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Ausstieg aus den Zeugen Jehovas: Neu in der Welt
Karl Deuber klingelte als Kind an Haustüren und erzählte von den Zeugen Jehovas. Später hat er eine Leitungsrolle. Wie es ihm nach Jahrzehnten gelang, auszusteigen.
E in Jahr nach seinem Austritt hat Karl Deuber das Gefühl, da noch mal hinzumüssen, zur Zusammenkunft im Königreichssaal. Um abschließen zu können. Vor Ort bemerkt er, wie die andere Gemeindemitglieder sich freuen, ihn wiederzusehen – mit ihm sprechen dürfen sie nicht. Er nimmt am Gottesdienst teil, spürt zu Jehova aber keine Nähe mehr, im Gegenteil: „Es war“, sagt er, „wie in einem Zombiefilm, dieses aufgesetzte Lächeln, das gemeinsame Aufstehen und Beten, wie ferngesteuert.“
Über 40 Jahre lang war Karl Deuber bei den Zeugen Jehovas, die Hälfte davon als Ältester in verantwortlicher Position. Älteste sind die ehrenamtlichen Anführer einer Gemeinde. Unter anderem sind sie dafür zuständig, bei Regelverstößen sogenannte Rechtskomitees zu leiten und gegebenenfalls Strafen auszusprechen.
Karl Deuber ist ein hochgewachsener Mann mit auffällig blauen Augen. Eigentlich heißt er anders. Weil seine Tochter heute noch Mitglied der Gemeinde ist, möchte er nicht mit seinem echten Namen in der Zeitung stehen.
Trotzdem will er seine Geschichte erzählen, um andere zu warnen vor einer Gemeinschaft, die beim ersten Kontakt so harmlos wirkt, aber tiefe Strukturen der Abhängigkeit verbirgt. Die taz trifft Deuber zweimal persönlich. Beim ersten Mal schließt das Café, das als Treffpunkt auserkoren wurde, bereits, aber das Gespräch ist noch lange nicht zu Ende. Deuber hat alles akribisch dokumentiert und aufbewahrt, legt Briefwechsel mit der Organisation vor. Der Kontakt kam über die Aussteigerorganisation JZ Help e. V. zustande.
Was führte also dazu, dass ausgerechnet er, der sich jahrelang in höchsten Gremien der Gemeinde engagiert, sein komplettes soziales Umfeld hinter sich lässt und mit Anfang fünfzig noch mal neu anfängt? Und: Wie konnte dieser Neuanfang gelingen?
Die Geschichte beginnt in einer fränkischen Kleinstadt in den siebziger Jahren. Seine Eltern beschreibt Deuber als einfache, fleißige Leute ohne Schulabschluss, sein Vater ist Schlossermeister. An Weihnachten besucht man den evangelischen Gottesdienst. 1972 stellt der Vater einen jungen Mann als Gesellen ein. Beide Familien freunden sich über die Jahre an, und irgendwann versucht der Geselle, seinen Meister „in die Wahrheit zu holen“.
In einem gemeinsamen Urlaub diskutieren die Ehepaare so viele religiöse Fragen, dass der Mann anbietet, ein gemeinsames Bibelstudium zu veranstalten. Deubers Eltern sind skeptisch, doch die Freundschaft, das Vertrauen, ist stärker. Ein entscheidender Punkt für seine Eltern sei die Blutdoktrin gewesen: Der Freund hatte sich in der Bibliothek eine Kopie der Handschriften Luthers aushändigen lassen, in denen der Reformator argumentiert, dass es Christen gemäß Bibel verboten sei, fremdes Blut zu sich zu nehmen. Eine Ablehnung der Bluttransfusion also, so wie sie von den Zeugen Jehovas gelebt wird – von den Lutherischen aber nicht. „Für meine Eltern war das der schlagende Beweis: Die Zeugen sind die Einzigen, die sich trauen, das zu lehren, was in der Bibel steht.“
Die Familien treffen sich von nun an wöchentlich zum gemeinsamen Bibelkurs. Karl Deuber ist neun, sein Bruder und seine Schwester wenig älter. Der Freund der Familie führt sie, nach Anleitung aus dem Lehrbuch der Zeugen Jehovas, durch die Bibel: Eine Mischung aus schöner Hoffnung aufs Paradies und nützlichen Ratschlägen fürs Leben in der Welt sei das gewesen. Die Studien bewirken, dass in den Deubers die Überzeugung wächst: Das ist die Wahrheit – und wir dürfen Teil davon sein. Schon mit elf steht er als „ungetaufter Verkünder“ erstmals vor Haustüren fremder Menschen, um sie von seinem Glauben zu überzeugen. Absolut freiwillig, wie er betont.
