Deutsche Kolonialgeschichte in Angola: Zeit, einander zuzuhören
Die Berliner Ausstellung „Penetração pacífica – Deutsche in Angola“ untersucht die deutsche Kolonialpräsenz in Angola und lässt Zeitzeugen zu Wort kommen.
Foto: Bruno Fonseca
Eine zerrissene Landkarte liegt auf einem Schreibtisch im ZAK, dem Zentrum für aktuelle Kunst im ehemaligen Kasernengebäude der Zitadelle Spandau. Die Karte zeigt den afrikanischen Kontinent, bunt gefärbt in Kolonien und Einflusszonen der europäischen Großmächte. Auch Deutschland hatte dort einst Besitzungen.
Mit einem kaum bekannten Kapitel dieser unrühmlichen Geschichte setzt sich nun die von den angolanischen Künstlern Mussunda N’Zombo und Bruno Fonseca initiierte und vom Goethe Institut Luanda unterstützte Ausstellung „Penetração pacífica – Deutsche in Angola“ auseinander. Sie beschäftigt sich mit deutschen Auswanderern, die vor allem in den Zeiträumen vor und nach dem Ersten Weltkrieg in die damalige portugiesische Kolonie zogen und dort eine Transformation vom Wirtschaftsflüchtling zum vermögenden Landwirt erfuhren. Koloniale Bedingungen machten das für weiße Europäer möglich.
Zentrales Dokument ist der zwölfminütige Dokumentarfilm „Deutscher Pflanzer in Angola“ aus dem Jahr 1932. Der Afrikaforscher, Großwildjäger und frühere Kolonialbeamte Hanns Schomburgk zeigt darin die Pflanzer und deren Familien bei der Arbeit und zeichnet ein geradezu idyllisches Aufbaubild in tropischen Gefilden. „Weitgehend namenlos und ohne eigene Perspektive“ bleibt hingegen die kolonisierte Bevölkerung, wie die Antonio-Amadeu-Stiftung in einem begleitenden Kommentar völlig zu Recht kritisiert.
Die Ausstellung
„Penetração pacífica – Deutsche in Angola“: ZAK / Projektraum, Zitadelle Spandau, Berlin, bis 3. Januar 2027
Den Streifen darf man getrost als Werbefilm fürs Auswandern werten. In zahlreichen Dokumenten weist die Ausstellung auch nach, wie stark deutsche Dienststellen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1930er Jahre an einer Auswanderung ihrer Landsleute in die damalige portugiesische Kolonie beteiligt waren.
Nach Ende des Ersten Weltkriegs, als Deutschland 1918 seine Kolonien an die Siegermächte abtreten musste, warnte die damalige Berliner „Reichsstelle für das Auswanderungswesen“ in einem Rundschreiben allerdings vor zu aggressiver Werbung. Man befürchtete, die portugiesische Kolonialbürokratie könnte Einreisen erschweren.
Als „Siedlungsland“ angepriesen
Die meisten anderen Kolonialmächte ließen die Weltkriegsverlierer zwischen Rhein und Oder ohnehin nicht in die von ihnen beherrschten Gebiete. Angola aber wurde von diversen Agenturen weiterhin als „Siedlungsland“ angepriesen. Dabei wurden vornehmlich die landwirtschaftlichen Produkte in schönsten Farben geschildert, die dort lebende Bevölkerung aber mit keinem Wort bedacht. Unrechtsbewusstsein verträgt sich eben schlecht mit Kolonisierung.
Das wird auch in Interviews mit Nachfahren der deutschen Siedler deutlich. Die verließen zum Großteil nach Erreichen der Unabhängigkeit im Jahr 1975 das Land. Ihre Rückblicke zeichnen ein weitgehend idyllisches Bild von der Zeit davor.
Interessanterweise sind auch Interviews mit früheren angolanischen Arbeitskräften von positiven Erinnerungen geprägt. Sie waren als sogenannte „Contratados“ (Vertragsarbeiter) auf Farmen und in Minen angestellt, erhielten oft nur Hungerlöhne und waren Bedingungen ausgesetzt, die heutzutage als System von Zwangsarbeit gelten.
Dennoch erzählt der einstige Arbeiter Avelino J. Pascual im Interview mit dem Initiator der Ausstellung Miguel Domingos De Menezes (Künstlername Mussunda N’Zombo) sowie der Leiterin des Goethe Instituts Luanda, Julia Schreiner, er blicke ohne schlechtes Gefühl auf diese Zeit in Diensten der deutschen Herren zurück. Porträtiert sind einige der alten Arbeiter vom Fotografen Bruno Fonseca.
Bemerkenswert ist Mussunda N’Zombos Vermächtnis, das er in Form eines Papierdokuments in der Ausstellung hinterlässt: „Ich bin nicht gekommen, um zu spalten, sondern um zu vereinen und zu fragen: Was können wir gemeinsam aufbauen, ohne unsere Unterschiede zu leugnen?“, schreibt er und betont: „Afrika spricht. Die Diaspora spricht. Jetzt ist es vielleicht an der Zeit, dass wir einander zuhören.“ Die Ausstellung „Penetração pacífica“ versammelt sehr unterschiedliche Stimmen, denen zuzuhören lohnend ist. Vertiefung bieten die zahlreichen Bücher, die ebenfalls Teil der Ausstellung sind.
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