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Die Macht der Mietenden

Die deutsche Gegenwartsliteratur handelt oft vom Mietverhältnis. Erzählerische Vielfalt geht damit aber nicht zwangsläufig einher: Statt sozialer Fragen widmet sie sich bevorzugt identitäts­politischen. Bereitet sie so die Flucht ins Eigentum vor?

Von Benno Schirrmeister

Zur Miete zu wohnen, bleibt in der Zukunft ein Elend: „Wie soll sie dann für das verschimmelte fensterlose Zimmer zahlen“, sorgt sich Hauptfigur Jov in Aiki Miras 2025 erschienenem Roman „­Denial of Service“, „für das sie einen viel zu teuren Mietvertrag abgeschlossen hat?“ Die Geschichte spielt zwar im komplett privatisierten Frankfurt am Main des frühen 22. Jahrhunderts. Aber Jovs Frage könnte sich auch heute einer Berufseinsteigerin stellen, die Schiss hat, in der Probezeit entlassen zu werden. Auch in Miras soziologisch avancierter Science-­Fiction hat sich da nix geändert.

Gerade in Deutschland setzt Literatur derzeit massiv Mietprobleme in Szene: „Wir leben in einer Wohngesellschaft“, hatte Selim Özdoğan schon 2016 eine weise Narrenfigur erkennen lassen. Die stellt das Prinzip des Eigentums und die Idee, Miete zu zahlen, offensiv infrage. Ihr zufolge nämlich tun die Vermieter „so, als würde man ihnen die Häuser wegkonsumieren, und nehmen Geld dafür“, heißt es in „Wieso Heimat, ich wohne zur Miete“. Özdoğans neuester Roman, der kommende Woche erscheint und „Ihr kriegt uns hier nicht raus“ heißt, lebt die Absage an den Wohnungsmarkt dann ganz aus – allerdings in der Vergangenheit. In einem viel ­realistischeren Modus erinnert er darin an die große Zeit der Hausbesetzungen: Vermittelt über die Kinder Orkun und Baran kommen eine migrantisierte Familie und eine linksautonome Gruppe trotz unterschiedlichster Lebensziele in der Überzeugung zusammen, dass wohnen notwendig, Miete zahlen aber ein Fehler ist. Als echte Befreiung feiert der Vater die Aussicht auf mietfreie „fünf Zimmer, Küche und Bad“ in der Kerpener Straße, wo Köln die Besetzung duldet: „Diese Wohnung wird uns Luft lassen, um mit dem Laden richtig Asche zu machen.“

Ein Blick auf Erzählmotive zwingt dazu, „die ganze schöne Literatur“, wie Robert Musil anregt, als „einen Zitatenteich“ zu betrachten und, statt Einzelwerke rauszufischen, Strömungen, „die in die Tiefe sinken und aus ihr wieder aufsteigen“, zu detektieren. Dann merkt man zum Beispiel: Nicht nur durch die Spielorte, sondern auch, indem er dessen identitätspolitischem Konsens eine Absage erteilt, stellt sich Özdoğan in der Wohnfrage quer zum literarischen Mainstream. Der erlebt seine Mietabenteuer in Berlin und fasst noch jede Kündigung als narzisstische Kränkung auf. Die Wände seines Appartements sind ihm nämlich Gedenkstätte der eigenen „Erinnerung, Identität, Geschichte“. Und „wenn all das verloren zu gehen droht“, hat sich der Berliner Autor Jan Brandt 2019 in einem Interview zu seiner Autofiktion „Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt“ beklagt – er besitzt beides –, „steht plötzlich das ganze Leben auf dem Spiel“.

