AfD-Kandidat in Sachsen-Anhalt: Heute Wahlkampf, früher Kampftraining mit Neonazis
Ein Video zeigt den AfD-Kandidaten Sebastian Koch augenscheinlich beim Kampftraining mit Neonazis. Die Polizei ermittelt bereits zu einer verbotenen Gruppe.
Foto: Peter Gercke/dpa
Untergehakt, mit Strumpfmasken und Stöcken ausgerüstet üben rund 30 Personen in einem Steinbruch nahe Chemnitz offenbar, wie man bei Demonstrationen Polizeiketten durchbricht. Das zeigt ein Video, unterlegt mit einem Lied der Musikrichtung „National Socialist Hardcore“. Schubsen, Schläge, ein Mann ringt einen anderen zu Boden, auf seinem T-Shirt steht: „I love NS“.
Die Bilder sind etwa zehn Jahre alt und stammen von der mittlerweile aufgelösten Gruppe „Rechtes Plenum“. Auf der eigenen Website erklärten die Mitglieder, sie seien im „nationalistisch-sozialistischen Widerstand“. Warum sie heute wieder aktuell sind? Trotz Vermummung ist auf den Fotos mutmaßlich der AfD-Landtagskandidat Sebastian Koch erkennbar.
Der Politiker ist seit 2017 Vorsitzender der AfD im Altmarkkreis. Als solcher ist er in der Region bekannt. Der 39-Jährige sitzt im Kreistag sowie im Stadtrat Gardelegen. Bei der Kommunalwahl am 9. Juni 2024 bekam niemand im Kreis mehr Stimmen als er. Zur Landtagswahl in diesem Jahr ist er der einzige unter den ersten Zehn der AfD-Liste, der noch nicht im Parlament sitzt. Laut aktuellen Umfrageergebnissen würde er einziehen.
Dass nun seine früheren Aktivitäten mit Neonazis wieder auf den Tisch kommen, dafür sorgt das antifaschistische Bündnis „Jedes Jahr im Sommer“ aus Sachsen-Anhalt. Es veröffentlichte am Donnerstag eine Recherche zu einem bereits bekannten Video, die nahelegt, dass Koch auf den Bildern zu sehen ist. Auf eine Anfrage der taz dazu hat Sebastian Koch nicht reagiert.
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Teilnahme an offenbar völkischer Sonnenwendfeier
Koch war allerdings schon vergangene Woche bundesweit in den Nachrichten. Im Auftrag der Staatsanwaltschaft Halle (Saale) durchsuchte die Polizei Immobilien von 15 Personen. Sie sollen die 2023 verbotene rassistische und antisemitische Gruppe „Artgemeinschaft“ fortgeführt haben. Unter den Beschuldigten sind auch zwei AfD-Landtagskandidaten. Simon Lansmann – und Sebastian Koch.
Wie das Nachrichtenmagazin Spiegel berichtete, war Koch dieses Jahr Ende Juni in Ipse, einem Ortsteil der Hansestadt Gardelegen, auf einer offenbar völkischen Sonnenwendfeier. Die Polizei hat laut Bericht auf dem Weg zur Feier allerhand Gäst:innen festgestellt, die sie dem Dunstkreis der „Artgemeinschaft“ zurechne.
Sebastian Koch sei im Auto von den Beamt:innen aufgehalten worden und um Umkehr gebeten worden. Trotzdem sei er später zu Fuß zur Feier gelaufen. Von einer „organisierten oder völkischen Feier“ habe er nichts mitbekommen, schreibt er dem Spiegel. Auf eine Anfrage der taz dazu antwortete Koch, er antworte der taz grundsätzlich nicht.
Dabei wäre auch interessant gewesen, was er zu Fotos sagt, die der taz von ihm vorliegen. Sie sind vom selben Tag, an dem auch das Video von der Demoschulung nahe Chemnitz entstanden ist. Neben Koch steh ein Mann, auf dessen weißes Shirt die Aufschrift „Nazi“ prangt. Und auch Koch selbst trägt ein weißes T-Shirt, allerdings steht bei ihm: „Freie Nationalisten Altmark-West“.
