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Neue Zuspitzung in Sudans KriegTodesfalle in der Wüste

El Obeid ist die aktuelle Frontstadt in Sudans Krieg. Blutige Angriffe der RSF-Miliz nehmen zu. Die UN warnt vor „Massengräueln an Hunderttausenden.

Simone Schlindwein

Aus Kampala

Simone Schlindwein

Das Wellblechdach der Tankstelle hängt nach einem Drohnenangriff in Fetzen hinunter. Es fahren kaum mehr Autos auf den Straßen. Der Preis pro Liter Benzin sei in nur wenigen Tagen von 33.000 sudanesische Pfund auf 150.000 Pfund gestiegen, umgerechnet knapp 250 Euro: „Das kann sich nun niemand mehr leisten“, berichtet ein sudanesischer Journalist, dessen Name aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden kann. Er schickt dieser Tage regelmäßig Videos und Berichte aus der belagerten Stadt El Obeid in der sudanesischen Region Kordofan, wo sich die Lage täglich zuspitzt.

In Videos, die das sudanesische Investigativ-Journalistenteam 3Ayin veröffentlicht, sieht man völlig zerstörte Häuser. Wo einmal eine Schule stand, liegt jetzt ein Geröllhaufen. Märkte, Stromnetze, Transformer, Wasseraufbereitungsanlagen, Krankenhäuser: Die jüngsten Drohnenangriffe der paramilitärischen Miliz RSF („Schnelle Eingreiftruppe“), die seit über drei Jahren Krieg gegen Sudans Militärregierung führt, zeigen, wie die zivile Infrastruktur der Stadt gezielt zerstört wird, erklärt der Journalist im Video.

Täglich schlagen weitere Drohnen ein. Doch an Flucht ist nicht zu denken, sagt Ahmed Awad aus El Obeid der taz im Onlineinterview. Er ist in der Stadt geboren und ist dort heute Projektleiter der Kinderrechtsorganisation „Plan International“, die in Kordofan seit 30 Jahren tätig ist. El Obeid mit rund einer halben Million Einwohner und mehreren hunderttausend Binnenvertriebenen befinde sich in einem Belagerungszustand, sagt er. Es kämen kaum mehr Lastwagen durch die Straßensperren. Der letzte Konvoi mit Lebensmitteln des UN-Welternährungsprogramms WFP sei bombardiert worden.

„Das Leben ist extrem teuer geworden, es gibt keinen Strom und kaum noch Trinkwasser“, erklärt Awad. In El Obeid verteilt Plan International Lebensmittel, Seife, Wasserkanister, Eimer und Geschirr an Vertriebene, die auf ihrer Flucht aus den umkämpften Gebieten alles zurücklassen mussten. Besonders bemüht sich Plan International um das Wohl der Kinder, verteilt Mittagessen in Schulen, richtet Safe Spaces ein, wo Kinder spielen können und psychosoziale Unterstützung bekommen.

Doch die Arbeit wird nun täglich schwieriger und gefährlicher, berichtet Awad. Eine Drohne habe vor wenigen Tagen die Wasseraufbereitungsanlage zerstört. „Es gibt nur noch eine Wasserquelle. Um einen Liter Trinkwasser zu erhalten, muss man dort fast einen ganzen Tag anstehen“, berichtet Awad. Vor wenigen Tagen hätten Drohnen eine Schule getroffen, mehrere Kinder seien in den Trümmern gestorben. Cholera sei in einigen Vertriebenenlagern am Stadtrand ausgebrochen. „Die Menschen kämpfen ums schiere Überleben“, fasst der Sudanese die Lage in der Stadt zusammen, die zum neuesten Brennpunkt des Krieges in Sudan geworden ist.

