Ausstellung in Berlin: Brüchiger, durchlässiger vielleicht
Die Berliner Galerie Adlershof zeigt die Schau „Die Kids sind nicht alright! 2“. In dieser Fortsetzung blicken junge Künstlerinnen und Künstler auf das Erbe der DDR.
Foto: Eric Tschernow
Ein aufblasbarer Stern lehnt schlaff an der Wand der Galerie Alte Schule in Adlershof. Seine Form ist dem Stern der Völkerfreundschaft nachempfunden, einem in der DDR gern verliehenen Orden für staatlich verordneten Internationalismus. Minh Duc Pham, 1991 im sächsichen Schlema geboren, hat ihn nachbauen lassen – und lässt ihm in der Installation programmatisch die Luft entweichen.
Es ist ein Anblick mit Symbolkraft, in dem sich Zustände und Befindlichkeiten des Ostens prima bündeln lassen. Der Stern erinnert an eine Gesellschaft, die nicht mehr ist, an die sich teils nostalgisch, teils aber auch mit Grausen erinnert wird.
Und dieser „Stern der Völkerfreundschaft“ lädt selbstverständlich auch zum Nachdenken darüber ein, wie ausbeuterisch das einst hochgelobte Verhältnis zu den sogenannten Bruderländern in Asien, Afrika und Lateinamerika war. Zugleich ist der Stern ein schrilles Kontrastmittel für die Tatsache, dass im einstigen Völkerfreundschaft-Areal die „Remigration“ von offensichtlich sehr vielen Menschen für ein wählbares Konzept gehalten wird.
Die Ausstellung
„Die Kids sind nicht alright! 2“, Galerie Adlershof im Kulturzentrum Alte Schule, Berlin, bis 14. November
Die Ausstellung „Die Kids sind nicht alright! 2“ setzt mit Künstlerinnen und Künstlern, die um die Wendezeit entweder noch gar nicht geboren oder sehr jung waren, die Auseinandersetzung um das Erbe der DDR, die innerdeutsche Teilung und die Folgen der Wiedervereinigung fort. Im ersten Teil, ebenfalls kuratiert von der Galerie-Leiterin Meta Martina Beeck, waren die älteren Jahrgänge vertreten, vor allem die 1970er und 1980er Jahre.
Erfahrungen von Verlust, Verfall und Veränderung
Im Unterschied dazu sind die jetzigen Arbeiten weniger direkt biografisch geprägt. Vielmehr findet ein generelleres Auseinandersetzen mit Erfahrungen von Verlust, Verfall und Veränderung statt. Eric Meier (Jahrgang 1989) lässt Glasbausteine, zu Ostzeiten ein Traum für Häuslebauer, zu biomorphen Konstellationen zerschmelzen. Er stellt auch Zaunelemente in den Ausstellungsraum, die teils zerborsten sind. Sie trennen nicht mehr ab, sondern sind brüchiger geworden, durchlässiger vielleicht auch für Neues.
Das ist noch der hoffnungsvollste Zugriff auf Thema und Region. Clara Maria Bennewitz, 1999 in Bonn geboren, aber nach Dresden zum Kunststudium gekommen, setzt in der Installation „Reine Wäsche“ ostdeutsche Widersprüchlichkeiten ins Bild. Auf einer Wäschespindel, wie es sie als kollektive Wäschetrockenanlage in manchen Siedlungen bis heute gibt, hängt sie harmlose Babyhemdchen mit Hasenfiguren neben Textilien mit Frakturschrift und eindeutig rechten Parolen. Ideologie wandert in die Waschmaschinen und kontaminiert beim Trocknen den öffentlichen Raum.
Befragung von Schulklassen
Bemerkenswert ist ein Archivfund aus dem Jahr 1990, der ebenfalls Eingang in die Ausstellung fand und den Blick auf die gesamte Bundesrepublik weitet. Im Oktober 1990 befragten Filmteams im Auftrag des Schulmuseums Berlin und der Arbeitsgruppe Pädagogisches Museum e. V. Sechstklässlerinnen und Sechstklässler in Schulen diesseits und jenseits der Elbe nach ihrem Blick auf die Vereinigung. Ein Mädchen in Ostdeutschland befürchtete da schon Jobverlust für die Erwachsenen. Ein Gleichaltriger merkte an, er habe herausgehört, die Erwachsenen wollten gar nicht so schnell eine Wiedervereinigung, sondern eher eine Gesellschaft, in der sie selbst Entscheidungen treffen können.
Ein Junge aus einer westdeutschen Schule wiederum argumentierte: „Es hätte doch gereicht, die Mauer aufzulassen. Aber sie müssen ja nicht gleich in Massen hierherkommen.“ Die Kids von damals sind jetzt ungefähr Ende 40. Was von den Einstellungen mag sich erhalten, was sich verändert, was sich vielleicht auch durch eigene Lebenserfahrungen verfestigt haben?
Der halbstündige Zusammenschnitt der Schülerinterviews mit dem Titel „Beigetreten! Dieses Wort ‚Drüben‘, das kriegt man nicht so leicht weg“ sollte zum Pflichtfilmprogramm an jeder Feier des 3. Oktober gehören. Erhellend wäre es sicher auch, einige der „Kids“ von damals jetzt als Erwachsene auf die damalige Zeit und ihre Aussagen zurückblicken zu lassen.
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