Vor der Wahl in Sachsen-Anhalt: Bier als kleinster gemeinsamer Nenner
Davon reden, dass die Gesellschaft nicht geteilt sei, bringt nichts. Man muss es spüren, findet unser Autor – und organisiert mit seinem Vater ein Fest im Harz.
Mit 19 Jahren hatte ich wenige Pläne für die Zukunft außer dem, von Sachsen-Anhalt fortzuwollen. Ich bin in Blankenburg im Harz aufgewachsen, meine Eltern leben inzwischen in ihrer Heimatstadt Wernigerode. Vor zehn Jahren zog ich nach Berlin und dachte, ich käme nie wieder. Seit diesem Jahr bin ich aber Stadtschreiber in Halle und merke, wie schnell sich Gewissheiten ändern können, denn jetzt bin ich hier sogar gemeldet.
Nie hätte ich gedacht, dass mir diese Stadt so gut gefällt, in der Designstudierende und Ultras des Halleschen Fußballclubs leben und veganes Korean Fried Chicken neben Jägerschnitzel mit Nudeln am Imbissstand koexistiert. Ich habe hier Freunde gefunden und führe ständig Interviews mit Menschen aus der Stadt.
Wenn es um Sachsen-Anhalt vor der Landtagswahl geht, laufen meine Gedanken allerdings immer wie automatisch zuerst nach Wernigerode – in das Arbeitszimmer meines Vaters. Heute sind wir zum Facetimen verabredet, denn wir planen eine Veranstaltung in Wernigerode, die in wenigen Tagen stattfinden soll.
„Ich kann es nicht mehr hören“
Mein Vater sitzt an seinem Schreibtisch, und seine brillenglasvergrößerten Augen suchen die Frontkamera. Ich denke an das Blechschild mit dem Bild von Helmut Schmidt, das ich ihm geschenkt habe und das ihn jetzt von der Wand seines Schreibtischs aus anschaut. Darauf steht: „Wer Visionen hat, der soll zum Arzt gehen.“ Vielleicht hätte ich ihm etwas Erbaulicheres schenken sollen, denke ich, als er mir von einer Situation erzählt, die er neulich beim Fußball erlebt hat. Ein Teamkollege hatte ihm seinen Wunsch nach einem radikalen politischen Wandel erklären wollen, weil „alles den Bach runtergeht“. Danach gefragt, ob dessen gut laufende Firma denn plötzlich Probleme bekommen hätte, habe er aufgebracht geantwortet: „Noch nicht.“
Mein Vater reibt sich erschöpft die Augen. „Ich kann mich irgendwie nicht mehr diskutieren hören“, sagt er. Seit Monaten häufen sich die Geschichten, in denen Menschen meinem Vater gegenüber ein ganz anderes Bild von ihrer Heimat präsentieren als das, das er wahrnimmt
Mein Vater ist seit fünf Jahren im Stadtrat von Wernigerode und als Fraktionsvorsitzender der SPD tätig. Er besucht so gut wie jede Sitzung, aber auch unterwegs lassen ihn die Spannungen in der Stadt nicht los. Als ich letztes Jahr in den USA gelebt habe, hat mich mein Vater besucht, und wir waren zusammen bei einem Vortrag einer indigenen nonbinären Person. Ich war genervt davon, dass er die ganze Zeit auf sein Handy schaute, bis ich sah, dass er dort das Wort „queer“ googelte.
„Eigentlich geht es denen nur darum, in Frieden zu leben“, sagt er später. Diese Erkenntnis wolle er in den Stadtrat von Wernigerode einbringen, da sich dort Leute gegen einen städtischen CSD aussprechen. „Du könntest Ally sein“, schlage ich vor. Er seufzt und sieht mich entschuldigend an. „Aron, ich unterstütze das gern, aber ich kann doch nicht in noch mehr Vereinen mitwirken!“
Mein Vater ist Präsident des größten Sportvereins der Stadt, aber auch im Förderverein der Kinderklinik und im Kunst- und Kulturverein. Hauptberuflich führt er hier als Rechtsanwalt eine Kanzlei. Obwohl er zum Studium wegzog, blieb Wernigerode sein ganzes Leben lang Bezugs- und Fluchtpunkt. „Ich habe eigentlich die ganze Zeit Verbundenheit gespürt“, sagt er. Während seiner Besuche in den 1990ern prügeln sich Linke und Neonazis durch die Stadt, während viele ihrer Eltern Arbeit suchen. Doch die Stimmung ist eine andere. „Selbst zu dieser Zeit hat das nicht gleich zu so einem Zweifel an der politischen Klasse geführt“, sagt er.
Die Veranstaltung, die wir planen, soll diesem Missmut auf den Grund gehen – und Wernigerode aus dem Sumpf der schlechten Laune befreien. Hier sollen sich alle Bürger:innen treffen, sich als Nachbar:innen erkennen und merken, wie wenig gespalten die Gesellschaft im Kern eigentlich ist.
Der Planungsstart lief ziemlich holprig. Während wir vor einigen Wochen tagelang darüber debattierten, wie man einerseits eine breite Masse erreichen, aber auch „die Scheiß- AfD verhindern“ könnte – wie man queere Aktivist:innen einladen müsste, „um ein Zeichen zu setzen“, aber auch diejenigen zur Veranstaltung bekommen würde, die sonst nie kommen, bekamen wir keine Einigung hin. Dafür aber eine Absage vom Verein, mit dem wir das Fest austragen wollten. Dieser wolle politisch neutral bleiben, so die Begründung. „Ich kann diesen ganzen Mist nicht mehr hören“, sagte mein Vater daraufhin resigniert am Telefon.
