Protestwochenende in Demmin: Antifa-Party gegen Nazi-Düster
Antifas wollen in Demmin erneut gegen einen Neonazi-„Trauermarsch“ am 8. Mai protestieren – dieses Jahr mit Camp. Das gefällt nicht allen in der Stadt
Demmin ist eine Stadt mit einer traurigen Geschichte. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs begingen in der Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern hunderte Menschen Massensuizid. Vor allem sollen es Frauen gewesen sein, die sich und ihre Kinder ertränkten, sich die Pulsadern aufschnitten oder erschossen. Nicht wenige waren von Sowjetsoldaten vergewaltigt worden, andere töteten sich, weil sie das Ende des Naziregimes nicht ertragen konnten oder sich vor Racheakten fürchteten. Lange wurde diese Geschichte nicht aufgearbeitet, sondern tabuisiert und verdrängt.
Seit 2006 nutzen die Neonazis der Partei „Die Heimat“ (ehemals NPD) diese erinnerungspolitische Lücke und veranstalten am 8. Mai, dem Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus, in Demmin einen „Trauermarsch“. Auch in diesem Jahr wollen sie unter dem Motto „8. Mai – Wir feiern nicht“ einen geschichtsrevisionistischen deutschen Opfermythos verbreiten. Getrauert wird dabei nicht darum, dass es zum Wahnsinn des Nationalsozialismus kommen konnte, sondern um die Niederlage des Deutschen Reichs. Doch unwidersprochen bleibt das nicht.
„Der 8. Mai muss gefeiert werden. Wir dürfen nie vergessen, dass sich die Deutschen nicht selbst befreit haben, sondern von außen befreit werden mussten“, sagte Rosa Mayer vom örtlichen Aktionsbündnis 8. Mai Demmin zur taz. Wie schon im vergangenen Jahr plant das Bündnis deshalb nicht nur, den Naziaufmarsch zu stören – sondern auch eine große „Befreiungsparty“ am Abend. Zu den Protesten am Freitag wird eine vierstellige Zahl Antifas erwartet.
Unterstützung erhalten die Demminer:innen von zahlreichen regionalen Gruppen sowie durch die bundesweite Antifa-Gruppe Widersetzen, die durch die Massenblockaden von AfD-Parteitagen bekannt ist. Erstmals gibt es dieses Jahr in Demmin zudem ein mehrtägiges antifaschistisches Protestcamp. „Wir wollen Fröhlichkeit in der Stadt versprühen, eine andere Stimmung als die Düsterheit der Nazis“, sagte Mila Weber von Widersetzen zur taz.
Befreiungsparty geplant
Gleichzeitig wolle man auf einen sensiblen Umgang mit der Bevölkerung achten, so Weber. Man erkenne die Traumata an, die es immer noch in der Stadt gebe, und wolle deshalb unter anderem auf der Demonstration auf Pyrotechnik verzichten.
In der rechten Hochburg Demmin kommen die Aktionen trotzdem nicht überall gut an. Bei der Bundestagswahl im Februar 2025 haben hier fast 50 Prozent AfD gewählt. Mit dem Erfolg der AfD würden sich auch die organisierten Neonazis immer mehr trauen, berichtet Mayer vom lokalen Bündnis. Die Szene sei in Demmin nicht stärker als anderswo in der Umgebung, „so Alltagsnazikram“ sei dennoch an der Tagesordnung, sagt sie – und meint damit Hitlergrüße, Pöbeleien, Anfeindungen, rechte Sticker und Parolen. Für das Camp hätten sich die Aktivist:innen ein Sicherheitskonzept überlegt.
Unterstützung für ihren „Trauermarsch“ hätten die Nazis in der Stadt trotzdem nicht, glaubt Mayer. „Was wir eher an Kritik hören, sind so Sachen wie: Wir finden die Nazis auch nicht gut, aber deshalb muss man doch nicht so einen Aufrieb machen.“ Ihre Analyse der Stimmung in der Stadt: „Alle verschließen die Fenster und gucken weg.“
Stadtverwaltung legt Steine in den Weg
Dass die Antifas in Demmin keinen guten Stand haben, wird von Leuten wie Enrico Schult befeuert, dem AfD-Spitzenkandidaten für die im September anstehende Landtagswahl. „Wir feiern Antifaschismus? Nee, bleibt zu Hause, wir wollen euch hier nicht“, meckert dieser in einem Instagram-Video vor einem „8. Mai nazifrei“-Plakat. Wen er als schlimmer erachtet – die Nazis oder die Antifa –, daran lässt Schult keinen Zweifel. Die Neonazis würden schließlich nur „einmal durch die Stadt laufen“, sagt er, während die Antifas vor allem „Müll, Unmengen an Müll“ hinterlassen würden.
Rose Mayer, Aktionsbündnis Demmin 8. Mai
Das Müllargument kennt auch Mayer gut. Davor hätten viele in der Stadt Angst, sagt sie. „Das ist eine dieser Geschichten, wo uns der Stadtrat echt Steine in den Weg legt.“ Im vergangenen Jahr habe die Stadtverwaltung kurz vor den Protesten plötzlich alle Dixieklos und Mülleimer abgebaut, angeblich aus Angst, diese könnten für Barrikaden verwendet werden, erzählt Mayer. „Und anschließend haben sie sich dann beschwert, dass Müll herumlag.“ Dabei wolle man doch selbst keinen Müll in der Stadt haben.
Um gegen solche Vorurteile vorzugehen, wollen die Aktivist:innen in den kommenden Jahren an engeren Bündnissen mit der Stadtgesellschaft arbeiten. Denn Mayer ist sich sicher: „Wenn alle einmal ihre Ablehnung zum Ausdruck bringen würden, wäre den Nazis schnell klar, dass sie hier niemand haben will.“
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