: Die Abwendung der Katastrophe kann nur kollektiv gelingen
Die Klimakatastrophe stellt unsere Gesellschaften vor vielfache Herausforderungen, die jede Regierung überfordern. Der Soziologe Sighard Neckel analysiert die Blockaden, die politische Lösungen verhindern, und schlägt einen Infrastruktursozialismus vor
Foto: Maximilien Lamy/afp/dpa
Von Rudolf Walther
Als der emeritierte Soziologe Sighard Neckel sein neues Buch kürzlich in der schönsten Frankfurter Buchhandlung vorstellte, meinte eine Buchhändlerin, von den vielen Klimabüchern, die in jüngerer Zeit erschienen sind, lagerten die meisten im Laden und verkauften sich nicht. Mit dem herausragenden Buch von Neckel sollte sich das ändern, wenn es noch mit rechten Dingen zugeht in diesem Genre mit seinem Überangebot. Denn sein sorgfältig argumentierendes Buch „Katastrophenzeit. Die Gesellschaft im Klimawandel und die Fallstricke der Transformation“ verdient größte Beachtung – und Respekt ohnehin.
Die Warnungen vor dem fortschreitenden Klimawandel und seinen absehbaren Folgen haben selbst den deutschen Auslandsgeheimdienst BND erreicht. Der Dienst warnt inzwischen vor den Gefahren, die von der Erderwärmung für das Klimasystem ausgehen und den damit verbundenen Folgen für ältere Menschen, für die Landwirtschaft und die Wasserversorgung. Freilich entwirft der Soziologe Neckel mit Hinweisen wie diesen kein Horror-Szenario, sondern analysiert die Lage nüchtern und fragt sich, ob der Begriff „Klimakrise“ die tatsächliche Lage noch zutreffend beschreibt. Denn ein Ende der Krise ist ebenso wenig absehbar, wie Mittel zu ihrer Beendigung schnell verfügbar erscheinen.
Verschärfend wirke auf die Dynamik der ökologischen Krise, dass sie überlagert wird durch andere Krisen politischer, wirtschaftlicher und sozialer Natur und Herkunft, die zusammen das gesamte System der Gesellschaft bedrohen. Mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom März 2021 wurde die Klimaerwärmung zum Ernstfall erklärt und die Verantwortung für die Folgen und den Schutz der Bevölkerung heute und in Zukunft dem Staat übertragen. Das Urteil steht im Gegensatz zur medialen Debatte, denn im Unterschied zu dieser betont es nicht die Mittel individueller Vorsorge, mit dem aus den USA übernommenen Kriterium der CO2-Fußabdrucks.
Die Suche nach individuellen Sündenböcken für die Verursachung von Klimaschäden ist auch aus soziologischer Sicht ebenso vergeblich wie die Konzentration auf Einzelne oder soziale Gruppen für die Beschreibung der Mittel zur Vermeidung von ökologischen Schäden oder zur Abwendung von Katastrophen. Beide können nur kollektiv in Angriff genommen werden.
Denn „die Menschheit als solche hat die Erdgeschichte in ein Zeitalter verwandelt, in dem die humanen Kräfte der Natur unwiderruflich ihren Stempel aufgedrückt haben“, wie Neckel schreibt. In der Fachliteratur heißt dieses durch den Menschen geprägte erdgeschichtliche Zeitalter „Anthropozän“. Einzelne Forscher wie etwa Jason W. Moore sprechen vom „Kapitalozän“, weil die auf der Ausbeutung der Natur und der menschlichen Arbeitskraft beruhende Gesellschaft erst im 18. Jahrhundert die Stufe der profitorientierten Warenproduktion im großen Stil erreichte und damit eine genuin zerstörerische Kraft gegen die Ressource Natur erlangte.
Neckel schließt sich dieser Terminologie von Moore nicht an, weil sie auf eine Synthese von Natur und Gesellschaft hinausläuft, die die Eigenlogik biophysischer Prozesse verkennt.
Der im Zuge der Debatten um die Folgen der menschengemachten klimatischen Veränderungen zentral platzierte Begriff der Nachhaltigkeit hat sich in relativ kurzer Zeit durch seinen fast beliebigen Gebrauch fast entleert und ist zum konturlosen Schlagwort verkommen, das für alles und also nichts stehen kann. Der Rationalitätskern der Idee der Nachhaltigkeit, auf dem Neckel jedoch besteht, umfasst zwei Prinzipien: erstens das Prinzip der Regenerativität, das besagt, dass der Verbrauch von natürlichen Ressourcen und deren Erhaltung in der Zukunft im Gleichgewicht sein müssen. Zweitens das Prinzip der Potenzialität. Sie folgt logisch aus dem ersten Prinzip, denn Erhaltung und Nutzung von Natur müssen deren Entwicklungschancen bewahren.