Menschen zusammenbringen, die sonst wenig miteinander reden
Ein paar Tage später sitze ich nach dem Anschlag auf den Berliner CSD auf der Trauerkundgebung am Brandenburger Tor und höre der Aktivistin Luna Möbius zu, die auch über ihr Heimatland Sachsen-Anhalt spricht. Sie erklärt, wie besorgt sie ist. Ihre Rede berührt mich. „Schaut euch die Städte an, und redet wirklich mit den Leuten!“, ruft Möbius.
Während viele gerade vor dem Faschismus im Osten warnen, erklären andere, dass man in einer Demokratie auch Machtwechsel akzeptieren müsse. Meist sind das jene, die gerade kaum selbst von rechter Politik betroffen sind. Aus Berlin-Charlottenburg lässt sich schnell eine Theorie über ein neues Zusammenleben entwickeln, denke ich. In Wernigerode ist das schwieriger.
André Boks, Vater des Autors und Stadtratsmitglied in Wernigerode
Nach der Kundgebung telefoniere ich mit meinem Vater. „Jeder, der AfD wählt, ist unzufrieden mit dem Gang der Dinge und will irgendwie einen Richtungswechsel“, sagt er. Ab sofort wolle er deshalb aufhören, Leuten zu erklären, wie gut es ihnen im Vergleich zu Menschen in anderen Ländern geht. „Ich habe das ja alles versucht“, sagt er. „Ich glaube, wir müssen das Ding neu denken!“
Wir teilen uns auf. Mein Vater versucht, die konservativen Kreise der Zivilgesellschaft zu aktivieren, ich bin für die linke Bubble zuständig. Wir wollen Menschen zusammenbringen, die sonst immer weniger miteinander reden. Es bringt schließlich nichts, immer nur zu behaupten, die Gesellschaft sei gar nicht so gespalten, wie viele denken, wenn es nie zu Gelegenheiten kommt, das Gegenteil zu erfahren. Was genau etwas bringt, weiß ich ehrlich gesagt auch nicht. Nur scheint es mir keine gute Idee, würden wir weiter zwar „Alle zusammen gegen den Faschismus!“ rufen, aber jeweils unter uns bleiben.
„Hatten wir auch nicht vor“, sagt Ivonne an einem Dienstagabend im Zoom-Chat, in dem ich meine Gedanken teile. Ivonne heißt eigentlich anders, möchte ihren richtigen Namen aber nicht in der Zeitung lesen. Sie ist wie fünf andere Frauen um die 40 Jahre alt, in einem Wernigeroder Demokratiebündnis aktiv und mit mir in einem virtuellen Plenum. Während ich referiere, hat sie schon einen Titelvorschlag für die Veranstaltung gefunden: „Wernigerode – Unsere Heimat“. Das Logo des Demokratiebündnisses solle aber nicht auf die Veranstaltungsflyer. „Wir wollen ja keinen abschrecken“, sagt sie.
Mittlerweile stehen ein Marktplatz, eine Bühne mit Gästen und Musik sowie ein Getränkewagen bereit. In mehreren Slots werden Gastronom:innen mit Unternehmer:innen, Aktivist:innen, Künstler:innen und dem Publikum über den kleinsten gemeinsamen Nenner diskutieren, den sie haben: ihre Stadt. Es ist der Versuch einer versöhnlichen Begegnung.
Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!
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Zurück im Facetime-Gespräch mit meinem Vater. „Ich bin mir gar nicht so sicher, ob es darauf ankommt, wie die Wahl ausgeht“, sagt er, kurz bevor wir auflegen.
Im ersten Moment klingt das ziemlich resigniert, aber je länger ich darüber nachdenke, entdecke ich darin Hoffnung. Denn unabhängig von jeder politischen Zukunft in diesem Land gibt es Verletzungen in der Gesellschaft dieser Stadt und in diesem Land, die sich mit großer Wahrscheinlichkeit auch in anderen Ecken Deutschlands zeigen. Begegnungen und Gespräche, in denen Menschen sich gegenseitig nicht nur als AfD- oder Grünen-Wähler:innen wahrnehmen, die für Remigration oder Wärmepumpen stehen, sondern als Nachbarn mit Ängsten und Hoffnungen begreifen, werden immer unwahrscheinlicher. Gerade diese Begegnungen können aber helfen, einander nicht nur als Parteiprogramme wahrzunehmen und Verletzungen zu heilen.
Sicher, jedes Bestärken auf Demos und jeder Safe Space ist wichtig, damit sich Verbündete Mut machen und von Bedrohungen und Meinungen abgrenzen können, die ihnen nicht passen. Aber um die andere Seite zu verstehen, braucht es Begegnungen.
Es so wieder hinzubekommen, darauf setzen mein Vater und ich am letzten Augustsamstag in Wernigerode. Es steht viel auf dem Spiel: Wenn Bier, Gespräche und Musik nicht mehr für einen kleinsten gemeinsamen Nenner sorgten, dann wäre es wirklich mit allen Gewissheiten der Gegenwart im Harz vorbei.
Aron Boks ist Autor, Slam-Poet und Moderator. Als Teil des PEN Berlin tourt er gerade mit der Diskussionsreihe „Ist das noch|schon mein Land?“ durch Sachsen-Anhalt. Letztes Jahr erschien sein Buch „Starkstromzeit“. Die Veranstaltung „Wernigerode – Unsere Heimat“ findet am 29. August von 14 bis 16 Uhr auf dem Marktplatz in Wernigerode statt. Der Eintritt ist frei.
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