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Überwachung im US-SportUnerwünschte Gäste

In den US-Sportarenen sind dank Gesichtserkennungssoftware und Datensammelwut der Willkür Tür und Tor geöffnet. Beobachten lässt sich das in New York.

Hier wird aussortiert: New York Knicks-Fans vor dem Eingang des Madison Square Garden Foto: William Volcov/imago

Sportfans sind eine schwer zu kontrollierende Gruppe. Fußballvereine und Sicherheitskräfte in ganz Deutschland sind schwer damit beschäftigt, den Enthusiasmus der Sta­di­ongän­ge­r*in­nen im Zaum zu halten. Im US-amerikanischen Profisport geht es vergleichsweise sehr viel zahmer zu und dennoch erprobt man dort aktuell biometrische Überwachungstechnologien, die Vorboten der präventiven Sicherheitsmaßnahmen in Stadien sein könnten.

Die Aufmerksamkeit für dieses Thema ist dem fragilen Ego des Besitzers der Basketballmannschaft New York Knicks zu verdanken. James Dolan ist ein Unternehmer in der amerikanischen Unterhaltungsindustrie, dem unter anderem das sogenannte Basketball-Mekka, der Madison Square Garden, gehört. Unter den New Yor­ke­r*in­nen ist er seit Jahren mehr als umstritten und selber im Gegenzug auch nicht gut auf die Fans zu sprechen. Doch mit welcher Vehemenz Dolan diesen recht klassischen Konflikt austrägt, ist erst seit einigen Wochen im Detail bekannt.

James Dolan nutzt KI-gestützte Gesichtserkennungssoftware, eine Datenbank und ein Punktesystem, um unerwünschte Gäste zu identifizieren und herauszufiltern. Druckst du online T-Shirts mit einem Dolan-kritischen Spruch oder rufst „sell the team“ während eines Spiels, landet dein Gesicht in der Kartei des Sicherheitsteams. Über 1.200 Fotos von Mitarbeitenden der Anwaltskanzleien, die sich im Rechtsstreit mit Dolans Firmen befinden, wurden auch in die Software eingespeist und stehen also auf der schwarzen Liste des MSG.

Während der „lawyer ban“ schon länger bekannt ist, beschreibt die in Wired veröffentlichte Investigativrecherche von Noah Shachtman und Robert Silverman die Willkür und Akribie von Dolans Sicherheitsapparat. Zwei Jahre lang wurden die Bewegungen einer Transfrau im Madison Square Garden anlasslos bis hin zur Frequenz ihrer Toilettenbesuche getrackt.

Was nach einem skurrilen Fall eines beleidigten Milliardärs klingt, entlarvt jedoch eine Praktik, die sich abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit seit Jahren in amerikanischen Sportstätten etabliert hat: die systematische Sammlung biometrischer Daten. Neben der Basketballliga NBA, sind alle 32 NFL- und 9 MLB-Stadien mit Gesichtserkennungssoftware ausgestattet. Diese dienen entweder der Erfassung der Mitarbeitenden, der Automatisierung der Ticketkontrolle oder der Erhebung von Daten der Fans.

Im Inuit Dome, der neu gebauten Halle der Los Angeles Clippers, wird so das Verhalten der Fans quantifiziert. Wer die höchste Dezibelzahl vorzuweisen hat, oft aufgestanden ist oder direkt sein Gesicht am Tresen einscannen lässt, bekommt Rabatte oder kleine Preise. Ziel ist es auch hier, eine möglichst große Menge biometrischer Daten zu generieren.

KI-Werkzeuge zur Online-Gesichtssuche wie Cliearview oder PimEyes sind rechtlich höchst umstritten und insbesondere für staatliche Akteure nur eingeschränkt nutzbar. In diesem Kontext werden Datensammlungen privater Anbieter besonders interessant für externe Abnehmer. Die Überwachung der Fans ist somit nicht nur Ausdruck der eigenen Allmachtsfantasie, sondern vor allem ein veritables Geschäftsmodell.

Noch sind derartige Praktiken in deutschen Stadien verboten und auch im spanischen Fußball, wo es bereits getestet wurde, muss sich La Liga nun juristisch verantworten. Dennoch könnte das Thema sehr bald erneut aufkommen. Im SoFi-Stadium in Los Angeles, in dem 8 WM-Spiele ausgetragen werden, wird dieselbe Software der Firma eConnect verwendet wie im Madison Square Garden. Sie setzt auf „persistent facial enrollement“ – einer Art biometrischer Vorratsdatenspeicherung jedes einzelnen Stadiongastes.

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