Im nächsten Schritt entwickelt Neckel die Pfade der Nachhaltigkeit: Modernisierung, Transformation und Kontrolle. Sie lassen sich analytisch unterscheiden, verschränken sich aber in der Realität und haben allesamt ihre Grenzen und Defizite. Kontrolle etwa tendiert schnell zum politischen Autoritarismus und einer realen Gefahr für die Demokratie.
Auch das Konzept von Green Growth und Green Deal etwa im Zusammenhang mit der E-Mobilität bleibt im Bann wirtschaftlichen Wachstums und der entsprechenden Ideologie sowie den damit verbundenen Wachstumszwängen und ihren Folgen stecken, die nur durch radikale institutionelle Veränderungen zu überwinden wären: etwa durch Korrekturen am Marktmechanismus und den Umbau von Wirtschafts- und Lebensformen sowie Eingriffe in das private Verfügungsrecht für den Abbau von fossilen Energieträgern.
Sighard Neckel: „Katastrophenzeit. Die Gesellschaft im Klimawandel und die Fallstricke der Transformation“. C. H. Beck, München 2026, 256 Seiten, 20 Euro
Ohne nachhaltige Finanzinstrumente, die dem Renditestreben der Großinvestoren Grenzen setzen, bleibt Klimaschutz ohnmächtig wie ein zahnloser Tiger: Während im Jahr 2020 Banken für die Erhaltung der Artenvielfalt 80 Milliarden Dollar bereitstellten, waren es für fossile Energieträger rund 500 Milliarden Dollar. In der Technologieförderung wiederum gibt es drastische Rebound-Effekte – so macht der SUV-Boom in der Automobilindustrie alle Investitionen für grüne Technologie wirkungslos.
Konflikte um Nachhaltigkeit sind stets auch soziale Konflikte, denn es geht dabei immer um Vorteile und Privilegien der ökonomisch Stärkeren gegenüber der Mittelschicht und den ökonomisch Schwächeren. Deshalb kommt es auf diesem Feld zu einer Kontroverse wie in den 1970er-Jahren um den Ausbau des Sozial- und Wohlfahrtsstaats. Konservative Kritiker polemisierten damals gegen den Ausbau der Sozialpolitik mit dem Argument, Staat und Gesellschaft würden damit überfordert und die Demokratie gefährdet.
Heute mobilisieren Kritiker des sozial-ökologischen Ausbaus mit strukturell identischen Argumenten wie die konservativen Sozialstaatskritiker vor 50 Jahren gegen „das öko-emanzipatorische Milieu und Projekt der Moderne“, also letztlich der Demokratie und deren Politik, wie der Wiener Politikwissenschaftler Ingolfur Blühdorn argumentiert.
Dass Staat und Demokratie beim Klimaschutz nur zaghaft oder gar nicht (Tempolimit) agieren, liegt nicht an der demokratischen Verfassung, sondern weil sie ihre Politik an starken Interessengruppen, Wachstum und Markt orientieren sowie an der Steigerung des Konsums, was der Bevölkerung und der Wählerschaft als Freiheitsgewinn verkauft werden kann und dabei hilft, Mehrheiten herzustellen.
Das Dilemma der sozial-ökologischen Politik beruht darauf, dass viele große Probleme gleichzeitig einer Lösung harren, wenn die Klimakatastrophe verhindert werden soll: Umstellung des Finanzsektors, Rettung der biodiversen Landwirtschaft, Dekarbonisierung der Wirtschaft, emissionsarme Energieversorgung, weltweiter Gewässer- und Landschaftsschutz, ökologischer Umbau von Städten, schadstoffarme Mobilität und demokratisch legitimierte Klimagovernance. Dieser unvollständige Katalog der gleichzeitig zu lösenden Umweltprobleme überfordert jede Regierung – zumal sich der Schutz der Lebensgrundlagen und die Bewahrung der Demokratie gegenseitig blockieren, selbst wenn man einräumt, dass ein demokratisch ordentlich organisierter Staat über Planungs- und Koordinationsressourcen verfügt, die anderen Regierungsformen überlegen ist.
Neckel plädiert als Ausweg aus den sozialökologischen Dilemmata für einen Green New Deal auf Grundlage eines „Infrastruktursozialismus als letzte Oase, die angesichts der Verwüstung der Erde noch bleibt“. Infrastruktursozialismus ist für Neckel die Konsequenz aus den herrschenden sozial-ökologischen Zuständen, die er analysiert, ohne eine Alternative entwerfen zu können oder zu wollen.
Diese Zustände werden maßgeblich von den privatwirtschaftlichen Verhältnissen verursacht, in der die Infrastruktur, also die Produktion und Nutzung von Gemeingütern wie Wasser, Energie, Stahl und anderen Rohstoffen, organisiert ist. Deshalb empfiehlt sich eine andere Organisationsform in gesellschaftlicher, etwa genossenschaftlicher Form und in „fundamentalökonomischer Umwertung“, also ohne private Profitabschöpfung und Leitungs- und Herrschaftsstrukturen.
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