ARD-Doku über Aufstieg von Erdoğan: Für Türkei-Versteher
Der Vierteiler glänzt mit Archivmaterial und einem Einblick in das System Erdoğan. Dabei wird allerdings auch einiges ausgelassen oder schöngeredet.
Die Türkei befindet sich derzeit innenpolitisch in einem angespannten Zustand: Der Parteivorsitzende Özgür Özel von der größten Oppositionspartei CHP wurde vor knapp einem Monat festgenommen, Bürgermeister werden landesweit abgesetzt und durch Erdoğan-nahe Politiker ersetzt, der Friedensprozess mit den Kurden verläuft schleppend. Kurz vor dem Nato-Gipfel Anfang Juli in Ankara hat die Regierung Erdoğan zudem ein komplettes Demonstrationsverbot erteilt und die Medienzensur weiter verschärft.
Pünktlich dazu zeigt die ARD eine vierteilige Dokumentation von Kristina Karasu und Michael Wech über Recep Tayyip Erdoğan, der seit über 20 Jahren in der Türkei herrscht. Die Serie zeichnet den Weg des Jungen aus dem Istanbuler Armen- und Arbeiterviertel Kasımpaşa nach, der zu einem der mächtigsten Staatsführer seit Atatürk wurde.
„Erdoğan“ ist in der Mediathek neben Deutsch auch auf Türkisch synchronisiert. Das ist ein Novum, das die Produktion vor Herausforderungen stellte. Denn laut Wech fanden es viele türkische Synchronsprecher:innen zu heikel, bei einer Doku über den Staatsführer mitzumachen.
vier Folgen, in der ARD-Mediathek
Auch merken die Regisseure an, dass sie von Interviewpartnern Absagen bekamen, insbesondere von der Opposition und der Zivilbevölkerung. Die fürchten entweder Haftstrafen oder sind bereits inhaftiert. Stattdessen kommen frühere Weggefährten zu Wort, die mittlerweile mit Erdoğan gebrochen haben.
Die Doku beeindruckt mit einem Schatz an seltenen Aufnahmen, etwa lang verschollenem Archivmaterial von seinem Auftritt in der Lanxess Arena in Köln oder von ihm gemeinsam mit ehemaligen politischen Führungsfiguren wie Schröder und Berlusconi.
Inhaltlich verliert die Produktion zwischenzeitlich jedoch an Mut. Die Filmemacher halten sich mit eigenen Bewertungen merklich zurück, leisten nur kurze Kontextualisierungen und können die Informationslücken, die von Erdoğan-nahen Figuren absichtlich offen gelassen werden, nur schwer füllen. Zudem spricht die Doku mit Rücksicht auf ein konservativ-türkisches Publikum beschönigend über den Republikgründer Atatürk.
Kurden kommen zu kurz
Die prokurdische Opposition DEM, ehemals HDP, und der Umgang mit dem immer noch inhaftierten Selahattin Demirtaş werden in der über zweieinhalbstündigen Serie in gerade einmal fünf Minuten abgehandelt. Selbst beim verheerenden Erdbeben im Februar 2023 wird allein über Hatay gesprochen. Ausgespart werden die vom Erdbeben betroffenen kurdischen Metropolen in der Türkei, in denen die Bergungsarbeiten absichtlich vernachlässigt wurden, ebenso wie die Situation im kurdisch geprägten Nordsyrien.
Ebenfalls völlig ausgeblendet bleiben auch die türkischen Militäreingriffe in Syrien und der Krieg gegen die Kurden in Rojava. In solchen Momenten kann man sich von einer ausländischen Dokumentation mehr wünschen.
Stattdessen bedient die Doku das wehleidige Narrativ des Westens als Sündenbock. Erdoğans Autokratisierung wird damit begründet, dass Merkel eine EU-Mitgliedschaft der Türkei abgelehnt habe. Kein Wort davon, dass deutsche Regierungen die Türkei über Jahrzehnte hinweg mit Finanzhilfen und Waffenexporten stützten – bis heute.
Am Ende wird Erdoğan als alter Herrscher gezeigt, der ein autokratisches System aufgebaut hat, das auch über seinen Tod hinaus wirken wird. Auch das Narrativ über die Türkei, das zeigt die Doku, hat der Präsident noch ziemlich gut unter Kontrolle.
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