Violinistin Jessie Marino: Sie lässt Formen kollidieren
Jessie Marino verbindet zeitgenössische Musik mit Folk und erschafft mit Alltagsgegenständen magische Momente. Porträt einer ungewöhnlichen Künstlerin.
Jessie Marino passt in keine Schublade. Zu eng. Zu bequem. „Warum sollte ich mich wiederholen? Dafür fehlt mir die Zeit“, sagt die in Berlin lebende Künstlerin. Es gibt einen roten Faden, der ihre Arbeiten miteinander verknüpft. Jessie Marino ist Musikerin, Komponistin, Medienkünstlerin, Performerin, Improvisationskünstlerin. Dozentin. Und Quilterin.
Marinos musikalischer Output ist enorm, hier werden drei Arbeiten näher betrachtet. Alle drei eint – roter Faden! –, dass sie bereits existierende Werke anderer als Ausgangspunkt nehmen und Marino sie auf ganz unterschiedliche Weise zu etwas Neuem formt.
2019 verarbeitete sie den Skandal um Milli Vanilli, einen Tiefpunkt des Pop, bei dem manipulative Strukturen offenbar wurden wie kaum jemals zuvor. Milli Vanilli spielten 1990 in den USA ein Stadionkonzert, und das Playback blieb hängen. Als hätten sie Schluckauf, stotterten die beiden Tänzer „Girl you know it’s …“, bis sie beschämt von der Bühne rannten. So kam heraus, dass sie die Musik nie selbst eingesungen hatten und nur als Platzhalter herhielten, weil die eigentlichen Sänger nicht ins gewünschte Bild passten.
Jessie Martino with Inga Margarete Aas & Pinquins: „Murder Ballads Vol. II – The Positive Reinforcement Campaign“ (Harlow Etc./Bandcamp)
Live: 17. September, „Kulturraum Zwingli Kirche“ Berlin Jessie Marino mit Jasmine Guffond und Kai Fagaschinski
9. Oktober, Neslihan Schmidt and Korhan Erel spielen Werke von Gudrun Gut, Jessie Marino, Grgur Savic und eigene Werke im „KM28“ Berlin
10. Oktober, Magda Mayas, Biliana Voutchkova und Miako Klein spielen Musik von Jessie Marino und Juliana Hodkinson im „KM28“ Berlin
Jessie Marinos „Girl, ya know“ dehnt den Hänger auf elf Minuten aus. Nach einigen Wiederholungen verschiebt sie die Phasen. Der Schluckauf gerät immer weiter aus dem Takt, bis wieder alles stimmt. Während dieser schier endlosen Zeit durchlebt man die Schmach erneut.
Eine ausdrucksstarke Interpretin
Schon zu Grundschulzeiten begann Marino, Cello zu spielen. „Das war kein richtiger Unterricht. Keine Technik.“ Genau dies hat sie zum Weitermachen bewogen. Beim Cellostudium an der Manhattan Music School stellte sie fest: „Ich kann Phrasen erkennen, bin eine ausdrucksstarke Interpretin, habe ein gutes Rhythmusgefühl und all sowas. Aber ausgefeilte Technik hab ich keine.“
Die Erkenntnis, dass aus ihr keine Orchestermusikerin werden würde, brachte Marino dazu, sich in der europäischen Szene zeitgenössischer Musik umzutun. „Dort fand ich heraus, wie ich mein Instrument halte, Hände, Stimme und Körper so einsetze, dass ich Sounds, die eine zeitgenössische Komposition mir abverlangt, auch produzieren kann.“
Mit dem Bachelor in der Tasche kam sie 2006 erstmals nach Berlin, gab Cellounterricht, lernte Deutsch und knüpfte Verbindungen zu Gleichgesinnten. „Bis dahin war mir gar nicht bewusst, dass es möglich ist, bei einem Konzert fast keine Note zu spielen. Das war eine Offenbarung!“
Mit dem Stück „Portsmouth NH, 1978“ geht sie den umgekehrten Weg. Musiker*innen des Spektral Quartet und des Jack Quartet spielen sich durch die textbasierte Partitur von weißem Rauschen, bis sie bei der „Cavatina“ aus Beethovens Streichquartett Nummer 13 opus 130 ankommen. Die Geigen klingen nach knarzenden Türen, vor dem inneren Auge taucht ein Geisterschiff auf.
