Nachruf auf Janosch: Horst Eckerts gesammelte Ängste
Janosch ist tot. Hinterlassen hat er eine ureigene Bilderwelt. Seine Zeichnungen galten als niedlich und harmlos, doch das waren sie nicht.
Gestorben wird ohnehin viel im Oeuvre von Horst Eckert, den die Welt nur als Janosch kennengelernt hat. Auch in den Kinderbüchern und oft lächerlich unnötig. Geradezu genüsslich zelebriert aber wird das Krepieren des Hasen, der, anders als in der volkstümelnden Vorlage, dem Igel das Wettlaufen aufnötigt. Und der braucht bei Janosch keine List, um zu triumphieren. Das ist ihm total egal. Der Igel vergisst sogar umgehend, dass er sich überhaupt auf ein Rennen eingelassen hat, fährt stattdessen an den See picknicknen mit seiner Frau. Schön haben's die zwei. Für den Wettbewerb interessiert sich in dieser Fassung niemand, außer eben dem neoliberalen Hasen. Der will unbedingt Sieger sein.
Und er rennt also mit dem Startvorteil seiner langen Beine, auf die er mächtig stolz ist, von Olmburch über Brehm und Lümmeburch bis Hamburch, wird dabei vom Auto überfahren, gerät in ein Fangeisen, verunfallt und verletzt sich aufs Grausamste. Aber er hält trotzdem starr am Ziel fest. Er will ja Sieger sein, mit seinen langen Beinen. Weshalb er dann Panik bekommt, dass der Igel ihn infolge all der Havarien überholt haben könnte, „und quälte sich mit seiner Furcht, bis er verstarb“.
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Er habe angefangen „Maler werden zu wollen“, weil er „nicht mehr arbeiten wollte“, so hat Janosch Ende der 1990er in einer seiner unzuverlässigen autobiografischen Skizzen den Beginn seiner Laufbahn geschildert. Denn für einen Maschinenputzer in der Wollkämmerei bedeutete arbeiten, „die Finger können zwischen die Zahnräder geraten“.
Und dann entscheidet er sich: Da macht er nicht mit. Und flieht vor der Arbeit in eine Tätigkeit, die er sich immer geweigert hat, als Kunst zu bezeichnen. Das, was er tut, nennt er „die Freiheit auf die Spitze treiben“. Das ist nicht weniger bescheiden, nur viel radikaler in der Absage an bürgerliche Konventionen. Weil es eben auch bedeuten kann, den Tag nur in der Hängematte zu verdösen und Bilder in die Luft zu denken.
Luftbilderwelt mit polymorpher Sexualität
Aus dieser Luftbilderwelt stammen die kanonischen Bilderbücher der 70er und 80er Jahre. Oft erscheint sie auf den ersten Blick niedlich und harmlos. Aber die Traumwelt Janoschs ist belebt von Begehren und Lüsten, oft einer polymorphen Sexualität. Das glücklichste Liebespaar im Gesamtwerk sind – mehr noch als die nackte Frau und der seltsame Vogel – Grille und Maulwurf, deren tapsige Zärtlichkeit mitunter in Gewalt abrutscht. Diese Welt ist grundiert von vielfältigen Ängsten: der Angst vor uniformierten Bewaffneten, der Angst vor brutalen Geistlichen, der Angst vor und der schmachtenden Sehnsucht nach übermächtigen Frauen. Damit müssen die Protagonisten irgendwie klarkommen. Sie tun es als Hochstapler und rücksichtslose Lügenbolde, viele von ihnen sind Loser, vegetarische Krokodile, angeberische Mäuse, Menschen, die alles für ihren Apfel hingeben, bis dessen Last sie schier erdrückt.
Nie sind sie Vorbilder. Selbst die nettesten seiner Gestalten haben Hintergedanken. Oder sie werden ihnen zugetraut. Auch dem Wolf in „Das Leben der Tiere“ (1981). Klar, er hat dem kleinen Schweinchen ein kurzweiliges wunderschönes Schweineleben beschert. Aber hat er es nur gemästet, um es umso lustvoller fressen zu können? Oder hat er es wirklich geliebt? Steht nicht fest. Kommt niemals raus. Denn bevor irgendetwas hat passieren können „verstarb der Wolf und wurde begraben“.
Gesegnete 95 Jahre ist Janosch alt geworden, was an ein Wunder grenzt, denn gesund gelebt hat er nicht. Die Kindheit in Hindenburg, heute Zabrze, wäre wohl auch ohne den Krieg eine Hölle gewesen. Fast die Hälfte seines Lebens hat er auf Teneriffa verbracht, wo er 1980 hingezogen war und bis zuletzt lebte. Seine Seelenwunden hat Janosch lange geglaubt, mit hartem Alkohol ausbrennen zu können. Er war eine vielfach verletzte Person. Am 4. November ist er verstorben.
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