Predigtdienst nennen die Zeugen Jehovas diese Missionierungsarbeit. Bis man die ersten beiden Klingeln hinter sich habe, sagt Karl Deuber, sei es eine Überwindung. Manchmal hofft er, dass keiner da ist. „Aber eigentlich habe ich den Predigtdienst als Jugendlicher geliebt. Ich war überzeugt, es ist das einzig Richtige: zu versuchen, die Menschen in der Welt noch zu gewinnen. Damit sie am Gerichtstag Gottes nicht sterben müssen.“
Angekommen in der Zeit der Auslese
Wenn die Menschen in der Welt ihnen mit Ablehnung begegnen, bestätigt ihn das nur: Wir sind in der Zeit der Auslese angekommen. Deuber lernt Woche für Woche, welche Bibelstellen gegen Dogmen der Amtskirchen sprechen, an die die Zeugen nicht glauben: die Unsterblichkeit der Seele beispielsweise oder die Dreieinigkeit Gottes. Das Verbot, Blut zu spenden oder zu empfangen, leuchtet ihm ein, auch, warum Geburtstage und Weihnachten heidnisch sind. Und, wo genau welche Katastrophe der Menschheitsgeschichte in der Schrift vorhergesagt wurde. Es habe sie alle regelrecht „geflasht“, durch dieses Studium in die Lage versetzt zu werden, entdecken zu können, was den Gelehrten der großen Religion offenbar verborgen bleibt. Die Zeugen nutzen die sogenannte Neue-Welt-Übersetzung der Bibel, die Experten zwar als tendenziös gilt, da sie die Ansichten der Zeugen stützt, aber auch als sehr genau.
Karl Deuber konfrontiert den Religionslehrer und den Pfarrer des Ortes: „Die kannten sich, für unser Verständnis, in der Bibel gar nicht aus.“ 1981 tritt die Familie aus der evangelischen Kirche aus. Auch der elfjährige Karl ist überzeugt. Nur eine Sache verursacht ihm leisen Zweifel: der wortwörtlich zu verstehende Sinnflutbericht in der Bibel. „Ich habe nie geglaubt, dass die Beuteltiere Australiens und die Faultiere Südamerikas es bis zur Arche geschafft haben und wieder zurück.“ Aber er habe vertraut, irgendwann eine Antwort darauf zu bekommen.
In der Kleinstadt macht so eine Geschichte schnell die Runde: Der Schlosser Deuber ist jetzt bei den Zeugen. Als der Pfarrer und der Sektenbeauftragte mit Infomaterial vor der Tür stehen, um die Deubers zurückzugewinnen, ist die Familie schon viel zu gefestigt.
„Dieses System einer bergenden Gemeinschaft bietet Menschen Schutz, die auf der Suche nach Sicherheit sind. Diese Sicherheit wird durch Abschottung erkauft“, sagt Matthias Pöhlmann, Landeskirchlicher Beauftragter für Sekten und Weltanschauungsfragen der evangelischen Kirche in Bayern. Ob die Glaubensgemeinschaft als Sekte bezeichnet werden muss, wurde immer wieder diskutiert. Die Isolation ihrer Mitglieder von der Welt, die starken internen Hierarchien, der absolute Wahrheitsanspruch und der Umgang mit Aussteiger:innen sprechen dafür. Alles Dinge, die Karl Deuber in den darauffolgenden Jahrzehnten erleben würde, teils in ausführender Rolle.
