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Alice Brauner über KZ-Film „Block 10“„Die massenhafte Gewalt gegen Frauen sichtbar machen“

Filmproduzentin Alice Brauner über ihr Drama zu Experimenten an Frauen in Auschwitz, den Kampf um Förderung und Parallelen zum Leben ihres Vaters Artur.

Interview von

Chris Schinke

Mit dem Historiendrama „Block 10“ widmet sich die Produzentin und Drehbuchautorin Alice Brauner an der Seite von Regisseur Marcus Rosenmüller dem Schicksal jüdischer Frauen, an denen die Nazis in Auschwitz Sterilisationsexperimente begingen. Wir sprachen mit der Filmemacherin und Historikerin über ihr akribisch recherchiertes Drama, ihre Schwierigkeiten mit der Filmförderung sowie über traurige Parallelen zum Leben ihres Vaters, der Produzentenlegende Artur Brauner.

taz: Frau Brauner, Ihr Film „Block 10“ ist, wie Sie im Presseheft schreiben, aus einer gewissen Wut heraus entstanden. Sie sprechen von Rebellion. Worauf richtet sich diese Wut?

Alice Brauner: Nach dem 7. Oktober hat sich für mich vieles verändert. Dieser Tag war eine persönliche Zäsur. Ich hatte mich schon lange zuvor mit Block 10 beschäftigt. Über das Buch von Bogdan Musiał, der später auch als historischer Fachberater an unserem Film mitgewirkt hat, war ich auf die Geschichte des Gynäkologen Maximilian Samuel aus Köln gestoßen. Eigentlich wollte ich eine ganz andere Geschichte verfilmen. Aber je mehr ich über Samuel las, desto stärker beschäftigte mich sein Schicksal. Ich bin ja auch Historikerin, solche Themen interessieren mich unabhängig von meiner Arbeit als Produzentin.

Im Interview: Alice Brauner

wurde 1966 in Berlin geboren. Dort studierte sie Neuere Geschichte, Politikwissenschaften und Romanistik. Sie arbeitete zunächst als Redakteurin, wurde dann Interviewerin und Referentin bei der Stiftung Survivors of the Shoah Visual History Foundation. Zudem produzierte sie am Zentrum für Antisemitismusforschung. 2006 begann sie mit der Filmproduktion an der Seite ihres Vaters Artur Brauner. Seit 2019 ist sie Geschäftsführerin von CCC Filmkunst.

taz: Inwiefern war der 7. Oktober so einschneidend für Sie und Ihre Arbeit am Film?

Brauner: Einschneidender als der 7. war eigentlich der 8. Oktober. Eva Illouz hat das sehr treffend beschrieben: Das Massaker der Hamas war ein Schock. Aber fast noch erschütternder war, wie schnell insbesondere in Teilen der linken und intellektuellen Öffentlichkeit das Mitgefühl für die jüdischen Opfer ausblieb und stattdessen das Relativieren, Rechtfertigen und teilweise sogar Feiern dieser Verbrechen begann. Ich habe mich gefragt, welchen Beitrag ich leisten kann, um mehr Verständnis für die jüdische Geschichte, die Schoah und das Existenzrecht Israels zu schaffen. Da wurde mir klar, dass ich „Block 10“ machen muss. Und zwar so drastisch, wie es der historischen Realität entspricht.

Der Film

„Block 10“. Regie: Marcus O. Rosenmüller. Mit Axel Prahl, Christian Berkel u.a. Deutschland 2026, 108 Min.

taz: Im Mittelpunkt des Films stehen die medizinischen Experimente an jüdischen Frauen in Auschwitz. Eine zentrale Figur ist der jüdische Häftlingsarzt Maximilian Samuel, der gezwungen wurde, an den Verbrechen mitzuwirken. Was hat Sie an seiner Geschichte besonders interessiert?

Brauner: Samuel steht für das, was Primo Levi die „Grauzone“ genannt hat: eine furchtbare Situation, in der Opfer unter existenziellem Zwang gezwungen werden, an Verbrechen mitzuwirken, ohne dadurch ihre eigene Opferrolle zu verlieren. Samuel war ein angesehener Gynäkologe, der im Ersten Weltkrieg als Lazarettarzt gedient hatte. Er verstand sich als überzeugter Deutscher und konnte sich lange nicht vorstellen, dass ihm in Deutschland etwas geschehen könnte. In Auschwitz musste dieser Arzt, dessen eigentliche Aufgabe es war, Frauen dabei zu helfen, Kinder zur Welt zu bringen, an ihrer Zwangssterilisation mitwirken. Das ist ein ungeheurer Widerspruch.

taz: Und ein moralisches Dilemma.

Brauner: Niemand von uns hat das Recht, Menschen, die in einer solchen Situation waren, mit dem moralischen Zeigefinger zu beurteilen. Niemand! Deshalb habe ich mich auch intensiv mit Primo Levis Überlegungen zur Grauzone beschäftigt und sie im begleitenden Buch Hannah Arendts Aussagen über die Rolle der Judenräte gegenübergestellt. Man muss begreifen, unter welchen Zwängen Menschen in den Lagern handeln mussten.

taz: Sie sind Historikerin. Warum haben Sie sich entschieden, diesen Stoff als Spielfilm und nicht als Dokumentarfilm zu erzählen?

Brauner: Ich hätte sehr gerne einen Dokumentarfilm gemacht, wenn es entsprechendes Material gegeben hätte. Aber die Nationalsozialisten haben die Unterlagen zu Block 10 weitgehend vernichtet. Der Block wurde 1944 aufgelöst, die Frauen wurden zunächst in andere Lagerbereiche und später teilweise nach Ravensbrück gebracht, wo die Experimente weitergingen. Es gibt wissenschaftliche Arbeiten über Block 10, unter anderem von Hans-Joachim Lang, aber kaum filmisches Material. Deshalb blieb mir letztlich nur der Spielfilm.

taz: Viele drastische Szenen in „ B lock 10“ sind schwer auszuhalten. Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen notwendiger Drastik und Voyeurismus?