Frontstadt in der Wüste

Im April 2023 trat die paramilitärische Miliz RSF unter ihrem Anführer Hamdan Daglo Hametti, der zuvor Vizepräsident in Sudans Militärregierung gewesen war, in den Aufstand gegen Sudans Staats- und Armeechef Abdelfattah al-Burhan, um ihre drohende Eingliederung in die Streitkräfte zu verhindern. Der Krieg hat seitdem hunderttausende Tote gefordert und zeitweise über zwölf Millionen Menschen in die Flucht getrieben. Seit die RSF vergangenes Jahr die nahezu komplette Kontrolle über Sudans Westregion Darfur errungen hat, steht die angrenzende Region Kordofan im Mittelpunkt der Kämpfe.

El Obeid, die Hauptstadt der Provinz Nord Kordofan, ist ein strategischer Ort, ein Drehkreuz und Handelsumschlagsplatz inmitten der Wüste, auf der einzigen Verkehrsachse zwischen Sudans Hauptstadt Khartum, die von Sudans Armee (SAF) kontrolliert wird, und der westlichen Region Darfur, die unter Kontrolle der RSF steht. Mehrfach wurde der Flughafen der Stadt und einzelne Stadtteile seit Kriegsbeginn 2023 von der RSF erobert – und dann von der Armee und mit ihr verbündeten Milizen wieder zurückgewonnen.

Jetzt liegt El Obeid an der Frontlinie. Derzeit ist die Stadt unter SAF-Kontrolle, rund 13.000 Soldaten seien dort stationiert, so Adam Mousa Eshag, Direktor der sudanesischen Organisation Darfur Victims Support Organisation (DVS) mit Sitz in Ugandas Haupstadt Kampala. Er ist täglich mit Menschen in El Obeid in Kontakt. Auch mit Soldaten der Armee dort hat er telefoniert und berichtet: Die SAF rüste sich derzeit für einen RSF-Angriff auf El Obeid. Die RSF-Miliz habe rund 30 Kilometer jenseits der Stadtgrenze über 10.000 Kämpfer zusammengezogen. Eshag macht sich große Sorgen über die Folgen eines Angriffs der Miliz auf die Stadt: „Es gibt die Befürchtung, dass die RSF Rache nimmt an der Bevölkerung, die die Armeeeinheiten beherbergen.“

Düsteres Vorbild: El Fasher in Darfur

Analysten, Hilfswerke und die Vereinten Nationen fürchten in El Obeid ein ähnliches Szenario wie in Darfurs größter Stadt El Fasher im Oktober 2025. Als die RSF die Stadt nach 18 Monaten Belagerung stürmte, wurden bis zu 70.000 Menschen in nur drei Tagen von der Miliz getötet. „Wir warnen davor, dass eine Eskalation der Lage dazu führen kann, dass sich die grausamen Menschenrechtsverbrechen und Übergriffe auf die Bevölkerung, die wir in El Fasher dokumentiert haben, nun wiederholen können“, heißt es in einem gemeinsamen Aufruf von DVS und weiteren Menschenrechtsorganisationen.

„Wir haben diesen Aufruf auch an die RSF und die SAF geschickt, um ihnen das humanitäre Völkerrecht ins Bewusstsein zu rufen“, so Eshag. „Wir sehen seit Tagen, dass gezielt zivile Infrastruktur ins Visier der Drohnenangriffe gerät.“ Dass jetzt Schulen von der RSF bombardiert werden, liege daran, dass die in El Obeid stationierten Regierungssoldaten sich in den Klassenzimmern einquartiert haben. „Sie nutzen die Bevölkerung als humanitäre Schutzschilde“, so Eshag. Dies verstoße klar gegen das Völkerrecht.

Sie nutzen die Bevölkerung als humanitäre Schutzschilde

Adam Mousa Eshag, Direktor Darfur Victims Support Organisation (DVS)

Satellitenaufnahmen, die von erfahrenen Analysten der Universität Yale in den USA ausgewertet wurden, zeigen, dass die SAF einen über 50 Kilometer langen, mehrere Meter breiten Schützengraben rund um die Stadt ausgehoben hat, um die RSF am Vorrücken zu hindern. Genau so sah es vergangenes Jahr in El Fasher aus. Damals war es die RSF, die einen solchen Graben rund um die Stadt ausgehoben hatte, um die Bevölkerung und die Armeesoldaten an der Flucht zu hindern. Als die Miliz die Stadt einnahm, entpuppte sich der Graben als Todesfalle.