Im Zentrum der Lehre steht das ständig nahende Armageddon (früher Harmagedon), die Entscheidungsschlacht, in der nur die Mitglieder von Gott gerettet und alle anderen Menschen vernichtet werden. Feuerbälle fallen vom Himmel, die Vögel fressen das Fleisch der Gefallenen. „Ob tausend fallen zu deiner Seite und zehntausend zu deiner Linken, dich wird es doch nicht treffen (Psalm 91,7).“ Deuber fürchtet sich nicht davor, er ist in freudiger Erwartung. Nach dem Armageddon würden die Menschen mit den Tieren friedlich zusammenleben, so heißt es doch: „Der Löwe wird Stroh fressen“ (Jesaja 65,25). Erwachsene Menschen freuen sich darauf, mit Löwen und Pandas zu spielen, sagt Deuber. Rückblickend findet er das unglaublich.
Vor Deubers Zeit in der Gemeinschaft hatten die Zeugen sich schon einmal festgelegt: 1975 würde die Welt zu Ende gehen. Manche hatten sich ein Haus gekauft, weil sie davon ausgingen, die Schulden nie zurückzahlen zu müssen. Nachdem das Jahr 1975 ohne Apokalypse vorübergegangen war, erlebten die Zeugen Jehovas eine Austrittswelle von geschätzt einer Million Verkünder:innen. Rund zwei Millionen gab es Ende der 70er – heute sind es laut Angaben der Organisation etwa neun Millionen, wenn man nur diejenigen zählt, die regelmäßig missionieren. In Deutschland sind es stagnierend rund 180.000, während die Gemeinschaft laut eigenen Angaben in einigen afrikanischen Staaten wie Mosambik und Kongo zweistellige Zuwachsraten hat.
An der Grundannahme ändert die fehlgeschlagene Prophezeiung nichts: Es lohnt nicht, eine erfolgreiche Karriere auf Erden anzustreben. Lieber soll man sich in Gemeinde und Predigtdienst engagieren. Der Einserschüler Karl geht nicht aufs Gymnasium, sondern auf die Hauptschule. Weiterführende Schulen, so lernt er, sind ohnehin Brutstätten für Drogenkonsum und sexuelle Ausschweifungen. Besser, als eine Karriere anzustreben, sei es, sich ins Werk einzubringen. Mit fünfzehn lässt er sich taufen, er beginnt eine Lehre als Elektroniker, arbeitet später in Teilzeit, um 90 Stunden pro Monat dem Missionieren widmen zu können. Mit Anfang zwanzig steigt er in der Gemeinde vom Pionier zum Dienstamtgehilfen auf, eine Rolle zur Entlastung der Ältesten. Die Dienstamtgehilfen kümmern sich um organisatorische Aufgaben im Hintergrund wie die Technik im Königreichssaal oder die Bestückung der Büchertische.
Er will eine Zeugin zur Frau nehmen und eine Familie gründen. Der Königreichssaal, in dem auch die „Zusammenkünfte“ genannten Gottesdienste stattfinden, ist der Heiratsmarkt. Die Säle, in Deutschland gibt es rund 850, sind zweckmäßig gebaut und von außen kaum als „heilige“ Orte identifizierbar. Auch innen ähneln sie eher den Konferenzräumen in Hotels als prunkvollen Kirchen. Die Zusammenkünfte finden in der Regel zweimal pro Woche statt. Feste Bestandteile sind ein Bibelvortrag und das gemeinsame, interaktive Besprechen eines Artikels aus der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Wachturm.
Mit einundzwanzig heiratet Karl Silvia, die er immer wieder als Gegenbeispiel seines eigenen Erlebens heranzieht: in die Gemeinschaft geboren, in der Jugend darunter gelitten, nicht Geburtstag oder Weihnachten feiern und keine Freunde „in der Welt“ haben zu dürfen, in panischer Angst vor dem Armageddon, den Predigtdienst gehasst. Aber sie glaubt. Er nimmt sich vor, ihr den Dienst freudig zu machen.
