35 Jahre Städtepartnerschaft: Warschau auf der Überholspur
Die erste Partnerschaft besiegelte das vereinte Berlin 1991 mit Warschau. Inzwischen muss sich die Stadt fragen lassen, warum sie nicht von Warschau lernt.
Foto: Luca Mattia Vigilante/Forum
Warschau feiert gerade eine Straße. Vor wenigen Tagen wurde die neu gestaltete ulica Złota im Zentrum der polnischen Hauptstadt den Bewohnerinnen und Bewohnern übergeben. Sie ist ein Traum in Grün mit dem Kulturpalast als krönendem Abschluss. Grüne Inseln zum Picknicken. Wasserduschen zur Abkühlung. Die Straßenränder nicht für Autos, sondern zum Flanieren.
Augenblicklich ploppt da die Frage auf: Wäre eine solche radikale Umgestaltung in Berlin auch möglich gewesen? In der Friedrichstraße gab es zumindest einmal den Versuch. Vergleicht man ihn mit der ulica Złota, sieht man sofort, wie halbherzig er gewesen ist. Und gescheitert obendrein. Durch die Friedrichstraße ließ der CDU-geführte Senat von Kai Wegner nach der Wiederholungswahl schnell wieder Autos rollen.
Kai Wegner, Regierender Bürgermeister
Von der ulica Złota war am Mittwochabend keine Rede, doch der Vergleich zwischen beiden Städten war allgegenwärtig beim Auftakt der Feierlichkeiten anlässlich des 35. Jahrestags der Städtepartnerschaft Berlin–Warschau. Bei einem Empfang auf dem Dach des Polnischen Instituts erinnerte Kai Wegner zurecht daran, dass die Partnerschaft mit der Stadt an der Weichsel die erste war, die das vereinigte Berlin 1991 besiegelt hat. „Berlin und Warschau“, sagte Wegner, „verbindet Dynamik und Vielfalt.“
Dynamik ist derzeit aber vor allem in Warschau zu beobachten. Zum Beispiel am Boulevard an der Weichsel. In einem städtebaulichen Kraftakt hat Warschau die Uferstraße in einen Tunnel versenkt und Platz geschaffen für eine der aufregendsten Flusspromenaden Europas. Im Sommer scheint ganz Warschau seinen Fluss feiern zu wollen.
In Warschau gibt es eine lange Tradition von Chopin-Konzerten im Łazienki-Park. Im Kulturprogramm des Städtepartnerjubiläums knüpft Berlin daran an. Am Sonntag gibt es im Eierhäuschen im Treptower Park ein Konzert unter dem Motto „Chopin meets Berlin Sounds“, Beginn 16 Uhr.
Cineastisch begleitet wird das Jubiläum von einer Reihe von Stummfilmen mit musikalischer Begleitung. Start ist kommenden Donnerstag um 21 Uhr auf der Wiese am Koreanischen Garten in den Gärten der Welt.
Der Kulturzug nach Warschau fährt erstmals am 24. September. Lesungen gibt es auch im Club der polnischen Versager. Start ist am 4. September mit der Autorin Izabela Tadra.
Das ganze Programm findet sich auf der Seite berlinwarszawa.eu.
Auch die Touristen strömen inzwischen zur Weichsel. Auf der neuen Brücke für Fußgänger und Radfahrer gelangen sie nicht nur bequem ins aufstrebende Praga am rechten Weichselufer mit seinen lange Zeit bröckelnden Fassaden an Fabriken und Mietskasernen. Von der Brücke aus hat man auch einen guten Blick auf die Warschauer Skyline. Spätestens in diesem Moment verbietet sich jeder Vergleich mit Berlin.
Eine Frage des Blicks
Polens Botschafter Jan Tombiński hat die Dynamik, mit der Warschau Berlin in weiten Teilen überholt hat, am Mittwochabend diplomatisch formuliert. „Als Sie in Warschau waren“, sagte Tombiński zu Kai Wegner, „haben Sie gesehen, wie sich die Stadt verändert hat.“ Polen gebe heute auch Deutschland Wachstumsimpulse. „Man muss in Deutschland nicht immer nur nach Westen oder die Alpen schauen.“
Nach Osten schauen, fordert Tombiński Berlin also auf. Das heißt auch, darüber nachzudenken, was die Stadt von Warschau lernen könnte. Aber will Berlin das überhaupt?
Kai Wegner jedenfalls will. Neidlos erkennt er an, dass die Warschauer Verwaltung inzwischen durchgehend digitalisiert ist. Im Interview mit der RBB-„Abendschau“ verweist er auf die Verwaltungsreform, die der schwarz-rote Senat begonnen habe. „Aber da ist noch viel Luft nach oben“, sagt Wegner. Bei den Genehmigungsverfahren etwa sei Warschau viel schneller als Berlin.
Etwas schwerer mit der neuen Realität tat sich im vergangenen Herbst Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD). Sie war mit einer Wirtschaftsdelegation nach Warschau gereist und musste sich auf einer Podiumsdiskussion die Frage gefallen lassen, warum Berlin an vielen Stellen dysfunktional geworden sei.
