Sprechen über Nahost in Berlin: Einsteigen, zuhören, aushalten
Mit persönlichen Geschichten aus Israel, Palästina und Deutschland bringt der „HörBus Nahost“ den Konflikt auf Berliner Schulhöfe und schafft Raum für Empathie.
Eine Elftklässlerin mit an den Seiten ausrasiertem Haar und viel schwarzem Kajal um die Augen sitzt auf einer roten Sitzbank in einem Bus. Über den Kopfhörer hört sie Joana Osman zu. Auf dem Tablet sieht man die deutsch-palästinensische Schriftstellerin, die gerade über Traumata spricht, besonders über jene seit dem 7. Oktober 2023. Frieden, sagt sie, könne es nur geben, wenn beide Seiten „das Leid der jeweils anderen anerkennen“. Die Schülerin nimmt den Kopfhörer ab. Sie könne dazu nichts sagen, sagt sie mit kleiner Stimme. „Noch nicht.“
Es ist ein kalter Novembermorgen. Auf dem Schulhof der Paul-und-Charlotte-Kniese-Schule in Lichtenberg steht ein ausrangierter Doppeldeckerbus, der schon bessere Zeiten gesehen hat. Früher hat er Schulkinder transportiert, heute geht es um eine andere Art von Bewegung: Der HörBus Nahost nimmt Jugendliche mit auf eine Reise durch den israelisch-palästinensischen Konflikt. Allerdings ohne den Schulhof zu verlassen. An dieser Haltestation soll zunächst etwas geschehen, das in der aufgeheizten Debatte oft zu kurz kommt: zuhören.
Die Schule liegt inmitten funktionaler Plattenbauten, die das Stadtbild dieser Gegend prägen. Das Quartier ist sozial herausgefordert, der Anteil von Menschen mit Migrationsgeschichte für Berliner Verhältnisse relativ niedrig. Die Schule setzt dazu einen guten Kontrapunkt: Als Gemeinschaftsschule, in die auch blinde Kinder sowie Kinder mit anderer körperlicher Einschränkung gehen, gehört Vielfalt zum pädagogischen Alltag. Rücksichtnahme, Respekt und der Umgang mit unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten, das ist sofort bemerkbar, sind hier keine abstrakten Unterrichtseinheiten.
Die Klasse hört zu
Der HörBus bringt Stimmen aus Israel, Palästina und Deutschland auf Schulhöfe. Audioaufnahmen, Playlists, Videos und Texte sollen einen differenzierten Zugang zum israelisch-palästinensischen Konflikt ermöglichen; anschließend gibt es ein moderiertes Gespräch. Entstanden ist das Projekt aus der Ausstellung „Hörbar. Stimmen zu Nahost“, die Dora von Soosten und Mutlu Yolaşan mit Schüler:innen und Sozialarbeiter:innen an einer Schule in Neuss in Nordrhein-Westfalen entwickelt haben. Gemeinsam mit der Gesellschaft im Wandel wurde daraus eine Ausstellung auf Rädern. Nach einer erfolgreichen Pilotphase im Sommer 2025 ist der Bus seit dem 1. Juni 2026 bundesweit unterwegs, in den nächsten Wochen parkt er auf verschiedenen Schulhöfen in Berlin.
Zu Beginn erklingt die vertraute Melodie der Tagesschau. Daraus erwächst eine Hörcollage, in der Nachrichten und persönliche Erfahrungen ineinandergreifen. Die Klasse hört gebannt zu. Wiederholt geht es um den Mut, den es braucht, anderen zuzuhören, auch wenn ihre Erzählungen schwer auszuhalten sind. Danach dürfen sich die Jugendlichen selbstständig in den liebevoll ausgestatteten beiden Etagen des Busses bewegen.