Archivierte Versionen der Website zieren klassische Neonazi-Inhalte: eine schwarze Sonne, das Bild eines Wehrmachtssoldaten, dazu ein antisemitischer Aufruf: „Boycott Israeli Goods“.
AfD, Heldengedenken, Neonazi-Konzerte
Die „Freien Nationalisten Altmark-West“ tauchten zwischen 2005 und 2013 im Verfassungsschutzbericht des Landes Sachsen-Anhalt auf. Sie traten mit Bannern auf Demonstrationen oder mit Kranzniederlegungen bei Soldatendenkmälern des Zweiten Weltkriegs, sogenannten „Heldengedenken“, auf. Laut Verfassungsschutz handelte es sich um einen losen Zusammenschluss von etwas mehr als 100 Personen.
2023 tauchte Koch dann selbst erstmals im Verfassungsschutzbericht auf, zu der Zeit schon Vorsitzender des AfD-Kreisverbands im Altmarkkreis-Salzwedel und der Jungen Alternative (JA) in der Altmark. Er falle seit „2012 konstant in rechtsextremistischen Zusammenhängen auf und nahm an einer Vielzahl von Veranstaltungen wie ‚Heldengedenken‘, Kranzniederlegungen oder Konzerten der neonazistischen Szene teil“.
Waren der AfD seine rechten Umtriebe nicht bekannt? Doch. Die Lokalzeitung Volksstimme hatte bereits 2017 vor seiner Wahl zum Kreisvorsitzenden darüber berichtet, dass er seit 2008 in der Neonazi-Szene aktiv sei. Zum Bericht publizierte sie ein Foto von Koch, das ihn auf einer Demonstration der Neonazi-Partei „Die Rechte“ zeigte. Der damalige Landesvorsitzende der AfD, André Poggenburg, erklärte dazu: „Es ist in Ordnung, an Kundgebungen jeglicher Richtung teilzunehmen.“ Inzwischen ist Poggenburg selbst nicht mehr in der AfD, er war der Partei 2018 zu rassistisch geworden.
Koch ist aber noch da. Als er 2024 von der Volksstimme auf das T-Shirt der „Freien Nationalisten Altmark-West“ angesprochen wurde, bezweifelte er, dass es sich um echte Fotos handelt. Es seien Fotomontagen. Er kündigte eine Anzeige an. Allerdings: Auf einer archivierten Version der linksradikalen Onlineplattform Indymedia von 2016 ist eines der Fotos bereits zu sehen. Auch ein Beitrag von „Spiegel TV“ über das „Rechte Plenum“ aus der Zeit zeigt ein Foto, auf dem die Personen aus dem Video erkennbar sind.
Über seine Vergangenheit in der Neonazi-Szene sagt Koch vor zwei Jahren der Volksstimme, das sei „eine Phase“ gewesen. In der AfD habe er seine „politische Heimat“ gefunden.
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Sieht so Abstand aus?
Aber hat er sich von den neonazistischen Gedanken wirklich verabschiedet? In den vergangenen Jahren organisierte er das JA-Sommerfest in Roxförde, bei dem unter anderem Liedermacher aus der Neonazi-Szene und Kader der Identitären Bewegung auftraten. Laut Spiegel ließ sich Koch vergangenen Sommer vor dem Logo der rechtsextremen „Kameradschaft Kommando Werwolf“ fotografieren. Koch bestätigte das dem Nachrichtenmagazin, erklärte dazu aber, eine „förmliche Mitgliedschaft“ habe nie bestanden. Er lehne „Extremismus und Rassismus ab“.
In Onlinepostings fabuliert Koch jedoch öffentlich über einen „Rassekrieg gegen unsere Kinder, unsere Jugend“ sowie über einen „kulturellen Erbstrang“ von Migranten, der sie „schwerst frauenfeindlich“ handeln ließe. Erst Anfang dieses Jahres postete er bei Instagram ein Foto von sich mit Gedenkkranz. Und dazu: „Treue um Treue“. Ein Leitspruch der Wehrmacht.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
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