Krieg in der Ukraine: Horrornacht im ukrainischen Sumy
In der Stadt nahe der Grenze zu Russland sterben bei einem russischen Angriff in der Nacht zu Samstag mindestens vier Menschen. Dutzende werden verletzt.
In Sumy ist der Abend des 3. Juli einer der heißesten des Jahres. Viele Bewohner*innen zieht es ins Freie, als die Hitze am späten Abend nachlässt. Die Schewtschenko-Allee ist eine der zentralen Straßen der Stadt im Nordosten der Ukraine – ein Ort, an dem die Einheimischen gerne Zeit verbringen und sich mit ihren Kindern entspannen.
Gegen 22 Uhr schlägt genau dort eine russische Fliegerbombe ein. Drei Menschen kommen sofort ums Leben, darunter ein fünfjähriges Mädchen. Etwa 30 Personen werden verletzt, darunter sieben Kinder.
Als die Rettungskräfte am Unfallort eintreffen, hätten sie Dutzende von Opfern mit extrem schweren Verletzungen gesehen, sagt Oleg Strelka, Sprecher des staatlichen Katastrophenschutzdienstes in der Region Sumy. Die Menschen hätten unter Schock gestanden. Vielen seien Gliedmaßen abgerissen worden. „Sie haben wahrscheinlich nicht einmal begriffen, was ihnen widerfahren war“, sagte er.
Der Angriff auf das Zentrum von Sumy ist Teil einer neuen Welle russischer Angriffe mit gelenkten Flugbomben auf ukrainische Frontstädte. Diese Bomben sind in der Luft nur schwer abzufangen. Die ukrainischen Streitkräfte versuchen ihnen vor allem dadurch zu begegnen, dass sie die russischen Trägerflugzeuge zerstören.
Ein schwieriges Unterfangen
Das ist jedoch nach wie vor ein schwieriges Unterfangen. Abfangdrohnen und spezielle Systeme der elektronischen Kampfführung zur Abwehr dieser gelenkten Bomben befinden sich derzeit noch in der Entwicklung. Russland setzt derartige Bomben weiterhin in großem Umfang ein. Ukrainischen Schätzungen zufolge könnten die Bestände in die Zehntausende gehen.
Die am Unfallort eingetroffenen Rettungskräfte sind besonders vom Schicksal einer Familie zutiefst erschüttert. „Neben dem kleinen Mädchen lag ihre Mutter, die tödliche Verletzungen erlitten hatte. Ärzte haben versucht, das Kind wiederzubeleben, konnten es jedoch leider nicht retten. Die ältere Schwester des Mädchens liegt im Krankenhaus“, sagte Oleg Strelka.
Er erinnert sich, wie ein Arzt der Sanitätseinheit auf ihn zukam – ein Mann, der im Laufe der Kriegsjahre fast alles gesehen hat. „Aber er weinte nur. Er sagte: ‚Oleg, sieh dir an, was sie getan haben.‘“
Die Bewohner*innen des beschädigten Gebäudes und der Nachbarhäuser verbringen den Großteil der Nacht in Schutzräumen und Kellern. Auch die Einsatzkräfte müssen ihre Arbeit immer wieder unterbrechen. „Wenn wir Menschen zu Krankenwagen bringen oder Wiederbelebungsmaßnahmen durchführen mussten, drohten erneute Angriffe – sowohl durch gelenkte Fliegerbomben als auch durch Drohnen“, sagt Oleg Strelka. „Deshalb mussten wir den Bereich immer wieder fluchtartig verlassen.“
Ein weiterer Toter
Am Samstag Morgen wird gemeldet, dass ein weiteres Opfer im Krankenhaus gestorben ist. Dem medizinischen Personal gelang es zwar, den Mann in der Nacht mehrmals wiederzubeleben, doch bis zum Morgen stirbt er. Damit steigt die Zahl der Todesopfer auf vier.
Bei Tagesanbruch werden die Arbeiten am Ort des Angriffs wieder aufgenommen. Einsatzkräfte räumen Trümmer beiseite und überprüfen beschädigte Hauseingänge sowie Wohnungen. Die Druckwelle hatte Türrahmen verzogen, sodass einige Bewohner im Inneren eingeschlossen waren.
Am Morgen finden Rettungskräfte in einer der Wohnungen eine ältere Frau, die sich nicht aus eigener Kraft hat befreien können. Sanitäter legen sie auf eine Trage und bringen sie ins Krankenhaus.
