90 Jahre spanischer Bürgerkrieg: Von Francospanien nach Friedrichshain
Helios Mendiburu kam als Kind spanischer Kommunisten in die DDR. Dort saß er im Knast und wurde nach der Wende Bürgermeister von Friedrichshain.
Von Berlin aus ist Madrid weit weg. Mehr als zweitausend Kilometer liegen zwischen beiden Städten – für Helios Mendiburu beinahe ein ganzes Leben: der Spanische Bürgerkrieg, der vor 90 Jahren begann, die Flucht und das Aufwachsen in der DDR, die politische Haft und schließlich die Zeit als Bezirksbürgermeister von Berlin-Friedrichshain in den 1990er-Jahren.
Mehr als drei Jahrzehnte später sitzt Mendiburu auf seinem Balkon in Berlin-Hellersdorf. Ein milder Septembertag, neun Monate vor seinem Tod. „Stört es Sie, wenn ich rauche?“, fragt er mit heiserer Stimme und zieht eine Zigarette aus der Packung. „Ich habe mein ganzes Leben geraucht. Als Bürgermeister sogar mehrere Schachteln am Tag.“
Dann wechselt er ins Spanische, seine Muttersprache. „Meine Mutter war Kommunistin vom Scheitel bis zur Sohle. Aber in der DDR lernte sie die Schattenseiten kennen!“
Kindheit auf der Flucht
Helios Mendiburu wird im Februar 1936 geboren. Fünf Monate später beginnt der Bürgerkrieg. Seine Eltern, beide Kommunisten, verteidigen die Republik gegen die putschenden Militärs – der Vater als Offizier in der Volksarmee, die Mutter versorgt Verwundete und arbeitet für die Kommunistische Partei. Kurz vor dem Sieg der Franquisten im Februar 1939 flieht die Familie nach Südfrankreich. Es folgen Jahre in Lagern. Hunger. Die Hoffnung auf ein Schiff nach Südamerika, das nie kommt.
„Als Kind schafft man viel“, sagt Mendiburu Jahrzehnte später und nimmt einen Zug von seiner Zigarette.
Helios Mendiburu
1943 kehrt die Mutter mit Helios und den zwei jüngeren Geschwistern illegal ins franquistische Spanien zurück, im Auftrag der kommunistischen Partei. Helios besucht eine katholische Klosterschule. Dort hört er: „Kommunisten sind böse Menschen“ – und widerspricht: „Das stimmt nicht. Mein Vater hat gegen Franco gekämpft!“ Zur Strafe muss er eine halbe Stunde auf rohen Erbsen knien.
Von Spanien ins besetzte Deutschland
Den Vater sieht er nie wieder. Er schließt sich in Frankreich der Résistance an und wird 1944 von Deutschen erschossen.
Im Sommer 1946 besteigt die Mutter mit ihren drei Kindern ein Schiff von Bilbao nach Bremerhaven. Mit an Bord ist Walter Thoss, ihr neuer Lebensgefährte: ein Spanienkämpfer aus dem Vogtland, der bis dahin in Francos Gefängnissen gesessen hat. Gemeinsam ziehen sie in die sowjetische Besatzungszone und schließlich nach Cottbus.
„Der erste Winter kam mir vor wie eine Strafe“, erinnert sich Mendiburu und zieht den Kragen seines Pullovers enger. Noch schlimmer die deutsche Sprache: „In meinem ersten Diktat hatte ich über fünfzig Fehler – fünfzig!“ Die Lehrerin habe das Heft vor die Klasse gehalten: „So ein Dummkopf, der Spanier.“
Die Mendiburus gehören zu einer kleinen Gruppe spanischer Bürgerkriegsemigrant:innen, die in der SBZ und später in der DDR Zuflucht fanden – eine heute fast vergessene Migrationsgeschichte. Die meisten sind Kommunist:innen und setzen Hoffnungen in einen Staat, der sich als antifaschistisch bezeichnet, zumal mit ehemaligen Spanienkämpfern in Partei und Staatsapparat.
