratzen auf der Ladefläche, in denen sich das Geld befindet, gerade rechtzeitig die Fabrik. Zsolt wurde gewarnt. Die Lücke heißt Cristi: Der Polizist und der Geldwäscher kennen sich. Die Polizei beginnt, Cristi zu überwachen. Gilda überzeugt ihn dennoch, ihr zu helfen, Zsolt zu befreien. Der Plan führt nach La Gomera, wo Cristi El Silbo lernen soll, die traditionelle Pfeifsprache der Insel, um von der Polizei ungestört kommunizieren zu können.

Der Aufbau ist ausgesprochen effizient

Porumboiu greift ausgehend vom Anfang im Fährhafen von La Gomera bis zur Hälfte des Films immer wieder in der Zeit zurück, entfaltet die Handlung in Kapiteln, die die einzelnen Akteure vorstellen: Gilda, die Pfeifsprache, Zsolt und so weiter. Erst als alle Elemente zusammengeführt wurden und Cristi nach Rumänien zurückkehrt, geht die Handlung weiter voran. Das Erstaunliche ist, dass sich dieser Aufbau im weiteren Verlauf als ausgesprochen effizient erweist. Sobald die Handlung linear verläuft, fällt einem auf, wie viele Informationen man im ersten Teil bekommen hat.

Cristi spielt mit offenen Karten, überzeugt mit der Versprechung des Geldes die Staatsanwältin, ihm zu helfen, Zsolt zu befreien. Korrupt sind in dem Film nahezu alle, nur Cristis Vater, Kader der kommunistischen Partei in Rumänien, war, wie Cristis Mutter betont, unbestechlich. „La Gomera“ zeigt Cristi als Kriminalpolizisten, dem das Geschick für große Kriminalität abgeht, den es jedoch in eine Handlung verschlägt, die eine Nummer zu groß für ihn ist.

In dieser Lage hilft ihm seine Schweigsamkeit. Doch während die anderen schweigen, um ihre Absichten nicht offenzulegen, dient Cristis Schweigen keinem Zweck.

Grundstruktur des Kriminalromans genutzt

Fast alle Details, die in dem Film zunächst als Zierwerk erscheinen, fügen sich im Nachhinein schlüssig in die Handlung ein. Porumboiu macht sich in dem Film die Grundstruktur des Kriminalromans zunutze: das Spiel mit dem Offenlegen und Zurückhalten von Informationen. Indem er die Handlung zu Beginn des Films in Einzelteile zerlegt, kann er sie am Ende auf überraschende Weise zusammenfügen, ohne ein Feuerwerk an Offenbarungen zu brauchen, die Kriminalromane am Ende so oft unglaubwürdig erscheinen lassen.

Porumboiu zeigt in „La Gomera“ eine Gesellschaft, in der niemand glaubt, mit der Arbeit, die er verrichtet, auf Dauer über die Runden zu kommen. Die Einzigen, die mit ihrer Erwerbsarbeit im Reinen sind, sind die Drogenhändler. Cristi bessert sein Gehalt durch Korruption auf, die Staatsanwältin setzt zunächst auf eine Karriere, zögert jedoch keine Sekunde, ebenfalls auf das schnelle Geld aus der Korruption einzuschwenken.

Porumboiu begann seine Regielaufbahn 2006 mit der absurden Komödie „A fost sau n-a fost?“ (12:08 East of Bucharest), in der ein Dorf darüber streitet, ob die Revolution in Rumänien nicht eigentlich in dem kleinen Ort begonnen habe. Der Wettstreit um das symbolische Kapital, Ursprungsort der politischen Umwälzung von 1989 zu sein, ist in „La Gomera“ dem Wettstreit um das Geld gewichen.

Sinn für schrägen Humor

Als die rumänische Neue Welle Mitte der 2000er Jahre nach der Goldenen Palme in Cannes für Cristian Mungius „4 luni, 3 săptămâni și 2 zile“ („4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“) in aller Munde war, war Corneliu Porumboiu mit dem Humor seiner Filme ein Ausreißer. Im Auseinanderfließen der Neuen Welle in ein Meer eigenständiger Regiepositionen ist Porumboiu neben Radu Jude und Cristi Puiu heute sichtbarer als Mungiu, der gemeinsam mit seiner Frau Anca unterdessen vor allem als Produzent tätig ist.

Wie Porumboiu wechselt auch Radu Jude zwischen Spiel- und Dokumentarfilmen. Doch während Jude sich in den letzten Jahren offensiv der rumänischen Geschichte und ihrer blinden Flecken wie dem Antisemitismus und dem Faschismus Ion Antonescus annahm, durchzieht Porumboius Filme immer wieder die Neigung ins Absurde. Die Absurdität erweist sich in Porumboius Filmen jedoch verlässlich als präziser Blick um die Ecke auf die Gegenwart.

In dem Dokumentarfilm „Al doilea joc“ (Das zweite Spiel, 2014) unterhielt sich der Regisseur zu Bildern eines Fußballspiels von 1988 mit seinem Vater, der damals Schiedsrichter der Partie war. Im Gespräch werden die Umbrüche der Zeit dazwischen reflektiert. Der Spielfilm „Comoara“ (Der Schatz, 2015) weist einige Ähnlichkeiten mit „La Gomera“ auf. Zwei Nachbarn begeben sich auf Schatzsuche. Wie in seinem neuesten Film arbeitete Porumboiu auch bei „Comoara“ mit dem Bildgestalter Tudor Mircea zusammen.

2018 lief der Dokumentarfilm „Fotbal Infinit“ (Infinite Football) im Forum der Berlinale, der das unermüdliche Bemühen eines rumänischen Beamten zeigt, das Fußballspiel zu revolutionieren, um mehr Ballbewegung zu erzeugen und weniger Verletzungen zu riskieren.

Die Außenwelt bricht in die Handlung ein

Auch „La Gomera“, der seine Premiere letztes Jahr im Wettbewerb des Filmfestivals von Cannes feierte, ist trotz der Krimihandlung mit Humor durchwoben. Er findet sich in dem Film vor allem dann, wenn die Außenwelt mit ihrer Kontingenz in die Handlung einbricht. Die Jagd nach dem Geld droht im dauerimprovisierenden Reagieren auf Veränderungen immer wieder in eine Farce zu kippen.

Aber auch kleine Hindernisse geraten schnell außer Kontrolle: So spendet Cristis Mutter eine Tüte voller Geld, mit dem ihr Sohn über die Jahre bestochen wurde, einem Priester. Statt weiter nachzufragen, renoviert der mit dem Geld lieber die Kirche. Als Cristi nachfragt, wiegelt er ab und drückt ihm zum Dank eine Ikone in die Hand. Auch in anderen Details schlägt sich Porumboius Drang zur Komödie nieder: Gerade als die Drogenhändler Cristi für seine Rückkehr nach Rumänien präparieren, klopft ein US-amerikanischer Regisseur auf Suche nach Drehorten an der Tür und wird umgehend umgebracht.

Porumboius „La Gomera“ ist eine kluge Komödie über europäische Gesellschaften, nachdem diese vor allem an den Rändern Europas in der Finanzkrise gelernt haben, wie prekär ihr Reichtum geworden ist. Porumboiu erweist sich mit seinem neuesten Film einmal mehr als einer der interessantesten Regisseure für Komödien, einem Genre, das sich im europäischen Film in der halbwegs anspruchsvollen Spielart keiner großen Beliebtheit erfreut. Man sollte „La Gomera“ gebührend genießen.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de