Dasselbe Szenario droht nun auch in El Obeid. Sämtliche Straßen aus der Stadt hinaus seien abgeriegelt, nur noch eine einzige sei passierbar, so Awad von Plan International – die nach Osten Richtung Nil, ins Regierungsgebiet hinein. Ohne Fahrzeuge und Benzin sei es fast unmöglich zu entkommen, denn rund um El Obeid gebe es nur Wüste. Die nächste Stadt liege über 180 Kilometer entfernt. „Zu Fuß, ohne Trinkwasservorräte kann man es nicht dorthin schaffen“, so Awad. Zudem habe die SAF und die mit ihnen verbündeten Milizen entlang dieser Straße mehr als zehn Straßensperren errichtet.

„Die internationale Gemeinschaft muss handeln“

Die Lage sei besonders schlimm für die Kinder in El Obeid, so Francesco Lanino, Vize-Landesdirektor des Kinderhilfswerks Save the Children in Sudan. Drohnenangriffe auf Schulen und Vertriebenenlager führen zu schwerwiegenden Traumata, so Lanino. Er berichtet von seinem jüngsten Besuch im Vertriebenenlager Tawila in Darfur, wohin sich Einwohner aus El Fasher gerettet hatten.

„Man sieht ihnen diese Angst vor Drohnen an, die jederzeit sie oder ihre Familienmitglieder töten können“, so Lanino: „Wir haben mehrere Kinder getroffen, die danach nicht mehr sprechen wollten.“ Besonders kleine Kinder seien nicht in der Lage, zu verstehen, warum das alles passiere. „Unsere Sorge ist, dass diese Kinder in Zukunft, wenn diese Traumata nicht aufgearbeitet werden, Rache üben könnten“, so Lanino: Dies lege die Grundlage für einen neuen Konflikt in Sudan in der Zukunft.

Auf Initiative Großbritanniens tagte am Freitag der UN-Menschenrechtsrat in Genf und präsentierte seinen jüngsten Untersuchungsbericht. Laut diesem wurden durch Drohnenangriffe im Juni in El Obeid mindestens 45 Zivilisten getötet und 41 weitere verletzt. Überlebende, die es aus El Obeid hinausgeschafft haben, berichten der UN von standrechtlichen Hinrichtungen, Entführungen, Folter und sexueller Gewalt in El Obeid.

„Die Zeichen von El Obeid sind klar und unmissverständlich“, so der UN-Hochkommissar für Menschenrechte Volker Türk und erklärte die Lage in El Obeid zur „Alarmstufe Rot“: „Wir brauchen Maßnahmen auf höchster Ebene, um Gräueltaten in El Obeid und anderen Orten in Kordofan zu verhindern“, so Turk. Am Montag beschloss der Menschenrechtsrat eine Untersuchung der Lage in El Obeid und rief einstimmig anlässlich des „unmittelbaren Risikos von Massengräueltaten durch die RSF, dem Hunderttausende Zivilisten ausgesetzt sind“ zu einem sofortigen, bedingungslosen und vollständigen Waffenstillstand auf.

„Dies ist ein entscheidender Moment, und die internationale Gemeinschaft muss handeln“, erklärten die Außenministerien mehrerer Länder, darunter Deutschland, gemeinsam bereits am 25. Juni. „Die Zivilbevölkerung muss sicher ausreisen können und alle Parteien müssen einen raschen, sicheren und ungehinderten humanitären Zugang gewährleisten“, forderten sie.

Doch all diese Worte helfen wenig, sagt DVS-Direktor Eshag. „Ich fühle mich so hilflos, denn die ganze Welt schaut diesen Gräueltaten einfach tatenlos zu“, seufzt er. Die UN oder die Afrikanische Union müssten dringend eingreifen und die Zivilbevölkerung schützen, fordert er: „Denn wir wissen, der Sturm auf die Stadt kann jede Minute losgehen.“

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