Einer der ihren
Ungefähr zu der Zeit, als Deuber zum ersten Mal Vater wird, kommen die Ältesten der Gemeinde auf ihn zu: Sie wollen ihn zu einem der ihren machen. Die Ältesten leiten die Versammlungen, organisieren das Bibelstudium und den Predigtdienst und führen die gefürchteten Rechtskomitees durch. Vor diesem Gremium aus mindestens drei Ältesten müssen sich Mitglieder verantworten, die einer Sünde verdächtigt werden. Der oder die Sünder:in wird zu einem Gespräch im Königreichssaal geladen und eingehend befragt. Das Gremium kann den Ausschluss aus der Gemeinde beschließen. Als Deuber mitgeteilt wird, dass er dem Kreisaufseher, der nächsthöheren Rolle in der internen Hierarchie, als neuer Ältester vorgeschlagen wird, fühlt er sich nicht bereit. Zu jung, zu unerfahren. Und er trägt ein Geheimnis in sich, das in seinem Weltbild Sünde bedeutet.
„Ich habe mit zwölf zum ersten Mal masturbiert. Ich wusste nicht, was das ist, wie das heißt, nur, dass es sich toll anfühlt.“ Weil er es nicht wagt, sich einem Erwachsenen anzuvertrauen, recherchiert der Junge in der Literatur der Zeugen Jehovas. Im Wachturm-Verlag ist 1976 das Buch „Mache deine Jugend zu einem Erfolg“ erschienen. Darin liest er, die sexuelle Befriedigung außerhalb der Ehe schwäche das gute Gewissen und die Liebe zu dem, was recht ist. Aus der Bibel lernt er, wer eine Frau nur mit lüsternen Augen anschaue, habe schon Ehebruch begangen (Matthäus 5,28). „Ich dachte mit zwölf, dreizehn, ich habe Ehebruch begangen, Hurerei. Darauf steht im Armageddon der Tod. Und ich kann ausgeschlossen werden.“
Für Karl Deuber beginnt ein jahrelanger Kampf mit dem schlechten Gewissen und der Angst vor Tod und Verdammnis. „Es ist eigentlich das Schönste, die eigene Sexualität zu entdecken“, sagt er heute. „Und ich habe mich so schlecht gefühlt dabei.“ Mehrmals wird er sich in den darauffolgenden Jahren Menschen anvertrauen, seinem Vater, einem der Ältesten. Sie beruhigen ihn: Kein Grund für ein Rechtskomitee; er soll beten und weiter an sich arbeiten.
Trotz seines schlechten Gewissens vor Gott und mit einer riesigen Ehrfurcht tritt Deuber Mitte der 90er mit Mitte zwanzig das Amt des Ältesten an. Er gehört nun zum innersten Kreis und darf das geheime Buch, das den Ältesten vorbehalten ist, an sich nehmen, aber niemandem zeigen, nicht einmal seiner Frau. Im Grunde, sagt er, sei es ein Hunderte Seiten starkes Regelwerk, das vorschreibt, wie mit denen zu verfahren ist, die geraucht haben, zu viel Alkohol trinken, homosexuell sind oder masturbieren. Wie man erkennt, ob jemand im Rechtskomitee wirklich bereut oder nur so tut. Mit welchen Fragen man sein Opfer bearbeiten muss. „Ich habe mir das sehr zu Herzen genommen.“
Es ist diese Aufgabe des Ältesten, von der er heute sagt, sie habe ihn psychisch belastet. Davon abgesehen habe er es geliebt, Ältester zu sein. Die Gruppe aus neun bis elf Männern legt die Struktur und Inhalte der Zusammenkünfte fest. Auch die Hirtenbesuche gehören zu seinem Job. Eigentlich sind die Ältesten angehalten, jedes Gemeindemitglied ein Mal im Jahr zu besuchen. Tatsächlich, so Deuber, habe das niemand so umsetzen können. Die Ältesten kündigen sich an, wenn es Redebedarf gibt. Besucht werden in der Regel jene, die sich nicht konform verhalten haben. Das habe zum Beispiel für Menschen gegolten, die weniger als zehn Stunden pro Monat im Predigtdienst verbrachten, früher auch für Frauen, die Hosen trugen. „Wir waren angehalten, diese Gespräche ermunternd zu gestalten und immer mit einem Lob einzusteigen.“
