75. Geburtstag des Historikers Dan Diner: Ostjude, Israeli, Deutscher

Der Globalhistoriker Dan Diner wird 75. Angesichts des jetzigen Nahostkonflikts hilft ein Blick auf Werk und Biografie dieses undogmatischen Linken.

Dan Diner steht vor dem Campusrasen der University of Chicago.

Fest im Universalismus verankert: der Historiker Dan Diner auf dem Campus der University of Chicago Foto: Robert Kotzloff/The University of Chicago

Wer „das Jahrhundert verstehen“ will, kann dabei eigene, ganz frühe Kindheitserfahrungen und Intuitionen nicht ausblenden. Dan ­Diner, Historiker und Autor des Buches mit dem Titel „Das Jahrhundert verstehen“ kam 1946 in München zur Welt. Aber das war, wie er betont „nicht in Deutschland“, sondern in einem Lager für Displaced Persons in der damaligen amerikanischen Besatzungszone.

Da hat Dan Diner nach 1945 die Erfahrung der Staatenlosigkeit überlebender Juden aus Osteuropa verinnerlicht. Und danach in Paris die Vorzeichen des Algerienkriegs. Und in Israel die verblassende Präsenz des Britischen Empire. Es sind Kindheitseindrücke, die ihn wie Déjà-vus in seinem Leben und seinem Werk begleiten sollten.

Der Vater, noch in der habsburgischen Zeit geboren, war Pole, die Mutter Litauerin. Zu deren Verfolgung durch die Nazis bekam man in früheren Gesprächen mit dem Autor einen Satz hingehauen wie: „Meine Eltern sind vor dem Holocaust in den Gulag geflohen.“

Um der Vernichtung willen

„Zivilisationsbruch“ ist wohl der herausragende Begriff, den der spätere Historiker, nicht zufällig als Völkerrechtler promoviert, zur Bewertung des Holocaust beigetragen hat. Aus menschlicher Sicht erscheint jeder Tod gleich. Anthropologisch aber erschüttert der grundlose Mord an den europäischen Juden alle zivilisatorischen Grundannahmen.

Er zertrümmert das Urvertrauen, dass es niemand wagen würde, Millionen Menschen um der bloßen Vernichtung willen auszulöschen. Diese Lektion galt und gilt es den Nachlebenden zu vermitteln, die den Zweiten Weltkrieg vielleicht „durchgenommen“ hatten, vom Massenmord an den Juden aber nur undeutlich gehört hatten oder hören wollten.

Dan Diner lehrt, die Welt von Süden aus zu betrachten

Und heute jenen, die sich als „Antizionisten“ zu judenfeindlichen Pauschaulurteilen hinreißen lassen. Die Zusammenführung von Erinnerungen und dieses sorgsame Abgleichen gegenläufiger Gedächtnisse ist Dan Diners große Kunst. Den forschen Gleichsetzern und Übertrumpfern von heute, die in der These von der „Singularität“ des Mordes an den Juden womöglich eine zionistische Finte erblicken, sollte sie eine Lehre sein.

Nord-Süd-Perspektive

Unter deutschen His­to­ri­ke­r:in­nen (deren akademischer Mainstream ihm nie ganz geheuer erschien) war Diner einer der ersten wirklichen Globalgeschichtler. Er beließ es nicht beim Nachvollzug der gewaltsamen Verschiebung seiner Eltern von West nach Ost. Er fügte der im Kalten Krieg eingefrorenen horizontalen Achse auch eine vertikale hinzu.

So betrachtete er den Verlauf der Geschichte auch aus einer Nord-Süd-Perspektive, ohne diese wiederum „tiersmondistisch“ (frühere Ausdrucksweise) oder „postkolonial“ (heutige) absolut zu setzen. So verlangte beispielsweise Diners Gespür für den Befreiungskampf Algeriens nach einer Neubewertung des 8. Mai 1945.

Und so war der 8. Mai nicht nur der Tag der deutschen Niederlage und des alliierten Sieges über Nazideutschland. Es war auch der Tag, an dem die französische Armee in Sétif Algerier und „Kolonialsoldaten“ niederkartätschte. Am 8. Mai 1945 bekamen die, die mit Frankreich gegen Hitler gekämpft hatten, die Entkolonialisierung und Unabhängigkeit verweigert.

Linien des Britischen Empires

In Israel, wohin die Familie Diner 1949 auswanderte, waren die alten Lebenslinien des Britischen Empires noch offen sichtbar. Diner hat sie in seinem jüngsten Opus magnum „Ein anderer Krieg“ rekonstruiert (taz, 28. 3. 2021 und Frankfurter Rundschau, 16. 3. 2021). In einer großen Erzählung zeigt er, wie anders die Uhren von Irland über Israel bis Indien – allesamt britische Kolonien oder Mandatsgebiete – tickten.

Filme wie Gillo Pontecorvos „Bataille d’Alger“ oder „Lawrence of Arabia“ weckten früh Diners Interesse. Ob als reale historische oder fiktive Kinofiguren, lassen sie Diners geradezu kindliche Freude und Neugier aufblitzen. Über die berühmte Treppe von Odessa vermag Diner zu sprechen, als habe er Sergei Eisenstein bei „Panzerkreuzer Potemkin“ assistiert. Von solch einer Treppe hält Diner Schau, nicht ohne Wehmut, über multiethnische Imperien, deren nationalstaatliche Zergliederung und Homogenisierung nicht zuletzt auf Kosten der Juden gegangen ist.