Wohltätigkeitsorganisationen stellen in den Innenhöfen nahe der Einschlagstelle Zelte auf. Bewohner der beschädigten Wohnungen stehen dort Schlange. Mitarbeiter der Organisationen helfen dabei, die durch die Wucht der Explosion zerstörten Fenster- und Türöffnungen auszumessen und Sperrholzplatten passend zuzuschneiden. Bewohner und Freiwillige nutzen diese Platten, um die Öffnungen der durch die Detonation verwüsteten Gebäude zu verschalen.
„Uns geht es gut“
Überall knirscht Glas unter den Füßen. Vorsichtig betreten die Menschen Wohnungen, in denen noch am Vortag Möbel gestanden, Vorhänge gehangen haben und Fernseher gelaufen sind. Nun jedoch liegen hier die Trümmer von Fensterrahmen, Türen und Habseligkeiten sowie Brocken der Zimmerdecke.
An den noch intakten Türen einiger Wohnungen finden sich mit Kreide geschriebene Botschaften wie „Uns geht es gut“ – ein willkommenes Zeichen für Rettungskräfte und Nachbarn. Dennoch sind viele Menschen in ihren eigenen vier Wänden verletzt worden.
Doch inmitten dieser schrecklichen Tragödie zeigt sich auch etwas anderes: wie schnell die Stadt zusammenfindet, um den Menschen in Not zu helfen. Schon am Morgen sind Dutzende Einwohner*innen von Sumy an dem Gebäude eingetroffen. Viele von ihnen sind junge Menschen – Männer und Frauen. Sie übernehmen die schwersten Aufgaben: Schutt abtransportieren, Glasscherben zusammen kehren, Wohnungen ausräumen und den Bewohnern bei der Suche nach einigen Habseligkeiten helfen.
Zu den Freiwilligen gehört auch die 30-jährige Ekaterina Mukha. Sie lebt in Sumy und hat die Folgen russischer Angriffe bereits mehrfach persönlich miterlebt. „Bei mir sind schon einige Male die Fensterscheiben herausgesprengt worden und ein Einschlag erfolgte direkt in meinem Innenhof. Ich weiß, wie sich das anfühlt. Deshalb bin ich gekommen, um den Menschen zu helfen, die das gerade durchmachen“, sagt sie.
Russische Aufklärungsdrohne
Kurz nachdem die Freiwilligen ihre Arbeit aufgenommen haben, werden sie in einen Schutzraum gebracht: Über der Einschlagstelle ist eine russische Aufklärungsdrohne gesichtet worden. Im weiteren Verlauf des Tages müssen die Arbeiten aufgrund der Gefahr weiterer Angriffe noch mehrmals unterbrochen werden.
Ekaterina hilft dabei, die Trümmer aus der Wohnung von Alexandra Litvinova zu räumen. Eine Druckwelle hat fast alles zerstört. Die Wohnungsinhaberin kann nur in kurzen Sätzen sprechen und macht häufig Pausen, um Luft zu holen und ihre Tränen zurückzuhalten.
Sie ist erst vor Kurzem aus dem Dorf Ryschiwka nahe der russischen Grenze, wo ihr früheres Zuhause zerstört worden war, nach Sumy gezogen. „Ich wurde aus meinem Heimatdorf evakuiert – dort war alles zertrümmert und niedergebrannt. Ich habe eine staatliche Entschädigung erhalten, um ein neues Zuhause als Ersatz für das zerstörte Haus zu kaufen. Vor zwei Monaten habe ich diese Wohnung erworben. Und jetzt liegt hier wieder alles In Trümmern“, sagt sie.
Wohnung voller Rauch
An Freitagabend, als der Einschlag erfolgte, habe Alexandra auf dem Sofa gelegen und ferngesehen. Ihren Angaben zufolge habe sich die Wohnung nach der Explosion mit Rauch gefüllt, Gegenstände sowie Trümmerteile seien umhergeflogen. „Ich weiß nicht mehr, wie ich ins Badezimmer gekommen bin. Es war, als wäre ich hineingezogen worden. Aber ich erinnere mich daran, dass die Wände anfingen, sich in Wellen zu bewegen“, sagt sie.
Als Alexandra versucht habe, hinauszugelangen, habe die Tür geklemmt. „Meine Nachbarn haben mich in meiner Notlage nicht im Stich gelassen. Sie begannen sofort zu klopfen und zu fragen, ob ich noch am Leben sei. Dann trafen Rettungskräfte ein, machten die Tür wieder gängig und holten mich heraus“, erinnert sich Alexandra. Für jemanden, der bereits ein Zuhause in einer Grenzgemeinde verloren hat, sollte diese Wohnung ein Neuanfang sein. Nun ist auch dieses neue Zuhause zerstört.
Aus dem Russischen Barbara Oertel
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen
meistkommentiert