Der Hausbesuch: „Ich habe schon tausend Leben gelebt“
Die Musikerin Etta Scollo wohnt mal in Sizilien, wo sie aufwuchs, mal in Berlin. Sie vertont Poesie. Vor allem die Lyrik Mascha Kalékos hat es ihr angetan.
Foto: Doro Zinn
Für Etta Scollo sind Mascha Kalékos Texte hochaktuell. In der Nazizeit musste die jüdische Dichterin aus Deutschland emigrieren. Es macht Scollo wütend, dass wir gerade dabei sind, die Geschichte zu wiederholen.
Draußen: Am Ende der Straße liegt der Park, den sie liebt: der Viktoriapark, einer der ältesten Parks Berlins, der einzige mit einem Wasserfall. In der Gegend gibt es Altbauten mit schmucken Fassaden, blühende Vorgärten, Caféterrassen und kleine Läden – Etta Scollo fühlt sich in ihrem Kreuzberger Kiez zu Hause. Mit dunkler Brille und Einkaufstaschen kommt sie die Treppen hoch zu ihrer Wohnung. Sie entschuldigt sich für die vielen Stufen. Am Klingelschild klebt das Bild einer lachenden Maria Callas. „Das bin ich nicht“, sagt Scollo, „leider!“
Drinnen: In Scollos Küche hängt eine Postkarte, darauf steht der Satz: „Das Leben ist zu kurz für schlechten Kaffee.“ Während sie Cappuccino zubereitet, summt sie vor sich hin. Die Sonne fällt durchs Fenster auf die handbemalten Fliesen. Das Schlafzimmer liegt erhöht auf einem Podest, „wie auf einer Bühne“, sagt sie. Ihr Arbeitszimmer ist voller Instrumente, an den Wänden hängen Porträts von Neffen und Patenkindern. Ihre Lieblingsgitarre steht in einer Ecke.
Liebe: „Don’t kill me, I’m in love“ steht im Wohnzimmer in Rot auf einem weißen Plakat – eine Arbeit des Konzeptkünstlers Bruno Nagel. „Das Gefühl der Liebe berührt mich am tiefsten“, sagt Etta Scollo. „Ich verliebe mich in Menschen, aber auch in Geschichten, in Lieder, in Gegenstände.“ So war es mit der Marmormaske der Medusa, die im Wohnzimmer auf dem Boden liegt: Als Scollo vor 20 Jahren mit dem Zug von Wien nach Hamburg zog, sah sie die hundert Jahre alte Maske auf dem Weg zum Bahnhof in einem Antiquariat und nahm sie mit. Und so war es auch mit einem Buch der Dichterin Mascha Kaléko, das sie in einer kleinen Buchhandlung in Catania fand. „Das ist meine Bibel. Das hatte ich immer bei mir, und dann habe ich gedacht: Früher oder später will ich das in Musik umsetzen.“ Eine berühmte Zeile aus Kalékos Gedichten lautet: „Zur Heimat erkor ich mir die Liebe“.
Nirgendland: Zusammen mit ihrer guten Freundin, der Schauspielerin Eva Mattes, bringt Etta Scollo die Worte Kalékos dem Publikum näher. Mattes liest vor, Scollo singt mit ihrer melancholisch tiefen Stimme. „Nirgendland“ haben sie ihre Hommage an Mascha Kaléko genannt. Das Gedicht, aus dem das Wort stammt, heißt eigentlich „Kein Kinderlied“. „Wohin ich reise, ich komme nach Nirgendland. Ich fahre nach Nirgendland“, zitiert Scollo. Das habe viel mit ihr zu tun: „Überall zu sein und nirgendwo, mehrere Heimaten zu haben und gleichzeitig keine.“
Tausend Leben: Ihre ersten 21 Jahre verbrachte Etta Scollo in Catania im Osten Siziliens, wo sie vor 68 Jahren als drittes von vier Kindern geboren wurde. Zehn Jahre lebte sie in Wien, mit der Maske im Gepäck zog sie nach Hamburg, blieb auch dort zehn Jahre „der Liebe wegen“ – in Hamburg wohnte ihr damaliger Partner. Seit zwanzig Jahren ist sie jetzt in Berlin. Die Sängerin sagt: „Ich habe schon tausend Leben gelebt.“ Im Zentrum Catanias und in Kreuzberg besitzt sie seit 2019 jeweils eine Wohnung. „Hier und dort zu wohnen, ist ein Geschenk“, sagt sie und faltet die Hände als Geste der Dankbarkeit.