An circa zehn Rechtskomitees habe er in zwanzig Jahren als Ältester mitgewirkt, teils als Vorsitzender. Die peniblen Dienstanweisungen aus dem Buch der Ältesten helfen ihm, sich auf diese Aufgabe vorzubereiten. Niemals solle man, so heißt es, aus Erfahrung schöpfen, sondern sich vielmehr sklavisch an den ewig gleichen Fragenkatalog halten. Das Komitee besteht immer aus mindestens drei Ältesten. Es tritt zusammen, wenn ein Bruder oder eine Schwester einer schweren Sünde verdächtigt wird: Ehebruch, Drogenkonsum, politisches Engagement. Das Mitglied wird in der Folge im Königreichssaal penibel verhört, nicht nur um herauszufinden, ob es tatsächlich gesündigt hat, sondern auch, ob es glaubwürdig bereut. Nur so hat es die Chance, freigesprochen zu werden. Die Anhörungen dauern in der Regel mehrere Stunden. Deuber beschreibt die Sitzungen als mechanisches Wiederholen der immer gleichen Fragen: Wie oft hast du geraucht? Mit wem warst du zusammen? Ist das wirklich alles, oder musst du uns noch mehr sagen?
Es gibt einzelne Komitees, die Deuber besonders in Erinnerung geblieben sind. Einmal sei es um eine ältere Schwester gegangen. Deuber als junger Ältester bekam den Auftrag, dieser Frau nachzustellen, um herauszufinden, ob die Vorwürfe wahr sind: Wann geht sie aus dem Haus, in welche Kneipe, wann kommt sie wieder raus? Eine Alkoholikerin in den eigenen Reihen. „Wir haben sie auf der Straße angesprochen: Mach deine Tasche auf!“ Deuber hat Tränen in den Augen: „Ich schäme mich bis heute.“
Die Frau, sagt er, sei in der Nachkriegszeit traumatisiert worden, habe keine Familie gehabt, nur die Gemeinde. Jeder habe es gewusst, und niemand habe ihr geholfen. Als die Frau betrunken im Gottesdienst erschienen sei, habe man den Ruf der Gemeinde schützen wollen. Sie sei ausgeschlossen, sich selbst überlassen worden und Jahre später an der Sucht verstorben. „Menschen, die in den Augen der Organisation Schwäche zeigen, werden ausgespuckt.“ Dafür gebe es sogar eine Bibelstelle: „Richtet ihr die, die drinnen sind, Gott richtet die, die draußen sind“ (1. Korinther 5,12–13). „Damit habe ich mir schöngeredet, wie wir uns an dieser armen Frau versündigt haben.“
Doch Karl Deuber legt Wert darauf, ein differenziertes Bild zu zeichnen. Er will nicht dem Klischee entsprechen, das die Organisation von Abtrünnigen verbreitet. Er sagt, seine ehemaligen Brüder und Schwestern handelten nicht in böser Absicht, sondern aus ehrlicher Überzeugung. Aus Liebe, wenn man so wolle. Die längste Zeit fühlt er sich in dieser Gruppe geborgen. 2018 wird Deuber von dieser Gemeinschaft erstmals so enttäuscht, dass er heute sagt: „Und hier begann mein Abschied.“
Eine Gürtelrose verursacht ihm Schmerzen, wie er sie noch nie gekannt hat. Drei Tage und Nächte ist er ohne Schlaf. „Mich vor den Zug zu schmeißen“, denkt er verzweifelt, „ist angenehmer, als das auszuhalten.“ Sechs Wochen lang bleibt er der Gemeinde fern, kann seine Aufgaben nicht erledigen. Und niemand habe sich nach ihm erkundigt. Wirkt hier, fragt er sich, wirklich der Geist Gottes? Seine Zweifel an der Gemeinde verleiten ihn dazu, auch die Lehren zu überprüfen. Er liest Bücher wie die Biografie von Hape Kerkeling, einem, nach Lehrmeinung, in Sünde lebenden Mann, und schaut weltliche Dokumentationen, insbesondere über archäologische Forschungen. Die Welt der Zeugen Jehovas sei etwa 6.000 Jahre alt, das passt nicht zu Felszeichnungen, die vor bis zu 50.000 Jahren von Menschen in Indonesien hinterlassen wurden.