Genregrenzen sind sinnlos
Als die Künstlerin 2008 nach zwei Jahren Berlin wieder in ihre Geburtsstadt New York zurückkehrte, näherte sie sich dem Theater, insbesondere Off-Broadway-Produktionen; das erweckte in Marino den Wunsch, Musik und Theater auf abstrakte Weise zusammenzudenken.
Dieses Anliegen vertiefte sie ab 2011 beim Studium an der Wesleyan University in Connecticut bei Ronald Kuvila – „einem Meister der elektronischen Musik“, wie Marino sagt – und dem damals bereits emeritierten Komponisten Alvin Lucier. Dort probierte sie sich aus – es gab Ensembles für Gamelan, Taiko und Afrikanisches Trommeln.
Wie man für bestimmte Instrumente komponiert, war für Marino nie interessant. Zudem hält sie die Idee von Genregrenzen und genrespezifischer Spielweisen „sinnlos“. Achtung: Roter Faden! „Ich orchestriere technisch nicht korrekt, ein Orchestrierungsbuch habe ich nie geöffnet“, erklärt sie.
Kompositionslehre zu erlernen, war auch nicht ihr Hauptanliegen, als sie 2013 in Stanford bei Paul DeMarinis ebendieses Fach belegte. „An der ungewöhnlichen Kombination aus Musik, musikalisch geprägtem Theater und musikalisch geprägtem Tanz interessiert mich, was passiert, wenn diese Formen kollidieren. Obwohl sie sehr einfach sind, lassen sie sich gut mit Musik kombinieren, da sie auf Wiederholungen basieren.“
In der Pandemie mit Quilten begonnen
2019 kehrte Marino mit Doktortitel, diversen Auszeichnungen und einer bereits langen Liste unterschiedlichster Aufnahmen nach Berlin zurück. Als die Covid-Pandemie ausbrach, wurde ihr klar, dass sie nicht nur in Deutschland bleiben musste, sondern auch wollte.
„Zum Ausgleich habe ich dann angefangen zu quilten. Ich brauchte eine andere Kunstform, etwas, das unmittelbar ist. Beim Quilten sehe ich nach einer Stunde, was ich gemacht habe. Ganz anders als beim Komponieren, wo es mitunter Jahre dauert, bis ich etwas in den Händen halte.“
Marino brauchte eine emotionale und musikalische Brücke in ihr Geburtsland. Mörderballaden! „Ich komme zwar nicht aus dem Süden, auch nicht aus den Appalachen. Aber diese Folksongs sind im kulturellen Gedächtnis aller Amerikaner*innen verankert. Sie stecken in der Musik von Bob Dylan, in den Songs von Willie Nelson, sie sind überall.“ Zudem ist das übergreifende Thema von Mörderballaden – die Darstellung von Frauen als wehrlose Opfer – auch Hunderte Jahre nach ihrer Entstehung noch relevant. Leider.
Vielstimmigkeit für weibliche Solidarität
In ihrem vor Kurzem erschienenen Album „Murder Ballads Vol. II – The Positive Reinforcement Campaign“ (von „Murder Ballads Vol. I – Sister Sister“ existiert zwar eine Aufnahme, aber kein Album) verwendet sie Themen klassischer Mörderballaden.
