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Die WahrheitIch Drache auf dem Goldschatz

Was bleibt eigentlich von den Großeltern? Meist sind es Weisheiten, die so klingen, als wären sie von einem selbst.

B is heute habe ich nicht verstanden, wie uns all die berühmten Briefwechsel der Literaturgeschichte erhalten geblieben sein können. Wenn ich einen Brief verschicke, dann ist der in der Regel weg. Ich selbst verbleibe bestenfalls mit einem Schuhkarton voller Fremdbriefe hoffentlich freundlichen Inhalts. Folglich müssten doch alle Briefe von Goethe an Schiller bei Schiller und alle Briefe von Schiller an Goethe bei Goethe gelandet sein. Oder sollte Goethe stets Kopien seiner weisen Worte angefertigt – und also bei jedem Brief an Schiller die Nachwelt „in CC“ gesetzt haben?

Vollkommen unkontrolliert übrigens verläuft die Überlieferung weiser Worte, wie sie innerhalb gewöhnlicher Familien mündlich weitergereicht werden von Generation zu Generation. Meistens sind die überhaupt nicht weise. Und weil sie niemand aufgeschrieben hat, bleiben nur jene Sätze in Erinnerung, die sich dort aus irgendwelchen Gründen eingenistet haben. Gern hätte ich etwas Kluges oder Lehrreiches auf Lager, was mein kluger und lehrreicher Großvater mir einmal gesagt haben könnte.

Ich meine, der Mann war in meinem Leben wirklich wichtig. Trotzdem ist mir von ihm nur die folgende Bemerkung im Gedächtnis geblieben: „Wenn man was im Mund hat, geht man immer wieder mit der Zunge ran!“ Zugegeben, das ist nicht falsch. Es ist aber auch nicht eben der Weisheit letzter Schluss. Und irgendwie deprimierend, dass ich immer dann an meinen Opa denken muss, wenn ich was im Mund habe, einen abgebrochenen Zahn beispielsweise oder eine schmerzhafte Aphthe. Das hat er nicht verdient.

Sprüche der Großmutter

Dafür bin ich ein wandelndes Lexikon für Sprüche meiner Großmutter, die ich beinahe täglich, je nach Anlass, mit „Meine Oma hat immer gesagt …“ zitiere. Es droht die Menopause? „Meine Oma hat immer gesagt: Ich bekomme die fliegende Hitze!“ Ein Wolkenbruch naht? „Es ist noch keiner nass geblieben!“ Jemand hat Hunger? „Leck Salz, dann kriegste auch Durst!“ In besonderer Erinnerung blieb mir auch ihre donnernde Drohung: „Ich steck dir den Kopf zwischen die Ohren!“, deren Gegenstandslosigkeit mir erst Jahrzehnte später dämmerte.

Neuerdings ertappe ich meine Tochter dabei, einen meiner Sätze in ein Notizbüchlein zu schreiben, irgendwas über die „mehlige Präsenz“ von Maronen am Gaumen. Auf Nachfrage stellt sich heraus, dass das Kind bereits seit Jahren beiläufige Bemerkungen meinerseits heimlich aus dem Zusammenhang gerissen und feixend festgehalten hat, mit Vorliebe größenwahnsinnige Behauptungen wie „Ich bin ein unerschöpflicher Quell ewiger Weisheit“ oder „Ich sitze wie ein Drache auf dem Goldschatz meines Wissens“.

Als ich von ihr verlangte, was schon Kafka von Brod verlangte, nämlich das Notizbuch „restlos und ungelesen zu verbrennen“, notierte sie auch das. Die Nachwelt wird sich freuen. Ich bin geliefert.

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Arno Frank Inlandskorrespondent

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