„Bitte pass auf“
Mendiburus Mutter Pilar will Bürgerin dieses Landes werden. Sie tritt der SED bei und berichtet bald an Schulen über den Spanischen Bürgerkrieg. 1956 wird sie für ihren „Kampf gegen den Faschismus“ zum ersten Mal ausgezeichnet. Derweil gerät ihr Sohn ins Visier der Staatssicherheit.
Berlin, Mitte der 1950er Jahre. Nach der Schlosserlehre besucht Helios Mendiburu die Arbeiter-und-Bauern-Fakultät (ABF) der Humboldt-Universität. Er will das Abitur machen, später Romanistik studieren. In Westberlin lernt er Sozialdemokraten kennen und knüpft Kontakte zum Ostbüro der SPD – für die Stasi eine „Agentenzentrale des Westens“. 1956 erschüttern Proteste Polen und Ungarn und auch an Hochschulen in der DDR regt sich Widerstand. Im Herbst demonstriert Mendiburu mit anderen ABF-Student:innen gegen den Einmarsch sowjetischer Truppen in Ungarn. Immer wieder mahnt ihn die Mutter: „Bitte pass auf.“
Am 15. Mai 1957 besucht er sie in Cottbus. Vor dem Haus warten drei Männer. Ob er kurz mit anpacken könne, ihr Wagen springe nicht an. Der 21-Jährige will helfen, bemerkt die Falle zu spät. Handschellen klicken.
Am Tag darauf findet an der Humboldt-Universität eine Pressekonferenz statt. Die Staatssicherheit präsentiert Mendiburus Kontakte zum Ostbüro der SPD als Beleg für eine angebliche Unterwanderung der DDR-Hochschulen durch westliche Geheimdienste. Da sitzt Mendiburu bereits in Untersuchungshaft.
Schattenseiten
„Noch einmal will ich das alles nicht erleben“, sagt er Jahrzehnte später auf seinem Balkon. Die Einzelhaft, zunächst in Berlin-Lichtenberg. Nächtelang gekettet ans Heizungsrohr. Verhöre bis in den Morgen. „Die Vernehmer boten mir Zigaretten an, damit ich plaudere.“ Er schüttelt den Kopf. „Aber ich habe nie vor ihnen geraucht!“
Kurz vor dem Prozess in Potsdam darf seine Mutter ihn besuchen. Ein Aufpasser sitzt mit im Raum. „Schau, was deine Genossen mit mir gemacht haben“, sagt er auf Spanisch und zeigt ihr die blauen geschwollenen Beine. „Die Kommunisten behandeln ihre Gefangenen schlimmer als die Nazis.“ Das Gespräch wird sofort beendet. Zur Strafe gibt es Schläge.
„Einem Fremden hätte sie das nicht geglaubt“, sagt er leise. „Aber mir hat sie geglaubt. Sie hat zu mir gehalten. Das hat ihren Genossen nicht gefallen.“
Am 23. September 1957 das Urteil: zweieinhalb Jahre Zuchthaus wegen „Boykotthetze“. Erst Neuruppin, dann das Haftarbeitslager in „Stalinstadt“, dem heutigen Eisenhüttenstadt. Am 8. November 1958 wird er entlassen – mit einem Jahr Straferlass, erarbeitet mit Zwangsarbeit für das Eisenhüttenkombinat.
Jahre des Schweigens
„Es ist kurios“, sagt Mendiburu rückblickend. „Im Gefängnis schwört man sich: Sobald du hier rauskommst, haust du sofort ab. Aber dann – bin ich geblieben.“ Da sind seine jüngeren Geschwister. Und da ist seine Mutter, die ihn bittet: Bleib!
Was folgt, sind drei Jahrzehnte Schweigen. „Mein Mund hatte einen Reißverschluss.“
Mithilfe seiner Mutter findet er Arbeit als Hilfsrohrleger in Cottbus. Später darf er sogar ein Fernstudium absolvieren – gute Ingenieure werden gebraucht. Er gründet eine Familie und zieht 1974 nach Ostberlin, wo er die Politik in der Bundesrepublik aufmerksam verfolgt.