,,Endlich Zeit zu denken"
Sein Zweifel betrifft nicht einen einzelnen Aspekt, sondern gleich einen ganzen Strauß: Warum müssen wir uns von Ausgeschlossenen abwenden? Warum ist Blutspenden verboten, obwohl es Leben retten kann? Warum werden Homosexuelle verurteilt? „Ich konnte das nicht. Ich glaube, jeder Mensch hat ein emotionales Gewissen, das uns sagt, was richtig und falsch ist. Mein emotionales Gewissen war in Konflikt mit der Lehre.“ Deuber beschreibt eine kognitive Dissonanz, einen inneren Widerspruch zwischen Dogma und persönlichen moralischen Werten. Einen sogenannten Identitäts- und Autonomiekonflikt, sagt Michael Utsch, Psychotherapeut und Referent der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. Er definiert drei solcher zwischenmenschlicher Konflikte, die massive seelische Belastungen verursachen können. Zeugen Jehovas müssten unabhängige Gedanken unterdrücken, litten unter chronischer Angst vor dem Weltende und sozialer Ächtung und lebten in ständigem Misstrauen gegen die Außenwelt. Eine repräsentative Studie der Uni Zürich mit ehemaligen Mitgliedern stützt den Zusammenhang zwischen Sektenmitgliedschaft und psychischer Belastung.
Für Deuber führt die kognitive Dissonanz zunächst nur zu einer Konsequenz hinsichtlich seiner Rolle. Er will die Ablehnung der Blutspende, der Homosexualität, der Abtrünnigen nicht mehr von der Bühne predigen. Und tritt von seinem Amt als Ältester zurück. Als Grund nennt er vor seinen Kollegen sein schlechtes Gewissen Gott gegenüber, die Selbstbefriedigung. Er will lieber auf sich selbst deuten als auf die Organisation.
„Ich hatte endlich Zeit zu denken. Und meine Gedanken haben mich in eine tiefe Glaubenskrise gestürzt.“ Als Ältester war Deuber ständig im Einsatz: Vorträge halten, Hirtenbesuche, Bibelstudium und das ständige Anpassen der internen Richtlinien, wenn die leitende Körperschaft in New York, die höchste Ebene der Zeugenhierarchie, mal wieder die Regeln ändert. Heute zum Beispiel dürfte er sogar als Ältester seinen gepflegten, grauen Bart tragen. Die leitende Körperschaft hat das „Bartverbot“ allerdings erst 2023 aufgehoben. All diese Aufgaben erledigt er parallel zu seiner Vollzeitarbeit als Elektronikdesigner. Im Umgang mit Kolleg:innen habe er, sagt Deuber, immer gern „Zeugnis gegeben“, also für seinen Glauben geworben. Er ist aufgeschlossen und kommunikativ – bleibt letztlich aber auf Distanz zu den Menschen aus der Welt. „Ich war zu stark in der Gemeinde eingebunden, sodass ich gar kein Interesse an weiteren Kontakten hatte, schon gar nicht mit Menschen von draußen.“ Der Mann, der sein Leben diesem Konstrukt und dieser Gemeinschaft gewidmet hat, muss die Idee zulassen, in einer toxischen Lüge gelebt zu haben. Er verliert den Boden unter den Füßen, wird antriebslos, vernachlässigt die Arbeit, wird depressiv.