Plötzlich fand sich Giffey also auf der Anklagebank – und schaltete um in den Gegenangriff. Den 3.000 Start-ups in ganz Polen könnte allein Berlin 5.000 entgegenstellen. Es gebe Rekordzahlen bei den Übernachtungen und auch einen deutlich höheren Frauenanteil unter Berliner Gründerinnen als in Warschau. Giffeys „Pitch für Berlin“ ging viral.
Ähnliches hat Kai Wegner am Mittwoch gar nicht erst versucht. Hat vielmehr den Running Gag bemüht und sich gewünscht, dass endlich die Bahnverbindung zwischen beiden Städten funktioniert. „Auf der Ostbahn“, ergänzte Berlins Regierender Bürgermeister, „herrscht gerade eher Busverkehr als Schienenverkehr.“
Da fragt man sich schon, ob Wegner jemals mit dem Zug nach Warschau fuhr. Die Ostbahn jedenfalls fährt nicht von Berlin über Frankfurt (Oder) in die polnische Hauptstadt. Sie führt über Strausberg und Müncheberg ins polnische Kostrzyn.
Mehr Mut statt Mutlosigkeit
Natürlich kennt auch Peter Oliver Loew die Bilder von der neuen ulica Złota. „Was Berlin von Warschau lernen kann“, sagt der Direktor des Deutschen Polen-Instituts der taz, „ist mehr Mut im städtischen Raum.“ Zuvor hat Loew beim Auftakt der Feierlichkeiten betont, dass Verträge wie der Partnerschaftsvertrag vom 12. August 1991 nur Papier seien. „Wichtig ist, dass sie mit Leben gefüllt werden.“
Zum 35. Partnerschaftsjubiläum hat das mit dem Leben füllen Loews Institut übernommen. Zu Beginn des Jubiläumsprogramms gastierte am Mittwoch der Pianist Cédric Pescia mit einem Programm von Chopin und Bach. Bis Dezember wird es zahlreiche Veranstaltungen geben. Und ab 24. September wird ein Kulturzug mit Lesungen zwischen beiden Städten verkehren – falls bis dahin die Sperrung der Strecke auf deutscher Seite und der Schienenersatzverkehr beendet sein sollten.
„Näher als du denkst“, lautet das Motto des Jubiläumsprogramms. Das ist wohl eher eine Aufforderung an die Berlinerinnen und Berliner, mal die Partnerstadt zu besuchen. Die Warschauer dagegen kennen Berlin ganz gut. Manche vielleicht zu gut.
Zum Aufreger in den polnischen Medien wurde vor zwei Jahren die Rückkehr des Schriftstellers Jacek Dehnel aus Berlin nach Warschau. Deutschland, sagte er damals, pfeife aus dem letzten Loch. Rechte Medien haben das auch gleich zum Anlass für ihr Berlinbashing genommen.
Im selben Jahr, in dem Dehnel zurückkehrte, war die Zahl derer, die von Deutschland nach Polen auswanderten, erstmals größer als umgekehrt. Auch Warschaus Erfolg ist anziehend. Berlin scheint dagegen ins Hintertreffen zu geraten. Immer öfter mehren sich in sozialen Medien Beiträge von Polinnen und Polen, die in Berlin leben: zu dreckig, zu unsicher. Keine rechtskonservativen Stimmen sind das, sondern liberale.
In Warschau selbst feiert man lieber den neuen Straßentraum in Grün, den Weichsel-Boulevard und die neue Brücke, als im Jubiläumsjahr allzu auffällig nach Berlin zu schauen. „Die Deutschen haben ihren Sonderstatus verloren“, sagt dazu Bartosz Wieliński. „Sie sind nicht mehr der gute Onkel oder die gute Tante.“ Der stellvertretende Chefredakteur der liberalen polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza hat einst in der taz hospitiert, arbeitete einige Jahre als Korrespondent in Berlin und ist dann nach Warschau gegangen. „In Polen schaut man heute eher nach Schweden oder Norwegen als nach Deutschland“, sagt er.
Neue Phase der Partnerschaft
Es ist wohl wieder sehr diplomatisch, wenn Polens Botschafter Jan Tombiński von Warschau und Berlin am Mittwochabend im Beisein von Kai Wegner als einer Partnerschaft „auf Augenhöhe“ spricht.
Viel eher tritt im 35. Jahr ihres Bestehens die Partnerschaft in eine neue Phase des Ungleichgewichts. Giffeys Verteidigungsrede mag ein erster Hinweis darauf sein, wie es sich anfühlt, wenn die gute Tante ihre Autorität verloren hat und die Nichte plötzlich aufmüpfig wird.
Womöglich macht Warschaus Erfolg Berlin gerade sogar etwas Angst. Nicht wegen des Muts im städtischen Raum, der dem mutlosen Berlin den Spiegel vorhält. Auch nicht wegen des Muts am Fluss, wo Warschau das rechte Weichselufer in Praga weitgehend naturnah belässt.
Angst macht eher die Mentalität, die einer solchen Dynamik zugrunde liegt. Warschau sei eine liberale und keine linke Stadt, schrieb dieser Tage der Tagesspiegel. Das soll vielleicht auch heißen, dass Warschau New York inzwischen ähnlicher geworden ist als Berlin. Nicht nur wegen der Skyline, sondern auch wegen des täglichen Überlebenskampfes, der zu einer Boomtown gehört.
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Warschau feiert eine Straße.
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