Kommunalwahlen in Südafrika: Wenn der Wasserhahn stinkt
Trinkwasser aus dem Hahn ist in Südafrika nicht nur knapp, sondern zunehmend ungenießbar. Vor den Kommunalwahlen spitzt sich die Wasserkrise zu.
Foto: Siphiwe Sibeko/Reuters
Kurz vor Südafrikas Kommunalwahlen am 4. November entwickelt sich die Wasserkrise des Landes zu einer tickenden Zeitbombe unter den Regierenden in den Kommunen – ob vom ANC (African National Congress) oder von dessen Gegnern, die bei den letzten solchen Wahlen 2021 wegen der Unzuverlässigkeit öffentlicher Dienstleistungen gegen den ANC gesiegt hatten.
Seuchen, die von schmutzigem Wasser übertragen werden, haben vor allem in Südafrikas größter Provinz Gauteng verheerende Folgen. Zahlreiche Menschen, zumeist Kinder, liegen mit schweren Magen-Darm-Infektionen im Krankenhaus, weil sie verunreinigtes Trinkwasser zu sich genommen haben. Inzwischen liegt die Zahl in Südafrikas Hauptstadt Tshwane (Pretoria) bei 833; betroffen war insbesondere das Stadtviertel Bronkhorstspruit, außerdem Dark City, Ekandustria, Ekangala, Rethabiseng, Sokhulumi und Zithobeni.
Die Stadtverwaltung von Tshwane gab Nachlässigkeit zu, nachdem ihr in der Trinkwaseraufbereitungsanlage Bronkhorstspruit das Chlor ausging und ab Ende September drei Wochen lang bis Mitte Oktober ungechlortes Wasser aus den Wasserhähnen der Stadt kam. Die Verbraucher wurden darüber aber nicht informiert. Der Verzehr von Trinkwasser ist nun verboten, die Menschen dürfen nur Wasser von Tanklastwagen verwenden. Gegen die Stadtverwaltung laufen Ermittlungen.
In Tshwane regiert seit 2021 eine Koalition des ANC mit diversen kleineren Parteien. Die seit 2024 amtierende Bürgermeisterin Nasiphi Moya gehört zur Oppositionspartei Action SA, einer Abspaltung der größten Oppositionspartei DA (Democratic Alliance). Die Bürgermeisterin sagt, sie übernehme die „politische Verantwortung“ für die Wasserkrise, aber es müsse auch „administrative Verantwortung“ geben – ein Fingerzeig auf die ANC-geführte Regierung Südafrikas. Sie selbst, so Nasiphi Moya, habe „Fortschritte“ bei der Bereitstellung alternativer Wasserquellen und der Sensibilisierung der Öffentlichkeit gemacht.
Mehr als Hundert Studierende erkrankt
Nach Tshwane erreichte die Wasserkrise die Kleinstadt Makhanda in der Provinz Eastern Cape. Über 100 Studenten der historischen Rhodes University wurden von Wasserinfektionen niedergestreckt, dazu 23 Insassen der Haftanstalt St Albans im Großstadtraum Nelson Mandela Bay um den Hafen Port Elizabeth. Eine gemeinsame Untersuchung der Kommunal- und Provinzbehörden sowie der Regierung ist im Gang, um den Ursprung der Infektionen herauszufinden und die weitere Verbreitung zu stoppen. Die Regierung rief Bewohner mit Magen-Darm-Symptomen dazu auf, frühzeitig zum Arzt zu gehen und Verdachtsfälle zu melden. „Frühzeitiges Melden schützt nicht nur Einzelpersonen und Familien, sondern ermöglicht es auch den Gesundheitsbehörden, zügig zu reagieren“, hieß es.
Derweil warnte in Johannesburg die örtliche Wassergesellschaft Johannesburg Water vor einer möglichen Trinkwasserverseuchung im Stadtteil Bezuidenhout Valley nach der Reparatur einer beschädigten Pipeline. Die Bewohner des Gebietes sowie der Innenstadt von Johannesburg haben berichtet, dass ihre Wasserhähne einen starken fauligen Geruch abgeben, und sie sollen nun bis auf Weiteres kein Wasser mehr aus den Hähnen verwenden.
Früher war bei Kommunalwahlen in Südafrika meistens die erratische Stromversorgung das wichtigste Streitthema. Nun hat sich der Fokus auf Wasser verlagert. In Johannesburg und Nelson Mandela Bay regiert der ANC an der Spitze lokaler Koalitionen, in Makhanda regiert er allein.
„Unsichere Wasserversorgung verändert das Denken der Menschen im Wahllokal“, sagt Kommentator Samuel Nthodi. „Wenn kein genießbares oder gar kein Wasser aus den Hähnen kommt, verlagert sich politische Loyalität weg von ideologischer Überzeugung hin zu direkter Verantwortung. Wer regiert, steht unter Druck.“
Die Häufung von Verunreinigungen trifft ein Land, das ohnehin an zunehmendem Wassermangel leidet. Am unzuverlässigsten ist die Versorgung in der größten Provinz Gauteng, Herz des südafrikanischen Bergbaus rund um Johannesburg. Die Reservoirs des Wasserversorgers Rand Water befinden sich auf einem historischen Tiefstand. Sogar Johannesburgs Geschäftsviertel Sandton, der reichste Stadtteil Afrikas, erlebt Zeiten ohne fließendes Wasser. Rand Water betont, seine Wasserpumpen arbeiteten mit maximaler Kapazität, aber die Millionenstädte Johannesburg und Tshwane verbrauchten mehr Wasser, als ihnen zustehe.
„Unsere größte Sorge ist, dass Gauteng jetzt kurz vor dem Sommer kaum Resilienz in seiner Wasserversorgung hat“, sagt der Abgeordnete Stephen Moore von der größten Oppositionspartei DA. Die DA ist der wichtigste Koalitionspartner des ANC in Südafrikas Regierung, bei den Kommunalwahlen sind die beiden Parteien aber die schärfsten Konkurrenten. Als Bürgermeisterkandidatin für Johannesburg hat DA die deutschstämmige Helen Zille aufgestellt, ehemals Bürgermeisterin von Kapstadt und Premierministerin des Bundesstaates Western Cape während der schweren Wasserkrise am Kap 2017–18.
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