Brauner: Diese Frage beschäftigt mich sehr. Ich habe „Son of Saul“ außerordentlich geschätzt. Das war für mich ein Referenzfilm. Trotzdem wurde ihm von manchen deutschen Kritikern Voyeurismus vorgeworfen, sogar von „Auschwitz-Porno“ war die Rede. Aber ist es schon Voyeurismus, wenn man die Realität zeigt? Ich glaube, dass Frauen auf unseren Film teilweise anders reagieren als Männer. Viele Zuschauerinnen können sich unmittelbar mit den Frauen identifizieren, die diesen gynäkologischen Eingriffen ausgeliefert waren. Hinzu kommt etwas Persönliches: Ich bin in einer jüdischen Familie aufgewachsen, in der Scham eine große Rolle spielte. Wenn ich mir vorstelle, was es für diese jüdischen Frauen bedeutete, sich vor SS-Männern ausziehen und entwürdigen lassen zu müssen …, ich glaube, für manche von ihnen wäre der Tod leichter zu ertragen gewesen als diese Demütigung.

taz: Sie kritisieren, dass sich das deutsche Kino häufig mit den Tätern des Nationalsozialismus beschäftigt. Was stört Sie an dieser Perspektive?

Brauner: Zunächst einmal, dass bei solchen Filmen nicht immer historisch präzise gearbeitet wird. Bei „Das Verschwinden des Josef Mengele“ beispielsweise sehe ich zahlreiche historische Fehler. Das halte ich gerade heute für gefährlich, weil Geschichtsrevisionisten solche Fehler aufgreifen und damit die Glaubwürdigkeit eines ganzen Films infrage stellen können. Vor allem aber besteht die Gefahr, dass man Empathie für die Täter erzeugt. Schon bei „Der Untergang“ konnte man diesen Effekt beobachten. Bei „The Zone of Interest“ frage ich mich beispielsweise, was es bedeuten soll, wenn Rudolf Höß am Ende plötzlich würgen muss. Ist das ein körperlicher Reflex? Soll darin ein Anflug von Gewissen sichtbar werden? Und warum wird dem Täter überhaupt eine solche Szene zugestanden? Mir geht es um die Frage, wann eine filmische Darstellung Gefahr läuft, Verständnis oder sogar Mitleid für Täter zu erzeugen.

taz: Wie haben Sie versucht, den Fokus in „Block 10“ auf die Opfer zu verschieben?

Brauner: Indem wir bewusst auf die Hintergrundgeschichten der NS-Ärzte verzichtet haben. Ich muss doch nicht erklären, warum Carl Clauberg ein Sadist war. Das ist nicht meine Aufgabe. Wir zeigen fünf Monate im Block 10. Dieser Ort und die Frauen, die dort gefangen waren, stehen im Mittelpunkt. Nicht die Täter. Deshalb haben wir auch nicht eine einzelne Frau zur Hauptfigur gemacht, sondern viele unterschiedliche Schicksale erzählt. Mir war wichtig, die Dimension dieser Verbrechen sichtbar zu machen. Die industrielle, massenhafte Gewalt gegen Frauen. Dabei haben wir uns so weit wie möglich an historische Zeugenaussagen gehalten. Die Frauen, ihre Geschichten und viele der Dialoge sind dokumentiert. Interessanterweise wurde uns gerade diese Entscheidung bei der Filmförderung vorgeworfen.

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Trailer „Block 10“

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taz: Inwiefern?

Brauner: Wir haben keine Förderung vom BKM bekommen …

taz: … vom Staatsministerium für Kultur, deren Gelder von der FFA, der Filmförderungsanstalt, verantwortet werden.

Brauner: Genau. Einer der Hauptkritikpunkte war, dass wir die Nazi-Ärzte angeblich überhöht dargestellt hätten. Das ist für mich ein vollkommenes Missverständnis des Films. Wir wollten gerade nicht die Täter in den Mittelpunkt stellen. Aber offenbar gibt es immer noch bestimmte Vorstellungen davon, nach welchem dramaturgischen Muster eine Geschichte erzählt werden muss. Noch schlimmer fand ich, dass in dem Ablehnungsschreiben stand, der Film sei für Schulen nicht geeignet.

taz: Mit welcher Begründung?

Brauner: Eine nähere pädagogische Begründung gab es nicht. Da stand einfach, man halte den Film für Schulen nicht geeignet. Dabei ist er ab 16 Jahren freigegeben. Und die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) hat in ihrer schriftlichen Begründung ausdrücklich festgestellt, dass Jugendliche ab 16 Jahren die geistige Reife und den Bildungshintergrund besitzen, um die Geschehnisse historisch einzuordnen und sich mit den moralischen Dilemmata auseinanderzusetzen. Sie hebt sogar die klare empathische Haltung und die Opferperspektive unseres Films hervor. Und wir erleben inzwischen bei Schulvorführungen, wie intensiv sich junge Menschen damit auseinandersetzen. Ich finde es ungeheuerlich, wenn ein Fördergremium solche Empfehlungen ausspricht. Vor allem, wenn sie sich in der Praxis als falsch erweisen. Andere Förderinstitutionen haben uns dagegen unterstützt, teilweise sowohl bei der Produktion als auch beim Verleih. Aber diese Kritik aus dem BKM-Verfahren hat mich wirklich getroffen. Auch wenn ich deshalb vielleicht nie wieder eine Förderung bekomme, muss ich das aussprechen.

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