Helios Mendiburu
Mitten im Gespräch steht Mendiburu auf und holt ein gerahmtes Foto von Willy Brandt. „Seine Ostpolitik“, sagt er und stellt das Bild neben den Aschenbecher. „Der Kniefall, der war wichtig für mich. Wohl auch ein Grund, weshalb ich den Sozialdemokraten beitrat.“ Damals, im Oktober 1989, kurz nachdem sich die Sozialdemokratische Partei in der DDR gegründet hatte.
Bürgermeister über Nacht
Sieben Monate später wird Helios Mendiburu nach den ersten freien Kommunalwahlen in der DDR zum Bürgermeister von Friedrichshain gewählt. „Von Verwaltung hatte ich keine Ahnung“, sagt er. „Aber das ließ sich lernen.“ Schwieriger seien die Entscheidungen über Menschen gewesen. Viele seiner Genoss:innen forderten einen radikalen Neuanfang. Mendiburu widersprach: „Man darf altes Unrecht nicht mit neuem ausräumen.“
Wer andere für die Stasi bespitzelt oder denunziert habe, könne keine Verantwortung tragen. Die bloße SED-Mitgliedschaft hingegen sei kein Kündigungsgrund. Er wusste aus eigener Erfahrung, wie vielfältig die Gründe sein konnten. Zehn Jahre nach seiner Haft hatte er selbst einen Aufnahmeantrag in die SED gestellt – vergebens. Darüber schwieg er zeitlebens. Nur die Akten erzählen davon.
Foto: Rolf Zöllner
Wegbegleiter:innen erinnern sich an einen Bürgermeister, der nach dem Ende der SED-Diktatur eine kommunale Verwaltung demokratisierte und Politik als Dienst am Menschen verstand. Der zuhören konnte und seine eigene Geschichte nie vor sich hertrug wie ein Schild. Der sich über „Wendehälse“, ehemalige Funktionseliten, die ihre politische Meinung der aktuell vorherrschenden Stimmung anpassten, furchtbar aufregen konnte. Der aber auch mit einem Sozialhilfeempfänger einkaufen ging, nachdem dieser im Friedrichshainer Rathaus protestiert hatte, weil er kein Geld mehr bekam.
„Kein blütenweißes Heroengemälde“
„Ich habe immer gesagt, was ich dachte“, sagt Mendiburu rückblickend. „Das hat mir Freunde und Feinde gebracht.“ Etwa bei der Wiedereinweihung des von Rechtsextremisten gesprengten Spanienkämpferdenkmals im Volkspark Friedrichshain 1992. Mendiburu würdigte die deutschen Spanienkämpfer:innen. Und widersprach zugleich jeder Verklärung: „Der historischen Wahrheit ist nicht damit gedient, ein blütenweißes Heroengemälde jener Jahre zu präsentieren.“
Seine Mutter sei stolz auf ihn gewesen. „Aber sie war auch verunsichert. Was ist richtig, was ist falsch? Das war für sie oft schwer einzuschätzen.“ Nach dem Ende der DDR trat sie der SED-Nachfolgepartei PDS bei. Helios Mendiburu gab sein SPD-Parteibuch 2002, zwei Jahre nach Ende seiner Amtszeit, aus Protest gegen die rot-rote Landesregierung zurück.
Am Ende des Gesprächs wechselt er noch einmal ins Spanische – und fängt ganz leise an zu singen: „En el quinto, quinto regimiento…“ Das Lied des Fünften Regiments, in dem sein Vater einst gegen Franco gekämpft hatte. Seine Mutter hatte es ihm als Kind an vielen Abenden vorgesungen.
Neun Monate nach diesem Gespräch, im Juni 2024, stirbt Helios Mendiburu im Alter von 88 Jahren. Sein Grab liegt neben dem seiner Mutter auf dem Georgen-Parochial-Friedhof in Berlin-Friedrichshain.
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