Sehnsüchte: Nach so vielen Jahren im Ausland habe sie eine Sehnsucht gespürt. „Es war nicht romantisch, sondern körperlich. Ich brauchte plötzlich dringend das Licht und die Luft von Catania“, sagt sie. Sie fand dort einen Altbau mit sechs Meter hohen gewölbten Decken und einem runden Zimmer. Als Kind habe sie dagegen vom „Norden“ und von Metropolen mit grauem Wetter geträumt. „In meiner Kindheit habe ich nicht ein einziges Mal Handschuhe getragen. Ich wusste nicht, was der Winter ist.“
Foto: Doro Zinn
Zwei Welten: Etta Scollo sagt, sie liebe Gegensätze, so wie die zwischen dem Wetter in Berlin und Catania oder zwischen ihren zwei Wohnungen. In Catania lebt sie in einem alten Palazzo, hier in einer Mansarde, „fast wie eine Studentin“, sagt sie und lacht. Gegensätze seien für ihren Charakter und ihre Musik inspirierend. „Eine Wohnung ist nicht nur eine Wohnung, sondern spiegelt die Realität eines Menschen, sein Inneres, mit all seinen Träumen und Herausforderungen.“ Auch in ihrem Elternhaus habe es immer Kontraste gegeben. „Seit jeher trage ich zwei Welten in mir.“
Familiengeschichte: Scollos Mutter war die Tochter eines reichen Marinekapitäns aus Catania; ihr Vater stammte aus einer einfachen ländlichen Familie. Nach dem Zweiten Weltkrieg verbrachte er drei Jahre in Kriegsgefangenschaft und studierte danach Jura. Vom früheren Wohlstand der Familie ihrer Mutter war nur die große Villa geblieben. Um Geld zu verdienen, vermieteten sie Zimmer – unter anderem an Studierende wie Scollos Vater. Ihre Mutter, eine junge Frau, die Mode studierte, wurde von ihrem eifersüchtigen Vater und ihren Brüdern streng behütet. Doch eines Morgens, nach einem Notfall in der Nachbarschaft, blieb sie mit dem Jurastudenten allein in der Küche. Er ging vor ihr auf die Knie und fragte sie, ob sie seine Frau werden wolle. Sie sagte: „Ja.“ Obwohl beide Familien dagegen waren, heirateten sie.
Der Vater: „Mein Vater setzte sich als Anwalt gegen die Mafia und für arme Menschen ein“, erzählt Scollo weiter. Er sei ein besonderer Mensch gewesen, auch voller Kontraste. „Manchmal schaute er Fußball, hörte danach die Nachrichten und stand später im weißen Unterhemd da und spielte Mandoline“, sagt sie. Er habe viel gelesen, „sogar beim Essen“. Im Haus gab es überall Bücher. „In dieser Kultur sind wir groß geworden.“ Ihre Eltern hätten sie und ihre Geschwister frei erzogen: „Sie haben uns nie vorgegeben, wo es langgehen soll.“
Leidenschaft: Auch ihre erste Erinnerung an Musik hat mit ihrem Vater zu tun. Sie ist zwei Jahre alt, steht auf einem Stuhl, ihr Vater hält sie fest, während sie singt: „Marina, Marina, Marina“. In der Familie haben alle musiziert, erzählt sie. Omas, Onkel und Cousinen spielten Mandoline oder sangen einfach so. Nach Wien sei sie gegangen, um am Konservatorium Musik zu studieren. Am Anfang wollte sie keine Profimusikerin werden. „Ich habe auch Kunst und Architektur studiert, bis ich gemerkt habe: Musik ist mein Leben. Dann habe ich alles andere aufgegeben, um mich meiner Leidenschaft zu widmen.“Goldene Schallplatte: 1988 nahm Etta Scollo eine italienische Version von „Oh! Darling“ von den Beatles auf, hatte damit großen Erfolg und erhielt eine Goldene Schallplatte. „Das war alles verrückt“, sagt sie. In den 90er Jahren, als sie nach Hamburg zog, entwickelte sie ihre Musik weiter. Sie komponierte eigene Werke und Filmmusik und veröffentlichte zahlreiche Alben. Heute verbindet sie Musik und Sprache in literarischen Projekten, etwa zur Elena-Ferrante-Saga „Meine geniale Freundin“ oder zuletzt in ihrer Hommage an Mascha Kaléko – zusammen mit Schauspielerinnen wie Corinna Harfouch, Maria Schrader und Eva Mattes.
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Zeitgemäß: Aus dem kleinen Kaléko-Buch, das Scollo „meine Bibel“ nennt, liest sie ein Fragment des Gedichts „Zeitgemäße Ansprache“ vor, das sie berührt: „Wie kommt es nur, daß wir noch lachen / Daß uns noch freuen Brot und Wein / Daß wir die Nächte nicht durchwachen / Verfolgt von tausend Hilfeschrein“. Das 1945 veröffentlichte Gedicht, entstanden vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs und der NS-Zeit, sei heute „hochaktuell“, sagt Scollo. „Wie kann es sein, dass wir hier angesichts dessen, was in Gaza, in der Ukraine, im Iran oder im Libanon passiert, wegschauen, als ginge es uns nichts an?“
Foto: Doro Zinn
Herzschmerz: Das, was gerade in der Welt geschieht, sei auch unsere Verantwortung, meint Scollo. „Wir müssen alle zusammen in Europa ‚Nein‘ sagen. Wir müssen sagen: ‚Wir wollen, dass es aufhört.‘“ Sie entschuldigt sich für den Wutausbruch und sagt, wenn Mascha Kaléko heute leben würde, würde sie „an Herzschmerz sterben“.
Erstaunen: Wie sie es schafft, trotz der Weltlage glücklich zu sein? „Ich lerne immer etwas Neues und staune viel“, sagt Etta Scollo. „Das Erstaunen ist eines der schönsten Gefühle überhaupt, es ist wie Verliebtsein. Ich will dieses Gefühl nicht verlieren. Nicht einmal, wenn ich 100 Jahre alt bin.“
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