„Entweder gibt es in den Songs eine Originalmelodie oder einen Originaltext. Mal habe ich eigene Parts hinzugefügt, mal von anderswo hergeholt. In alle Songs sind Sacred-Harp-a-cappella-Stücke eingewebt. Diese energetische traditionelle Gesangform und die Idee, dass es keine Soli gibt, mag ich sehr. Die Vielstimmigkeit drückt weibliche Solidarität und Stärke aus.“
Sehr eindrücklich geschieht dies bei „Pretty Polly“. Marino nutzt die Akkordwechsel des Sacred-Harp-Stücks „Amelia“ und ließ sich von den vielen verschiedenen Textversionen dieser klassischen Mörderballade inspirieren, die entschlossen vorgetragen keinen Zweifel lässt: Das Opfer wird den Mörder rächen.
Im Song „Vessel“ kombiniert Marino den Dolly-Parton-Song „The Bridge“, in dem eine ledige Schwangere überlegt, sich von einer Brücke zu stürzen, mit dem Sacred-Harp-Stück „Idumea“. Marino evoziert das verstörende Szenario, dass der Fötus das Wort erhebt und seine Mutter davon überzeugt, in den Tod zu springen: Ein Leben in einer Gesellschaft, die sie beide verdammt, ist nicht lebenswert.
Die Geige wie ein Cello halten
„An Mörderballaden mag ich, dass sie oft missverständlich sind. Da kommt ein wirklich teuflischer Text in fröhlichem Dur daher, du kannst dich auf nichts verlassen.“ 2023 hat Marino „Murder Ballads Vol. II – The Positive Reinforcement Campaign“ mit der Bassistin Inga Margarete Aas und dem Perkussions-Trio Pinquins bei den Donaueschinger Musiktagen uraufgeführt. Sie hatten mit Gegenwind gerechnet, weil sie Folk in diese E-Musik-Bastion bringen.
Weil Marino ihre Geige hält wie ein Cello. Was sich für die 42-Jährige absolut natürlich anfühlt (das Cellospielen hat sie aufgegeben, da es ihr körperliche Schmerzen bereitet). Beides brachte ihr den Vorwurf des Dilettantismus ein. Doch was dann in Donaueschingen geschah, macht sie noch heute sprachlos. Kurz vor Beginn der Liveübertragung im Radio sprang ein Mann auf und verließ mit den Worten „Zu viele Frauen auf der Bühne!“ fluchend den Saal. „Da wusste ich, wie wichtig es ist, diese Art von Musik in solche Veranstaltungen zu tragen. Wir hatten noch nicht einmal begonnen. Fünf Frauen, zu viel?“
Bis zu diesem Vorfall hatte Marino nie das Gefühl, als Künstlerin benachteiligt zu werden oder als Frau den Zugang zu Institutionen verwehrt zu bekommen. Immerhin.
Schönere Erfahrungen als in Donaueschingen macht sie im KM28, einem Ort für Jazz, Elektronik und freie Improvisation in Berlin-Neukölln, in dem Marino nicht nur regelmäßig auf der Bühne sitzt, sondern auch hinterm Tresen steht. „Die Leute sind offen für alles Neue, hören konzentriert zu und machen sich ihre Gedanken. Und wenn ihnen etwas nicht gefällt, bleiben sie und fragen hinterher ‚Wieso hast du denn die gebucht?‘, sie sind am Austausch interessiert.“
Der dickste rote Faden in Jessie Marinos Werk ist der Alltag. „Ich benutze ungern Musik-Equipment. Lieber mag ich Dinge, die wir tagtäglich nutzen: Tassen, Lampen. Angenommen, ich sehe auf der Bühne zwei Performer, die ihre Gläser aneinanderstoßen. Dann werde ich später selbst daran erinnert, wenn ich mit jemandem anstoße. Solche kleinen wertschätzenden Momente sind bedeutsam, die ich zusammen mit anderen Menschen erlebt habe. Etwas, was mich vielleicht dazu bringt, anders über etwas zu denken als zuvor. Oder, dass ich mich an etwas erinnere, weil ich mit einem Objekt oder einer Idee konfrontiert werde.“ Als Künstlerin lässt Jessie Marino aus etwas Alltäglichem einzigartige Momente entstehen.
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