Klar, „im Umgang der Menschen mit Wohnräumen vollziehen sich komplexe Aneignungsprozesse“, an Kulturhistorikerin Adelheid von Salderns Einsicht gibt’s nichts zu rütteln. Und ebenso ist klar, dass genau deshalb die ökonomisch banale Praxis des Mietvertrags – laut Friedrich Engels ein schlichter Warenverkauf – erzählerisch brisante Verhältnisse stiftet. Das 19. Jahrhundert entwickelt aus ihnen Schauplätze für Romane von Glanz und Elend, allen voran Honoré de Balzac und dann Dickens, Zola, Fontane, Hauptmann … Bei denen geht es allerdings immer auch um so­zia­le Probleme. Das Wohnen zur Frage der Identität zu machen, verdrängt die Beziehungen zwischen Eigentümer*innen, Immobilie, ihrem Nutzer und seinen Vorgänger*innen gleichsam ins Innere, und erst wer die Tapete abfitzelt und im Loch in der Zimmerwand herumprokelt, kann die geheimnisvollen Relikte des Vergangenen freilegen: „Zwei oder drei Minuten stocherte er, eher er den Gegenstand fassen konnte“, heißt es in Roland Topors Roman „Der Mieter“ über die schimärische Hauptfigur Trelkovsky, die keinen Vornamen trägt. „Es war ein Zahn. Genauer gesagt, ein Schneidezahn.“ Seine Vermutung: Seine Vorgängerin hat ihn hier in der Wand vergraben vor ihrem suizidalen Fenstersturz, dank dem er an die Wohnung kommt. Warum? Trelovsky hat keine Ahnung und verliert sich in der barocken Suche nach dem Moment, in dem die unsterbliche Seele den Körper verlässt: „Von welchem Augenblick an, fragte sich Trelkovsky, besteht das Individuum als solches nicht mehr?“

Topors „Le locataire chimé­rique“ ist 1964 erschienen: Das war die Zeit, in der Frankreich gerade begann, um Paris herum Trabantenstädte aus dem Boden zu stampfen, um der grassierenden Landflucht Herr zu werden. Die materielle Bedrängnis steht der metaphysischen Frage also nicht im Weg. Sie veranlasst, dass sie überhaupt gestellt wird. Sie kann sogar Lyrik ermöglichen.

So grundiert die soziale Ka­tas­tro­phe beklemmend – und doch rhythmisch und klanglich umwerfend – Gwendolyn Brooks’ Erstling „A Street in Bronzeville“ von 1945. Die Gedichte dieser vielleicht bedeutendsten US-amerikanischen Lyrikerin des 20. Jahrhunderts gibt’s nicht auf Deutsch, leider, aber es ist halt sehr schwierig, Entsprechungen für die vir­tuo­se Vielschichtigkeit ihrer Worte zu finden, mit denen sie das Leben in den berüchtigten „­kitchenette buildings“ ungeschönt, aber wunderschön besingt.

Es überrascht, wie gleichförmig und auf Berlin verengt Fragen des Mietens in der deutschen Gegenwart den Plot bestimmen

Hinter dem Namen verbirgt sich die obszöne Antwort auf die extreme Wohnungsnot im Schwarzen Chicago: Weil sich die Community binnen weniger Jahre mehr als vervierfacht hatte, wurden auch die mit Kleinküche ausgestatteten Apartments vervierfacht – durch Zwischenwände. Die 1940er Jahre erleben 80.000 Umwandlungen von Einfamilienwohnungen à 56 Qua­drat­me­ter in fünf bis sechs, informiert die „­Encyclopedia of Chicago“. In dieser Enge lässt Brooks die Frage auftauchen, ob das leichtsinnig-taumelige Wort Traum – der Slogan vom American Dream ist damals noch frisch und verheißungsvoll – durch die Hausgemeinschaft aus Zwiebelmief mit den Reimschleiern des Frittierfetts und Müllausdünstungen kämpfen und ein Lied zwitschern könnte: „Could a dream send up through onion fumes / Its white and ­violet, fight with fried potatoes / And yesterday’s garbage ripening in the hall?“ Doch Schluss damit, „Since Number Five is out of the bathroom now, / We think of ­lukewarm water, hope to get in it“, keine Zeit mehr fürs Sinnieren, der Nachbar ist raus aus dem Gemeinschaftsbad, und nur, wer flott ist, schafft’s in die Brühe, solange sie noch warm ist.