An den Hörstationen heißen die Themen Protest, Empathie oder Pauschalisierung. Menschen vor Ort, Betroffene in Deutschland und Fachleute aus verschiedenen Ländern erzählen, was der Konflikt mit ihrem Leben macht. Die Jugendlichen kuscheln auf den roten Kunstlederbänken, beugen sich über Klemmbretter, schreiben eifrig mit. Manche ziehen gemeinsam weiter, andere bleiben lieber allein. Wer genug gehört hat, drückt auf Pause. Auch das ist hier erlaubt: eine kleine Notbremse, bevor die Eindrücke zu viel werden.
Zwischendurch wird über die Französischhausaufgaben gesprochen oder über die anstehende Hofpause. Einer wühlt in einer Bücherkiste und notiert sich einen Titel. Eine andere dreht einen Begriffsklotz mit der Aufschrift Zionismus in der Hand; daneben liegt einer zu Jerusalem. Auf einem Tisch steht eine orientalisch anmutende Metalllaterne mit lila Glasscheiben. Finger spielen an ihrem Dach, während Geschichten über Verlust und Angst erzählt werden.
„Hast du das gehört, Alter?“, fragt ein Junge seinen Freund. Gerade berichtet die israelisch-amerikanische Aktivistin und Pädagogin Rebecca Strober über den israelischen Militärbefehl Nr. 101, der palästinensische politische Versammlungen im Westjordanland mit über zehn Teilnehmer:innen verbietet. Der Freund antwortet: „Bruder, ist das krass.“ Er legt den Kopfhörer weg und blickt eine Weile aus dem Fenster.
Gewalt und Angst
Eine Schülerin schreibt etwas auf einen anonymen Zettel für die Gedächtnisbox. „Wer ist der Böse?“, steht darauf. Denn wer sich mit dem Nahostkonflikt beschäftigt, begegnet Gewalt und Angst, aber auch der Erwartung, sich eindeutig zu positionieren. Seit dem Krieg in Gaza seien die Gespräche total aufgeladen, findet die Schülerin. Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus, Trauer und Wut – „auch im Klassenraum haben wir damit zu tun“, sagt sie.
Kann ein Bus das auffangen? Das Versprechen, alle Perspektiven anzuhören, ist noch keine Garantie dafür, dass bei dieser Reise niemand verletzt wird. Auch Empathie muss genau sein: Das Leid von Menschen anzuerkennen bedeutet nicht, jede politische Äußerung einfach so stehen zu lassen. Und die Suche nach Zwischentönen darf Unterschiede zwischen Verantwortlichen und Opfern nicht verwischen. Wer zu schnell fährt, landet schnell bei Schuldzuweisungen, von denen die Ausstellung wegführen will.
Nach etwa einer Stunde verlassen die Jugendlichen ziemlich leise den Bus. Mit einer Mitarbeiterin der Initiative ziehen sie sich in einen Safe Space in der Schule zurück. Der Klassenlehrer, der zuvor dabei war, bleibt genauso wie die Reporterin außen vor. Nicht jede Gefühlsäußerung soll sofort bewertet und verteidigt oder gar benotet werden.
Als die Klasse später zurückkommt, um die Taschen zu holen, gehen doch noch zwei Freunde entschlossen ins Gespräch. Sie wollen etwas erzählen. Einer möchte anonym bleiben. Der andere sagt, sein Name dürfe ruhig in der Zeitung stehen: Dzheger Ay Azad. Er habe kurdische Wurzeln, sagt er. Beide wirken bewegt. Und das ist keine Kleinigkeit für sie. In den Medien, sagen sie, kämen die Menschen vor Ort viel zu selten selbst zu Wort. Erstaunt habe sie, dass keiner der Befragten so spreche wie Netanjahu oder die Hamas.
„Diese Menschen wollen alle Frieden und Mensch…“, sagt Dzheger und dreht sich hilfesuchend zu seinem Freund. „Wie heißt das nochmal?“ Der andere hilft ihm: „Menschlichkeit.“ „Ja genau, Menschlichkeit.“ Sie treten von einem Bein aufs andere, um der Kälte etwas entgegenzusetzen. Der Bus hat keinen Konflikt gelöst. Aber zwei Schüler haben etwas gefunden, das in den großen Debatten oft verloren geht: Ein Wort, auf das sie sich einigen können.
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