Hannover-Tatort: Gegen das Zerschmelzen der Zusammenhänge im Kopf
Der „Tatort“ aus Hannover liefert ein berührendes und humorvolles Stück über Demenz. Hier ist nichts, wie es scheint. Dafür alles menschlicher als gedacht.
V ielleicht kann man sich Demenz vorstellen wie einen Kriminalfall lösen, nur rückwärts: Die Zusammenhänge gehen nach und nach verloren, bis nur noch Indizien übrig sind. So oder so ähnlich hat sich das womöglich Autor und Regisseur Alexander Adolph gedacht, als er den „Tatort“ für diese Woche geschrieben hat.
Durch Zufall stößt LKA-Ermittler Matthias Vogel (Andreas Lust) in einem Demenzdorf auf ein Indiz, welches eine uralte Mordserie wieder aufrollen könnte. Ein Serienkiller aus den 1980ern, der nie gefasst wurde: Lebt er etwa hier im Heim?
Das Problem: Kommissar Vogel hat selbst eine Demenz im frühen Stadium. Er verlegt wichtige Sachen, vergisst manchmal, wo er ist, und vor allem: sieht schon mal Verbindungen, wo keine sind. Und so glaubt ihm niemand seine heiße Spur.
„Tatort – Der König in Gelb“
Sonntag, 20.15 Uhr, ARD
Fast niemand. Die Ausnahme bildet Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler), die wegen einer ganz anderen Sache Kommissar Vogels Wege kreuzt und die sich von dem charismatischen Profiler mitreißen lässt, mitten rein in seine fixe Idee. Bald schon muss sich Lindholm fragen, ob sie sich in etwas verrennt. Aber im Demenzdorf finden sich dann doch mindestens genauso viele Ungereimtheiten wie in Vogels wilder Theorie.
Blaupause für künftige Rollen
Geworden ist daraus nicht etwa ein Themenfilm. Ich empfehle, keine realitätsgetreue Abbildung eines Demenzdorfs zu erwarten, ebenso wenig, sich Informationen im Umgang mit der Diagnose zu erhoffen. Die meisten Figuren sind surreal überzeichnet, so etwa wie in einem Hercule-Poirot-Fall oder bei „Mord ist ihr Hobby“. Die Demenz von Vogel bildet hier vielmehr das Gerüst für das Erkunden von Themen wie Obsession, Verlust, Männlichkeit, Lebenswerk, Fürsorge und Altwerden.
Der „Tatort – Der König in Gelb“ ist ein berührendes, verunsicherndes, spannendes, humorvolles, menschliches Krimistück zum Saisonauftakt.
Getragen wird es vor allem von Andreas Lust, der den demenzerkrankten Vogel zu einer facettenreichen Figur macht. Lust spielt die Gastrolle als jemand, der sich mit aller Kraft stemmt gegen das Zerschmelzen der Zusammenhänge in seinem Kopf. Er schafft einen liebenswerten bis tragikomischen Schrullen und kreiert hier vielleicht eine Blaupause für künftige Hauptrollen mit geistigen Einschränkungen im Alter.
Vor allem aber stellt dieser Film das Genre Krimi auf den Kopf und zeigt: Manchmal ist einen Kriminalfall lösen ein bisschen wie Demenz, nur rückwärts. Man reiht Indizien auf und hofft, dass man so früher oder später die Hoheit über die Zusammenhänge wiedererlangt.
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