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„Mir gefiel die Vorstellung, dass die Erde lebendig wird“

Interview Erik Irmer

taz: Frau Deubner, über einen Zeitraum von knapp drei Jahren haben Sie für Ihre Fotoarbeit „La terre amoureuse“ die Arbeit und das Umfeld der Kleinbauern im Département Deux-Sèvres im Westen Frankreichs fotografiert. Was war der Ausgangspunkt dieses Projekts?

Rebekka Deubner: Zum einen die extreme Dürre im Sommer 2022. Wie schwerwiegend sie war, konnte ich eindrücklich an einem See in den Westalpen sehen, den ich seit Jahren kenne: Er war völlig verändert, seine Ufer wurden durch den Wassermangel völlig entstellt. Dass so etwas zur Norm werden könnte, hat mich alarmiert. Im Frühjahr 2023 nahm ich dann an den Protesten gegen die geplanten „Mega-Bassins“ in Sainte-Soline im Département des Deux-Sèvres teil.

taz: Was sind Mega-Bassins?

Deubner: Das sind riesige Wasserspeicherbecken, die ausschließlich ein paar konventionellen landwirtschaftlichen Großbetrieben dienen. Den umliegenden Ökosystemen wird Wasser entzogen und andere Wassernutzung wie die von Kleinbauern wird potenziell gefährdet.

taz: Wie haben Sie dort Ihr Projekt gefunden?

Deubner: Diese Proteste der Umweltbewegung und organisierter Kleinbauern aus der Region wurden von der Polizei massiv unterdrückt. Das führte in der Folge zu einer politischen und medialen Berichterstattung, die sich vor allem auf Gewalt konzentrierte. Die den Protesten zugrunde liegenden Fragen wurden völlig ausgeblendet. Welche Art von Beziehung zu den Lebewesen und zum Land pflegen wir, welche Form der Landwirtschaft befürworten wir, und welche Politik wird in diesem Sinne umgesetzt?

taz: Anstatt der Proteste zeigen Sie die Landschaft, die Menschen, die Arbeit, die Ressourcen. Was ist Ihr Gedanke dabei?

Deubner: In den Tagen nach den Demonstrationen wurde mir klar, dass ich möglicherweise dazu beitragen könnte, gegenläufige Narrative in Umlauf zu bringen – indem ich mein Medium nutze, um den dort lebenden Kleinbauern zu begegnen, ihre Realität zu vermitteln und über die Ursprünge des Kampfes um das Wasser aus der Perspektive der unmittelbar Betroffenen zu berichten. Die ersten Bilder, die ich aufgenommen habe, zeugen von dieser gelebten Erfahrung: Es sind Bilder der Hände von Demonstranten, die in Sainte-Soline waren. Diese stellen in meinen Augen eine Handlungskraft, eine Verletzlichkeit dar. Einzelne Körper, die als Einheit stehen.

taz: Ihre Fotografie wirkt fast meditativ. ­Welche Rolle spielt die serielle Fotografie für Sie?

Deubner: Ich neige dazu, Dinge aus nächster Nähe zu fotografieren, weil mir gefällt, dass das Sehen auch Tastsinn assoziieren kann und gleich mehrere Sinne angesprochen werden. Doch dann wurde mir klar, dass ich durch das Fotografieren aus nächster Nähe die Räume, in denen ich mich befand, nie wirklich erfassen konnte. Die Bilder waren immer unvollständig. Ich begann, Nahaufnahmen in einzelnen Abschnitten zu machen: vom Moor, vom Schilf, von einem Feld oder einem Baum und so weiter. Mir wurde klar: Sobald ich die Bilder nebeneinanderstellte, ermöglichte mir das, mich im Material selbst zu befinden und es entlang eines Kontinuums zu entfalten, wodurch ich ein besseres Verständnis für den Raum gewinne.

taz: Wie sind Sie den Landwirten begegnet?

Deubner: Da sie die ganze Zeit arbeiteten, habe ich sie dabei auch fotografiert. Was mich interessierte, war die Art und Weise, wie ihre Körper in die Arbeit eingebunden sind und wie all ihre körperlichen Bewegungen davon geprägt werden. Es entspringt dieser Wechselbeziehung – der Art und Weise, wie der Körper die Landschaft prägt und umgekehrt. Ich fand es interessant, die Bewegung in ihrer Gesamtheit einzufangen, sie zu zerlegen und wieder zusammenzusetzen, um ihre Dauer, ihre Reichweite, ihre Wiederholung und die damit verbundene Anstrengung zu verstehen.

taz: Sie zeichnen nicht gerade ein idealisiertes Bild vom Landleben. Wie sieht Ihre eigene Beziehung dazu aus?

Deubner: Ich bin weder auf dem Land aufgewachsen noch habe ich jemals dort gelebt. Mir fehlte das Verständnis für die Landschaft, wenn ich durchs ländliche Gebiet fuhr. Durch Gespräche und Beobachtungen vor Ort habe ich verstanden, dass jede Bebauung, jedes Grundstück, jedes Waldstück auf eine Entscheidung zurückgeht. Auf eine politische Entscheidung auf lokaler oder nationaler Ebene oder auf eine individuelle des Einzelnen, der dieses Land bewirtschaftet. Fast nichts in diesen Gebieten ist „natürlich“. Jetzt fühle ich mich weniger verloren, wenn ich durch solche Gegenden reise.

taz: La terre amoureuse, auf Deutsch etwa „verliebte Erde“, ist der französische Ausdruck für Erde, die an Stiefeln klebt. Woher stammt der Titel und was bedeutet er?

Deubner: Ich habe ihn dank Rémi entdeckt, der in Vançais Gemüse anbaut. Es war vielleicht das zweite Mal, dass ich ihn besuchte, im Oktober oder November. Er erntete Lauch und Chinakohl, der Boden war durchnässt, die Erde war unglaublich dicht und schwer. Und seine Stiefel verwandelten sich in einen Klumpen klebrigen Schlamms. Ich sprach ihn darauf an und er erzählte mir von der Redewendung. Ich dachte sofort, das wäre ein guter Titel für dieses Projekt, denn mir gefiel die Vorstellung, dass dadurch die Erde lebendig wird – dass sie das Subjekt des Satzes ist und kein lebloses Objekt oder bloße Arbeitsfläche. Sie spielt eine herausragende Rolle in meinen Bildern. Man sieht selten den Himmel, wir blicken ständig nach unten.

Rebekka Deubner, Jahrgang 1989, lebt in Seine-Saint-Denis. Ihre Arbeit „La terre amoureuse“ ist als Fotobuch bei Rotolux Press erschienen und wird noch bis zum 4. Oktober beim Fotofestival Rencontres d’Arles ausgestellt.

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