Dan Diner ist aktuell mit seinem Buch „Ein anderer Krieg. Das jüdische Palästina und der Zweite Weltkrieg 1935 – 1942“ für den Preis der Leipziger Buchmesse 2021 nominiert.

Kühl und distanziert trieb Diner im moralisierenden „Historikerstreit“ 1986 die Historisierung des Nationalsozialismus voran. Und souverän ordnete er auch den Konflikt um „Israel in Palästina“ ein, wie er seine Frankfurter Habilitationsschrift 1980 betitelte. Diner ist aber auch überaus lebendiger Erzähler. Und als solcher kann er dem Publikum die vielen Schichten der Levante näherbringen. Er lehrt die Welt von Süden aus zu betrachten und bleibt dabei fest im Universalismus verankert, allergisch gegen jedwede Identitätsversessenheit.

Eine zeitgemäße Geopolitik

Der Ernst-Bloch-Preisträger von 2006 verdeutlicht die „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ (Bloch). Mit Carl Schmitt gegen ihn, also mit deutlicher Sympathie für die See- und Luftmächte, skizzierte er eine zeitgemäße Geopolitik, die den Raum nicht wegsoziologisiert. Und im „Feindbild Amerika“ (2002) erkannte er scharfsichtig die Spuren des Judenhasses – eines deutschen Sonderwegs auch der Linken, ihrer national-neutralistischen Versuchungen zwischen Amerika und Russland in der Friedensbewegung der 1980er Jahre.

Diner pflegt einen ausgeprägten Sinn für historische Orte. Ein Privileg, wer ihn als Reiseleiter in Israel erleben darf und durfte, dort, wo alles Zeitgeschichte ist, die noch dampft. In Israel hat er seinen Wehrdienst geleistet, lehrte Zeitgeschichte in Be’er Sheva, Tel Aviv und Jerusalem. Und verbrachte dort viel Zeit.

In Jad Mordechai zeigt er die Stelle, wo Feldmarschall Rommel bei einem Sieg über die Briten mit seiner Panzerarmee nach Tel Aviv hätte durchmarschieren können, um das Vernichtungswerk der Nazis im jüdischen Palästina, im Jischuw fortzusetzen. Und wo nun Palästinenser von der Arbeit nach Hause zurückkehren, vorbei am Denkmal von Mordechai Anielewicz, dem Anführer des Warschauer Ghetto-Aufstands.

Krieg der Erinnerungen

Diner nannte das einen „Krieg der Erinnerungen“, der viel historisches Unterscheidungsvermögen abverlangt. Ein Meisterstück politischer Geschichtsschreibung ist hierbei seine Studie „Rituelle Distanz“ über das 1952 in Luxemburg fast geheim ausgehandelte Wiedergutmachungsabkommen mit Israel.

Auch das eine vorbewusste Jugenderinnerung des 1954 mit seinen Eltern gegen allen Comment nach Frankfurt am Main remigrierten Diner junior. Für den jungen Diner war die Stadt am Main die amerikanischste in Deutschland. Jazz & Blues, Café Laumer und Horkheimers Institut für Sozialforschung waren die ideale Inspiration für ihn.

Seine Vorstellung von Politikwissenschaft (seine „venia legendi“) ist stets politisch ambitioniert, seine Überlegungen sind gegen den Strich gebürstet und noch unorthodoxer als das dogmatisch undogmatische Sozialistische Büro (SB) einmal war. Zu seinen Glanzzeiten gehörte er dem SB an und verschaffte als Redakteur der Zeitschrift links Wirkung und Einfluss. Im aufkommenden Konformismus der kommunistischen Partei­gründungen der 1970er Jahre war die Monatszeitschrift links eine Institution geistiger Autonomie.

Unbestechliche Analytik

Zum Beispiel brach Diner eine – damals unerhörte – „Lanze für die Nato“ und veröffentlichte ein sehr pazifismus-kritisches Gespräch mit André Gorz, ausgerechnet zum „Frankfurter Friedenskongress“ 1982. Die Redaktionssitzungen der links waren eine ständige, aus der Tagesaktualität gespeisteTour d’Horizon, bei der Diners Diskussionsfreude und unbestechliche Analytik zum Tragen kamen.

Als langjähriger Direktor des von ihm gegründeten Simon-Dubnow-Instituts in Leipzig und Herausgeber der siebenbändigen „Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur“ (von 1750 bis 1950) hat er eine gelehrte Aufbereitung der jüdischen Geschichte vorgelegt, jenseits der nachkriegsdeutschen Fixierung auf den Holocaust.

Von Tel Aviv, wo er sich nicht erst in letzter Zeit oft aufhält, beobachtet er die arabisch-islamische Welt, die sich in einer „Versiegelten Zeit“ (2005) selbst gefangen hält. Der aktuelle Krieg ist für ihn eine Konvergenz aller historischen Konflikte von den 1920er Jahren bis in die Jüngste Gegenwart. Lest Dan Diner. Mit ihm, der am 20. Mai 75 Jahre alt wird, lässt sich auch das 21. Jahrhundert weitaus besser verstehen.

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