Was empfiehlt die Literatur der Zeugen Jehovas denjenigen, die ihren Glauben zu verlieren drohen? Kehre zu den Wurzeln zurück, dorthin, wo die Begeisterung entfacht wurde. Deuber hat Angst, er liest in der Bibel, und er liest wieder in den Büchern, die ihn in seiner Jugend so restlos überzeugt hatten. Mit dem Abstand von 40 Jahren findet er die Argumente nicht mehr überzeugend. Er recherchiert die Zitate weltlicher Wissenschaftler nach, mit denen die Texte Seriosität suggerieren, und findet heraus, dass sie eigentlich das Gegenteil aussagen. Er liest und liest und entfernt sich dabei immer weiter von diesem Gott, den er gar nicht mehr lieb findet, sondern grausam und blutrünstig.
Silvia sei schon früher „aufgewacht“, etwa ein Jahr vor ihm. Erst verbirgt sie ihre Recherchen. Als sie merkt, was ihren Mann umtreibt, lenkt sie seine Aufmerksamkeit auf eine Untersuchungskommission, die vor einigen Jahren 1.000 Fälle von Kindesmissbrauch bei den Zeugen Jehovas Australiens aufdeckte. Die Anhörungen in der Sache gibt es bei Youtube. Er sieht sie sich alle an, liest die Transkripte. Es geht darin um interne Strukturen, die halfen, die Missbrauchsfälle geheim zu halten, aber auch um grundsätzliche Themen der Zeugen Jehovas wie den Umgang mit Ausgeschlossenen. Im Italienurlaub 2022 liest Deuber zwei Wochen lang nichts anderes als diese Mitschriften. „Sie haben gelogen und die Richter eingelullt. Ich habe mich in Grund und Boden geschämt.“
Nach der Rückkehr aus dem Urlaub wird Deuber zu einem passiven Bruder. Aber er sitzt noch in den Versammlungen – und liest in drei, vier Übersetzungen der Bibel gleichzeitig mit, um zu sehen, wo die Zeugenlehre vom Urtext abweicht. Gibt es noch Hoffnung für Gott in seinem Leben?
Er liest Dokumente des Bundesverfassungsgerichts, in denen der deutsche Vorstand, wie Deuber findet, beschönigend über den Umgang mit Ehemaligen spricht. „Sie behaupten darin, die Zeugen würden keine Familien auseinanderreißen. 30 Jahre lang habe ich meine eigene Schwester gemieden und bin dafür beschuldigt worden, sie bei der Beerdigung ihres Schwiegervaters in den Arm genommen zu haben.“ Als seine Schwester damals ausstieg, sei das vor allem für seine Mutter ein herber Schlag gewesen. Erst nach seinem eigenen Ausstieg erfuhr Deuber, dass die beiden Frauen sich immer wieder heimlich getroffen hatten. Er selbst habe sich emotional abgekoppelt, aus Selbstschutz: Jehova werde am Ende gerecht urteilen, auch über seine abtrünnige Schwester.
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Es gibt noch ein Hindernis, das Deuber im Herbst 2022 am sofortigen Austritt hindert: Er hat eine erwachsene Tochter in der Gemeinde. Erst als sie ihm verspricht, sein Austritt würde an ihrer Beziehung nichts ändern, schreibt er seinen Austrittsbrief. Am 22. Januar 2023 besucht er noch einmal die Versammlung und übergibt den Brief im Anschluss persönlich. „Ich saß danach im Auto und dachte, es hebt mich aus dem Sitz, so groß war die Erleichterung.“ Er führt ein langes Gespräch mit seinem Bruder, der drinbleibt, er schreibt einen Entschuldigungsbrief an seine Schwester. Drei tränenreiche Abende werden die beiden brauchen, um sich auszusprechen.
