Ab ins Billiglohnland: Otto verlagert die Moral

Die Otto-Group will ihr Retourenzentrum nach Osteuropa verlagern – trotz sozialer und ökologischer Bedenken. Dabei will man Vorzeigeunternehmen sein.

Otto-Kataloge mit lächelnden Models auf dem Titel

Immer schön freundlich bei Otto – es sei denn, es geht um die Wettbewerbsfähigkeit Foto: Markus Scholz/dpa

HAMBURG taz | Ausgerechnet der Otto-Konzern, der Musterschüler unter den Hamburger Firmen, der ökologische und soziale Verantwortung für Unternehmer nicht nur predigt, sondern auch praktiziert – eben der will den Standort seiner Tochterfirma Hermes Fulfilment in Bramfeld zum nächsten Jahr schließen. Künftig sollen die Retouren im polnischen Lodz und im tschechischen Pilsen bearbeitet werden. Noch arbeiten in Bramfeld 840 MitarbeiterInnen aus 69 Nationen. Das Durchschnittsalter liegt bei 50 Jahren, fast 100 der Beschäftigten sind Menschen mit Schwerbehinderung.

Für die Hamburger Linke ist klar, dass sie es schwer haben werden, neue Arbeitsplätze zu finden. Otto schließe, obwohl es „in der Krise seine Umsätze sogar steigern konnte“, sagt David Stoop, der gewerkschaftspolitische Sprecher der Linksfraktion.

Auch bei der Gewerkschaft Ver.di begegnet man der Entscheidung mit deutlicher Kritik: Was die Pressestelle der Otto Group gegenüber der taz als „Entscheidung nicht nur zur Sicherung unserer Wettbewerbsfähigkeit, sondern zur zukunftsfähigen Gestaltung unserer Geschäftsprozesse“ bezeichnet, sei tatsächlich eine Maßnahme, um den Profit zu steigern.

Das Retourenzentrum in Bramfeld schreibe inzwischen schwarze Zahlen, sagt Heike Lattekamp, die bei Ver.di Hamburg für den Bereich Handel zuständig ist. Angesichts des jahrelangen Verzichts der Mitarbeitenden auf Weihnachts- und Urlaubsgeld habe das angekündigte Aus einen zusätzlichen „bitteren Beigeschmack“. Bis 2019 sei der Lohn bis zu zwölf Prozent geringer gewesen als etwa der im Hamburger Logistikzentrum von H&M.

Doppelter CO2-Ausstoß befürchtet

Doch auch damit gelingt es nicht, die Löhne in Osteuropa zu unterbieten. Der Mindestlohn in Polen liegt laut Lattekamp bei 3,35 Euro – „wenn wir uns mit diesen Löhnen vergleichen, sind wir immer Verlierer“, ist ihr Fazit. Lodz hat sich übrigens, darauf verweist Stoop, zur LGBTQ-freien Zone erklärt.

Neben der Kritik an den sozialen Folgen der Schließung gibt es eine ökologische Komponente. Die Verlagerung ist laut Manfred Braasch, Landesgeschäftsführer des BUND Hamburg, „sozial und ökologisch“ verheerend. Das Aus für Bramfeld bedeute eine „Verdopplung der Verkehrsleistung“. Stattdessen solle Otto dem Beispiel anderer Versandunternehmen folgen und Retouren nicht mehr kostenlos anbieten. Studien zeigten, dass bereits geringe Gebühren einen deutlichen Rückgang der Rücksendungen bewirkten.

Diesem Vorwurf widerspricht man bei Otto energisch. „In Summe steigen nach der Einführung der neuen Transportlogik die Gesamt-Emissionen im Gesamtsystem lediglich um rund drei Prozent bezogen auf das Geschäftsjahr 2022/23“, schreibt die Pressestelle.

Derweil sind die Meinungen, ob der Kampf um einen Erhalt des Retourenzentrums nicht eigentlich bereits vorbei ist, geteilt. Der Senat schreibt in seiner Antwort auf eine Anfrage der Linken, was er gegen die Schließung zu tun gedenke: „Die Logistik-Initiative Hamburg (LIHH) ist auf Bitten der BWI mit der Otto Group Holding in Gesprächen, um bei der Vermittlung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Retourenbetriebes in neue Beschäftigungsverhältnisse zu unterstützen. Die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts Hamburg sieht der Senat durch die Betriebsschließung nicht in Frage gestellt.“

Heike Lattekamp von Ver.di sieht trotzdem noch Handlungsbedarf. Denn bislang hat der Otto-Aufsichtsrat der Schließung nicht zugestimmt. Jetzt könne man noch „an die soziale und ökologische Verantwortung von Otto appellieren“.

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