Solche Zustände gibt’s in der deutschen Gegenwart nur in den Wohnquartieren der Schlachthofarbeiter*innen auf dem Land. Von denen weiß der Gegenwartsroman nichts zu berichten, und das ist schon okay: Alle sollen ruhig je ihre eigenen Nöte erzählen dürfen, mit denen sie sich auskennen. Auch der Schmerz einer Avocadohand ist ein echter Schmerz, der ärztlicher Behandlung bedarf. Wobei überrascht, wie gleichförmig und auf Berlin verengt Fragen des Mietens den Plot bestimmen, wo doch der Wohnungsmarkt im Vergleich zu München, Frankfurt oder Hamburg dort fast entspannt wirkt: Ohne Anspruch auf Vollständigkeit hat Literaturwissenschaftlerin Hanna Henryson 60 Berlinromane aus der Zeit von 2000 bis 2020 ausfindig gemacht. Ihr Befund: Fremd ist diesen Gentrifiktionen das Thema Zwangsräumungen und die Welt der Armut. Ihr Personal rekrutiert sich bis auf wenige Ausnahmen aus der Mittelschicht, „und auffällig viele Figuren sind Journalisten oder Schriftsteller“, die infolge von Luxussanierungen raussollen: „In den hier diskutierten Romanen sind die Möglichkeiten der Gentrifizierung den Wohlhabenden vorbehalten“, resümiert Henryson. Mit Blick auf die Personengestaltung hat sie „in allen untersuchten Fällen“ eine „Figurenkonstellation“ herauspräpariert, die „gewissermaßen standardisiert ist“.

Darin sind Mietende der ­Willkür ihrer Vermieter*innen ausgesetzt wie einst in den Sams-Romanen der Herr Taschenbier den wütenden Wischmob­attacken der Frau Rotkohl, die ihm „jederzeit kündigen“ kann. Paul Maar beseitigt die Ambivalenz aber aus guten, erzählerischen Gründen: Er braucht das simple Gut-böse-Schema, um desto ungehemmter seine frappierend deleuzianische Erzählung von einem schizoiden Helden zu entfalten, der mit Wunschmaschinen ­umzugehen und sein schamlos an die Oberfläche drängendes Es zu lieben lernt.

Wo die Wohnsituation aber zum Thema avanciert, wäre da Mehrdeutigkeit kein narrativer Gewinn? Sollte es nicht auch heute einen gütig-weltfremden Vermieter geben können, der, wie vor 50 Jahren Milliardär Bartlebooth in Georges ­Perecs „Das Leben. Gebrauchsanweisung“, sein Pariser ­immeuble so mit Mie­ter*in­nen und ihren Schicksalen besetzt, dass es zum Theater der Welt wird? Gäbe es nicht auch ein Vermieten aus der Not heraus, wie in Marie Belloc Lowndes’ Roman „The ­Lodger“? Denn wie einen Erlöser empfangen ja die Zimmerwirtin Ellen Bunting und ihr Gemahl den seltsamen Mr. Sleuth, hätscheln und hegen ihn, obwohl ihnen klar ist, dass er, der Titel der deutschen Übersetzung spoilert’s, Jack the Ripper ist: Mrs. Bunting fühlt sich schon bald „auf eigenartige Weise mit Mr. Sleuth verbunden“. Sie ist in seinem Bann.

„Der Mieter“, hatte Engels bemerkt, „tritt als vermögender Mann auf“, auch wenn er ein armer Wicht ist. Er habe aber „die Nabelschnur“ durchtrennt, die ihn „an den Grund und Boden knüpfte“ – das sei halt Bedingung „geistiger Emanzipation“. Jaja, der Sexismus nervt und diese peinlichen Metaphern. Aber auch bei Virginia Woolf markiert den Anfang von Freiheit, für einen Raum die Miete zu zahlen. Die Gegenwart dagegen kann sich sogar gender­fluide Mietende vorstellen. Nur, ihrem Status Macht zuzubilligen, das will sie sich offenbar nicht ausmalen: Mie­ter*in­nen, die gegenwärtig deutschsprachige Romane bevölkern, wollen keine revolutionären Subjekte sein. Sie wollen wohnen, möglichst so günstig, dass sie was zurücklegen können. Damit die Flucht ins Eigentum gelingt.

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