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„Diese Rhetorik ist maximal gefühlig“

Als Gegenbegriff zur Polarisierung wird gesellschaftlicher Zusammenhalt viel beschworen. Anna Pollmann hat über die Gründe und die Schwierigkeit dessen nachgedacht. Ein Gespräch über das Bedürfnis nach Verbundenheit und die Grenzen der politischen Begriffe

Zusammenhalt soll das Gemeinwesen vor globalen Verwerfungen schützen. Doch die Frage ist: Wer gehört dazu? Foto: Miriam Klingl

Interview Monika Rathmann

taz: Frau Pollmann, in den vergangenen Jahren ist immer wieder die Rede vom „sozialen Kitt“, der verlorenzugehen droht, auch die Politik spricht häufig davon. Bringt dieses ständige Beschwören des Zusammenhalts denn überhaupt etwas?

Anna Pollmann: Nein, unser Gefühl ist eher, dass die andauernde Verwendung des Begriffs bei allen möglichen Themen gesellschaftliche Veränderung hemmt, sie ist eher Nostalgie als Utopie. Die rasante Ausbreitung dieser politischen Leitvokabel sollte uns deshalb stutzig machen. Man muss genau hinschauen, wovon eigentlich die Rede ist. Wer spricht von Zusammenhalt für wen? Und kommen wir damit gerade wirklich gesellschaftlichen Verwerfungen auf die Spur? Oder benutzt da jemand einen Modebegriff, um seine Agenda zu befördern? Mit unserem Vokabular wollten wir genau diese Fragen aufwerfen und nachvollziehen, wie der Begriff ganz real in gesellschaftliche Praxisbereiche hineinwirkt.

taz: Können Sie denn festmachen, wann der Begriff „Zusammenhalt“ in die politische Rhetorik Einzug erhielt?

Pollmann: Seinen Anfang hat er in der EU-Politik genommen, in Form der „Kohäsion“. In Deutschland taucht der Begriff dann vor allem seit 2014 auf, zuvor wurde er selten verwendet. Wir beobachteten zunächst die Verwendung im Zusammenhang mit demokratischen Verfahrensformen. Und dann 2015 im „Sommer der Migration“ vor allem im Zusammenhang mit Willkommenskultur und zivilgesellschaftlichem Engagement für Migranten. Damals war er also eher positiv besetzt, man wollte gemeinsam etwas schaffen. Zeitgleich wanderte er aber auch immer von der politischen Rhetorik in die Alltagssprache und zurück.

taz: Und seitdem?

Pollmann: Er hat sich gewandelt, hin zum Gegenbegriff zu gesellschaftlicher Polarisierung. Da wird er gern benutzt, wenn man den Verlust von gemeinsamen Grundüberzeugungen feststellen möchte. Vor allem die SPD hat ihn in ihrem Wahlkampfprogramm 2017 genutzt. Sie hat versucht, ökonomische und soziale Themen wieder enger miteinander zu verkoppeln. Da ging es besonders um Chancengleichheit und zivilgesellschaftliches Engagement. Die Bürger also zu aktivieren für gemeinschaftsbildende Praxis. 2018 fand der Begriff dann sogar Eingang in den Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD, als wirklich festgeschriebenes politisches Leitbild.

taz: Und wie wurde er im Bundestagswahlkampf 2025 verwendet?

Pollmann: Da hat sich vor allem gezeigt, was für unterschiedliche Ideen unter diese politische Einigungsformel gefasst werden können. Zusammenhalt wurde im Kontext von Waffenlieferungen, Grenzschließung, Mindestlohn, Grundsicherung und zivilgesellschaftlichem Engagement aufgerufen und das in verschiedenen politischen Lagern. Besonders von der bürgerlichen Mitte, von CDU und SPD. Im Zusammenhang mit „Leitkultur“ bekam der Begriff eine migrationsfeindliche Stoßrichtung. In den vergangenen Jahren ist etwas stärker Ausschließendes hinzugekommen.

taz: Weil Zusammenhalt immer auch ein Außen erfordert, gegen das man sich abgrenzt. Wer oder was kann das sein?

Pollmann: Das kommt darauf an, wer den Begriff nutzt. Bei Fragen wie Waffenlieferungen oder Grenzschließungen ist es ja relativ klar. Man geht von einer nationalen Gemeinschaft aus, in der Konflikte befriedet oder ausgehandelt werden müssen – Zusammenhalt soll das nationale Gemeinwesen vor globalen Verwerfungen schützen. Nicht nur bei der Debatte um Grundsicherung stellt sich die Frage: Wer gehört dazu? Wer soll von unserer Gesellschaft versorgt werden, und was sind die Voraussetzungen für eine Teilhabe? Da gibt es zum Teil auch sozialdarwinistische Überlegungen im Zusammenhaltsbegriff.

taz: Welche Macht kann eine solche Vokabel in unserer Gesellschaft ausüben?

Pollmann: Sprache ist immer in gesellschaftliche Verhältnisse verwoben. Durch sie kommt zum Ausdruck, was und wie etwas im Rahmen der sozialen Verhältnisse artikulierbar und begreifbar ist. Ihr kann dadurch ein transformatives, sogar utopisches Potenzial zukommen. Nur kommt das, so wie wir über Zusammenhalt sprechen, zu kurz, diese Vokabel bremst eher. In Wahrheit ist Zusammenhalt kein Zustand, auf den man sich nostalgisch zurückbeziehen könnte, sondern entsteht in sozialen Praktiken.

taz: Lässt sich aus der Verwendung des Begriffs denn ableiten, welche Idealvorstellung einer krisenfesten Gesellschaft aktuell herrscht?

