Ein düsterer Blick auf die Geschichte: Die Männer, die das 20. Jahrhundert abschaffen wollen
Armin Thurnher geht in seinem Buch „Unsternstunden der Menschheit“ der Frage nach, „wie die Welt unerträglich wurde“.
Wäre Stefan Zweig einmal Donald Trump begegnet, vielleicht hätte er das Vorwort zu seinen „Sternstunden der Menschheit“ revidiert: „Auch in dieser ‚geheimnisvollen Werkstatt Gottes‘, wie Goethe ehrfürchtig die Historie nennt, geschieht unermeßlich viel Gleichgültiges und Alltägliches.“ Das Gleichgültige und Alltägliche, so das Gefühl vieler Menschen, ist Mangelware geworden. Die Jetztzeit fühlt sich eher wie ein breiter, starker Strom an Katastrophen an. Mit Stefan Zweig im Kopf hat sich Armin Thurnher dennoch aufgemacht, die besonders stacheligen Nadeln im Nadelhaufen der Gegenwart zu suchen. Seine „Unsternstunden“ sind ein pessimistischer Blick auf jene Momente, in denen sich Zeitgeschichte zu „schicksalsträchtigen Stunden“ zusammendrängt.
Unsternstunden, das sind für den Autor „Augenblicke, da finstere Motive, übles Denken beginnen, wirksam zu werden.“ Thurnher, Grandseigneur des linksliberalen Journalismus in Österreich, war 1977 Mitbegründer und bis 2025 Chefredakteur des Falter. Er schaut also schon lange mit einem aufklärerisch-kritischen Blick in die Welt, umso erstaunlicher ist es, dass seine Unsternstunden sich fast ausschließlich den vergangenen dreißig Jahren widmen. Positiv könnte man sagen: Hier ist jemand intellektuell jung geblieben. Spöttischer ließe sich dagegenhalten: Allzu tief wollte Thurnher nicht in die Archive blicken. Zu pessimistisch möchte er seine Suche nach dem Zeitpunkt, an dem „die Welt unerträglich wurde“, nicht verstanden wissen, eher als Aufruf „zu phantasievollem Widerstand, zu moralischer Standhaftigkeit und zur Verteidigung der Wahrheit.“
Thurnhers Menschheitsgeschichte beginnt in der europäischen Nachkriegszeit, in der 1947 die Marktradikalen um Friedrich August von Hayek am Mont Pèlerin zusammenkamen, um den neoliberalen Schild gegen die kollektivistische Gefahr des Sozialismus und Keynesianismus zu schmieden. Zur Mont Pèlerin Society gehörten damals Figuren wie Ludwig von Mises, Wilhelm Röpke oder Karl Popper. Allesamt waren sie besorgt um die Freiheit. Die Saat derer, die damals, in Thurnhers Worten, noch eine „ökonomische Sekte“ waren, sollte mit Verspätung aufgehen. Zunächst fanden ihre Ideen einen Resonanzraum in den antiinstitutionellen Protesten der 68er, schließlich ihre Vollziehungsbeamten in der Thatcher-Reagan-Blair-Schröder-Riege. Ihre aggressivste Ausformung begegnet uns heute als ein Bündnis aus autoritären Regierungen und Tech-Oligarchen.
Es ist dieser Komplex, der den Autor am meisten interessiert. Die Unsternstunden schlagen vor allem in den USA, wo Mark Zuckerberg Facebook und Peter Thiel Palantir gründen. Mediengeschichte ist ein weiterer Schwerpunkt Thurnhers, von der Wiederbelebung der Kronen Zeitung bis zur verhängnisvollen Übernahme der Washington Post durch Jeff Bezos ist er immer da besorgt, wo große Medienhäuser als Rammböcke gegen die Demokratie in Stellung gebracht werden.
Ideologisch vorbereitet wird die Unerträglichwerdung der Welt durch Figuren wie Curtis Yarvin, auf dessen monarchistische Fantasien der Autor genauso eingeht, wie auf Dinesh D’Souzas „Illiberal Education“ oder Murray Rothbards paläolibertäre Ideologie. Thurnher schildert, wie Rothbard auf einer Wahlkampfveranstaltung von Pat Buchanan dem Publikum entgegenruft: „Wir werden die Uhr der Great Society kaputtmachen. Wir werden die Uhr des Wohlfahrtsstaates kaputtmachen. Wir werden die Uhr des New Deal kaputtmachen. Wir werden das zwanzigste Jahrhundert abschaffen!“
Es sind diese Geschichtssplitter, in denen sich das unsichtbare Netz zwischen den Einzelteilen des Buchs offenbart. Der Autor zeichnet nach, wie der Gedanke eines demokratischen Gemeinwohls langsam abgetragen wird, bis das 20. Jahrhundert tatsächlich abgeschafft ist.
Bei so viel Hellsichtigkeit fallen die dunklen Flecken Thurnhers Historiencollage auf: Während Stefan Zweigs Eurozentrismus noch entschuldbar scheint, blickt man bei seinem Nachfolger einigermaßen erstaunt auf die Zusammenstellung der Kapitel: Die Menschheit, wie sie hier vorgestellt wird, das ist Nordamerika und Europa. Der Nahe Osten kommt in einem Kapitel vor, genauso wie China ein Kapitel gewidmet wird. Mehr Welt ist nicht. Die Moderne, das ist hier immer noch ein Projekt des Westens, in das der Rest der Welt ab und zu reinrufen darf.
Auch ein gewisser Hang zum Revisionismus, in den Thurnher die Geschichte hineinzerrt, steht dem Buch nicht gut zu Gesicht – vor allem, wenn er Angela Merkel ihren Satz „Wir schaffen das!“ um die Ohren haut, welchen er für das Motiv einer fehlgeleiteten Migrationspolitik ausmacht, und stattdessen das ewig-falsche Lied der dänischen Sozialdemokratie singt.
Armin Thurnher: „Unsternstunden der Menschheit: Wie die Welt unerträglich wurde“. Zsolnay,
Wien 2026. 304 Seiten, 27 Euro
Bei aller berechtigten Kritik wäre zu wünschen, dass ein scharfsinniges Buch wie dieses die Evidenz anerkennt, dass der Autoritarismus sich nicht von restriktiverer Migrationspolitik wegregieren lässt. In solchen Momenten aktualisiert der Autor nicht Zweigs „Sternstunden“, sondern „Die Welt von Gestern“. Es sind Thurnhers persönliche Unsternstunden in einem sonst immer wieder dunkel-leuchtenden Buch.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert