8. Mai in Berlin: Gefeiert wird trotzdem

Der Krieg in der Ukraine wirft seinen Schatten auf den diesjährigen Tag der Befreiung. Geradedeswegen gibt es ein vielfältiges Programm.

Zahlreiche Menschen stehen vor der Soldatenstatue am sowjetischen Ehrenmal, einer hält eine Flagge mit Hammer und Sichel

Gedenken zum Tag der Befreiung am sowjetischen Ehrenmahl im Treptower Park im vergangenen Jahr Foto: dpa

In diesem Jahr fällt der Tag der Befreiung vom Faschismus auf einen Sonntag. Die Forderung unter anderem der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA), dass der 8. Mai ein gesetzlicher Feiertag wird, ist dieses Jahr daher weniger relevant. Im Vordergrund dürfte vielmehr der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine stehen. Denn gefeiert wird der Tag der Befreiung traditionell an Berlins sowjetischen Ehrenmalen – schließlich waren unter den sowjetischen Be­freie­r*in­nen die Opferzahlen besonders groß.

Wegen des Krieges in der Ukraine werden zum 77. Jahrestag der Befreiung nicht nur An­ti­fa­schis­t*in­nen zu den Ehrenmalen kommen, die des Endes des Zweiten Weltkrieges gedenken, sondern auch pro-russische De­mons­tran­t*in­nen, die ihre Unterstützung Putins zum Ausdruck bringen wollen.

28 Veranstaltungen sind in Berlin am 8. und 9. Mai angemeldet, wobei sich die Putin Kri­ti­ke­r*in­nen eher auf den 8. Mai und die Putin-Unterstützer*innen eher auf den 9. Mai konzentrieren, an dem traditionell in Russland der Sieg über die deutschen Faschisten gefeiert wird.

So mobilisieren Putin-Anhänger*innen bundesweit in einer geschlossenen Telegram-Gruppe für den Nachmittag des 9. Mai. Autokorsos sollen sich ab den Morgenstunden in deutschen Großstädten sammeln und Richtung Berlin bewegen, wo sie am Nachmittag am Ehrenmal im Treptower Park Blumen niederlegen wollen. Dort haben auch Gruppen wie die DKP, MLPD, die Berliner Friedenskoordination und Privatpersonen Veranstaltungen angemeldet.

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Befreiung vom Faschismus

Weil der Tag der Befreiung nicht für russische Propaganda und Kriegsverherrlichung missbraucht werden soll, wird das Gedenken in Berlin am 8. Mai nicht nur dort anders ausfallen als üblich. So fällt etwa die Kranzniederlegung am Ehrenmal in Schönholz mit der russischen Botschaft aus. Der russische Überfall auf die Ukraine gleiche „einer Verhöhnung der Opfer, die an die unbedingte Pflicht zum Frieden gemahnen“, teilt das Bezirksamt Pankow zur Begründung mit.

Gefeiert wird am 8. Mai aber trotzdem. „Wir feiern den Tag als wirkliche Befreiung von Diktatur, Krieg, vom Drang nach Vernichtungsfeldzügen, von Tyrannei, Rassismus und Unmenschlichkeit“, heißt es seitens der Antifa Nordost, die gemeinsam mit dem VVN-BdA, der Pankower Linkspartei und den Pankower Frauen* gegen Rechts zur Kranzniederlegung am sowjetischen Ehrenmal in Buch aufrufen. „Daran ändert auch Putins Politik und der zu verurteilende Krieg Russlands gegen die Ukraine nichts.“ (Sonntag, 8. Mai, 10-16 Uhr, Sowjetisches Ehrenmal Buch, Wiltbergstraße, Pankow).

Für den Nachmittag lädt dann die Stadtteilgruppe Wuhletal des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) zur Fahrradtour zu den Gedenkorten in Marzahn-Hellersdorf. Auf 20 Kilometern sollen in drei Stunden Gedenkorte im Bezirk besucht werden, darunter das Zwangsarbeiterlager in Kaulsdorf, das Klinikgelände im Wuhlgarten, das „Haus der Befreiung“ in der Landsberger Allee, die Gedenkstätte der Sinti und Roma sowie der Parkfriedhof Marzahn, wo die Tour endet (Sonntag, 8. Mai, 14 Uhr, S- und U-Bahnhof Wuhletal, Treffpunkt am Kiosk).

Bereits einen Tag vor dem 77. Jahrestag feiert die antifaschistische Jugend Weißensee die Befreiung mit einem Grillnachmittag und einem Konzert im selbstverwalteten Jugendzentrum Bunte Kuh. Gegen eine Spende, die antifaschistischer Jugendarbeit zugute kommen soll, gibt es im Hof kalte Getränke, leckeres Essen und Hip Hop (Samstag, 7. Mai, 17 Uhr, Haus der Jugend – Bunte Kuh, Bernkasteler Str. 78, Weißensee).

Fotoaustellung & Buchlesung

Der Krieg in der Ukraine ist auch Thema der Veranstaltung „Was wirklich zählt“. Das deutsch-ukrainische Fotoprojekt widmet sich den Millionen Kriegsflüchtlingen, die seit Ende Februar ihre Heimat verlassen mussten. Was nimmt man mit, wenn man nur Minuten Zeit hat, seine Sachen zu packen und die Züge so voll sind, dass schon wenig zu viel erscheint? Dieser Frage wird mithilfe von Interviews und Fotografien nachgegangen und so ein kurzer Einblick gegeben, was es bedeutet zu fliehen. Projektleiterin Svitlana Bozhko ist selbst aus Charkiw nach Deutschland geflohen, ihre Kollegin Anastasia Koehler hat bis Dezember 2021 in Kyjiw gelebt und geforscht. Der Eintritt ist frei mit einer freiwilligen Spende, der Erlös geht an die Freiwilligenorganisation in Charkiw „Kharkiv Aid Office“ (Samstag, 7. Mai, 16 Uhr, Universität Potsdam, am Neuen Palais 10, Haus 9, Hörsaal 1.14).

Auch jenseits des Kriegs in der Ukraine, der seinen Schatten über den Tag der Befreiung wirft, gibt es in Berlin in der kommenden Woche interessante politische Veranstaltungen. So liest die taz-Kolumnistin Michaela Dudley an diesem Donnerstag aus ihrem neuen Buch Race Relations: Essays über Rassismus. „Die Entmenschlichung fängt mit dem Wort an, die Emanzipierung aber auch“, lautet ihre Maxime. Die Kabarettistin, Juristin und Queerfeministin ist eine Berliner trans* Frau mit afroamerikanischen Wurzeln. Im Rahmen der Lesung findet ein Gespräch statt, dass sich mit Empowerment und praxisorientierten Erkenntnissen insbesondere für BIPoC-Frauen befasst (Donnerstag, 5. Mai, 19 Uhr, Frauenkreise Berlin, Chorinerstr. 14).

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