Anna Pollmann

ist Historikerin und war bis April 2025 Mitarbeiterin im Forschungsinstitut gesellschaft­licher Zusammenhalt an der Universität Konstanz. Zusammen mit Christopher Möllmann veröffentlichte sie das Buch „Schlüsselbegriffe gesellschaftlichen Zusammenhalts – Ein kritisches Vokabular“ (Wallstein Verlag, 2 Bände, 864 Seiten, 39 Euro). Anhand verschiedener politischer wie alltäglicher Begriffe (von Antisemitismus­definition bis Kneipe) nähert sich die Sammlung einer Sehnsuchtsformel der politischen Rhetorik der letzten Jahre. Dabei kritisieren die Auto­r*in­nen, dass die Zusammenhaltsformel Stillstand fördert. Und vor allem die bürgerliche Mitte diese ­Sehnsucht hegt.

Pollmann: Dazu gehört sicher die Vorstellung, eine geordnete, kontrollierte Migration werde gesellschaftliche Schieflagen lösen. Und dass Arbeit notwendig ist, um eine gesellschaftliche Existenz zu rechtfertigen. Allgemein wird darauf verwiesen, dass früher der Zusammenhalt besser funktioniert habe. Aber hat es diesen Zustand, der sich zurückgewünscht wird, je gegeben? Diese Nostalgie zeigt, dass der Wunsch nach Zusammenhalt an einen gefühlten Verlust gekoppelt ist. Der Begriff ist also ein sprachliches Symptom dafür, dass gesellschaftliche Beziehungen brüchig geworden sind und es ein gestiegenes Bedürfnis nach Verbundenheit gibt.

taz: An wen appelliert der Begriff, um die Verbundenheit zurückzubekommen?

Pollmann: An alle, das ist Teil der diffusen Unbestimmtheit dieser Metapher. Unklar ist jedoch, ob es um das Verhältnis von Institutionen und Individuen geht oder um das der Individuen untereinander. Diese Unklarheit zeigt sich sehr deutlich in der Forderung nach so­zia­lem Engagement. Aber der Appell reicht auch ins Private hinein, wenn es um Vorstellungen von Nachbarschaft oder Care-Arbeit geht.

taz: Ziemlich nebulös also.

Pollmann: Ja, viele, die den Begriff beschwören, machen es sich zu einfach, komplexe gesellschaftliche Prozesse und Ungleichheiten mit einem so verschleiernden Begriff abzudecken. Im Vergleich zu anderen politischen Leitvokabeln wie „Integration“ oder „Verfassungspatriotismus“ ist „Zusammenhalt“ maximal gefühlig. Scheinbar soll er ein Lösungsangebot für verschiedene gesellschaft­liche Konflikte sein. Letztendlich wirft er die zentrale Frage der Soziologie auf, wie Verbundenheit zwischen Individuen entstehen kann, die in Tausch- und arbeitsteiligen Beziehungen zueinander stehen. Und doch sagt er viel aus über die Begrenztheit der Lösungen für verschiedene gesellschaftliche Missstände.

In Wahrheit ist Zusammenhalt kein Zustand, sondern entsteht in sozialen Praktiken

taz: Also besser weg mit dem Begriff?

Pollmann: Ich denke, er wird uns noch länger begleiten. Ich glaube aber, man müsste die Fragen viel konkreter stellen. Für viele gesellschaftliche Gruppen ist fehlender Zusammenhalt nicht das eigentliche Problem. Mit ihm lassen sich zum Beispiel nur schlecht sozioökonomische Widersprüche benennen, genauso wenig die Erfahrung von Entrechtungen oder mangelnder politischer Repräsentation. Interessanter ist es zu schauen, wie der politische Appell in die Praxis übersetzt wird, auch durch öffentliche Förderprogramme. Die Vorstellung vom Zusammenhalt prägt mittlerweile die Wohnungs- und Klimapolitik oder politische Bildungsangebote. Begriffe sind aktiv, sie werden in Leitlinien und Verfahrensweisen übersetzt. Wir haben uns gefragt, inwiefern sich in der gesellschaftlichen Praxis mit Bezug auf „Zusammenhalt“ transformatives Potenzial entfalten kann. Geht man von gesellschaftlich marginalisierten Gruppen aus, zeigen sich allerdings recht schnell die Grenzen der politischen Rhetorik. Deshalb sollten wir häufiger hinterfragen, ob der Begriff in seiner konkreten Verwendung wirklich gesellschaftliches Bewusstsein schafft – oder dieses verstellt.

taz: Wie könnten wir die Verwendung des Begriff doch noch produktiver nutzen?

Pollmann: Ich denke, man muss dafür auf eine kleinere Ebene runtergehen, darf sich nicht von dieser großen politischen Rhetorik blenden lassen. Also, wo sehen wir transformatives Potenzial in unserer Gesellschaft? Um diese praktische Ebene in den Blick zu bekommen, haben wir Begriffe wie B1, einsam, Kneipe oder Einzugs­gebiet in das Buch aufgenommen. Durch diesen Perspektivwinkel geraten sogar neue soziale Organisationsformen in den Blick.

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