Silvia, die sich schon viel früher distanziert hatte, bleibt. Weil sie den minderjährigen Sohn, der für sich selbst entscheiden soll, nicht alleinlassen will. Die Ältesten wollen ihn hinter ihrem Rücken schon für ein Bibelstudium gewinnen. Ein gutes halbes Jahr später werden auch die beiden die Zeugen Jehovas verlassen.
Schon während seiner Erkrankung, während der depressiven Phasen hätten sie festgestellt, dass es bei den Zeugen Jehovas keine bedingungslosen Freundschaften gebe, erzählt er. Alles sei geknüpft an den gemeinsamen Glauben. Deshalb hätten sie sich schon vor dem Austritt an die Einsamkeit gewöhnt. „Und trotzdem tut es wahnsinnig weh, zu sehen, wie deine ehemals besten Freunde dir in der Stadt den Rücken zudrehen, wenn sie dich sehen.“ Es gibt Einzelne, mit denen könne Deuber heute ein paar Worte wechseln, mit seinem Bruder spricht er beim Gassigehen über den Gartenzaun. Das neue Sozialleben in der Welt muss erst noch behutsam aufgebaut werden. Die Tochter könne er regelmäßig sehen, weil sie keine Funktion in der Gemeinde hat. Er vermutet, dass sie drinbleibe, um ihre Freundschaften nicht zu riskieren, scheut sich aber davor, dieses Gespräch zu führen.
All das macht den Austritt aus der Sekte zu einer enormen psychischen Belastung. Deuber, mittlerweile vernetzt in der Organisation JZ Help e. V., kenne niemanden, der das ohne professionelle Hilfe geschafft habe. Er selbst tritt in Absprache mit seinem Hausarzt eine fünfwöchige psychosomatische Reha wegen Depressionen an, teilweise habe er sich gefühlt wie im freien Fall.
Die Psychologin vor Ort hilft ihm, seine Wut in konstruktive Bahnen zu lenken und das alte Weltbild Stück für Stück zu dekonstruieren. Aus einem Menschen, der geglaubt hat, Gott und der Teufel hielten alle Fäden in der Hand, soll ein mündiger Bürger werden. Deuber sagt aber auch, er selbst sei stabil genug gewesen, um danach alleine zurechtzukommen. Viele andere brauchen längere psychotherapeutische Behandlung oder Begleitung in den diversen Beratungsstellen.
Gott war in diesem Weltbild der Halt gebende Mittelpunkt für Karl Deuber. Ihn will er noch nicht ganz aufgeben, auch wenn er ihm so fremd geworden ist.
An einem Tag während der Reha ist er vier Stunden lang allein in der Natur. Unter Tränen wendet er sich an Gott und Jesus: Gebt mir ein Zeichen, irgendwas! Früher hatte er im Gebet das Gefühl, wirklich mit einem Freund zu sprechen, jetzt ist da nichts mehr, eine tote Leitung. „Ich war Gott wirklich ergeben“, sagt Karl Deuber. „Die Beziehung hat mir gutgetan, aber sie war eingebildet. Ich glaube an kein höheres Wesen mehr.“ Zwar habe er sich nach dem Austritt manchmal wie ein Alien in der Welt gefühlt, aber der Wegfall der Sorge, seiner Organisation nicht zu genügen, habe ihn erleichtert. „Ich finde das gerade einfach spannend, dieses Erwachsenwerden mit Mitte fünfzig.“
Die Welt da draußen, sagt Klaus Deuber, wird den Zeugen Jehovas immer in düsteren Farben gemalt: sexbesessen, drogenverseucht, verlogen. Den Menschen der Welt könne man nicht trauen, sie seien ja alle vom Satan beeinflusst. Nach drei Jahren in der Welt sagt er: „Meine Frau und ich erleben so häufig, wie lieb die Menschen sind. Und sie sind es bedingungslos, sie helfen einander, ohne auf die Religion oder sexuelle Orientierung des anderen zu schauen.“ Er schmunzelt. „Wenn wir das im Alltag erleben, schauen wir uns an und sagen: Böse, böse Welt.“
Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
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