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Leyla-Yenirce-Ausstellung in OldenburgAuf den Schultern von Riesinnen

Deutschland hat die Künstlerin Leyla Yenirce im niedersächsischen Oldenburg kennengelernt. Dort stellt sie nun aus und würdigt Frauen, die sie prägten.

Leyla Yenirce: „Grün“, 2025, Öl und Siebdruckfarbe auf Leinwand, 240 x 200 cm Foto: Gunter Lepkowski; Leyla Yenirce; Courtesy die Künstlerin und Capitain Petzel, Berlin

Wer hereinkommt, sieht Leyla Yenirce springen. Auf Kaffeebechern verteilt, 160 sollen es sein, sind ebenso viele Videostandbilder gedruckt. „Ein Daumenkino“, sagt die Künstlerin. Nicht ganz dreimal springt sie da in grau-grüner Landschaft. Und wer daran entlanggeht – im richtigen, aber auch erst herauszufindenden Tempo –, kriegt im Augenwinkel so etwas geliefert wie das Ausgangsbewegtbild.

Andererseits sagt Yenirce: Wer die Reihung in anderem Sinne richtig betrachtet, sieht die springende Person fast gar nicht, dafür den eigentlich nebensächlichen Hintergrund; ist halt keine flache Leinwand, so ein Keramikbecher. Entstanden ist das Video da, wo Leyla Yenirce geboren wurde, Qubînê im Südosten der Türkei. Die Videokulisse musste längst einem Staudamm weichen.

Die Kaffeebecher sind eine gute Wahl für eine Ausstellung in Oldenburg. Denn ein für die Branche nicht unbedeutender Dienstleister, der Fotos auf Objekte überträgt, hat seinen Sitz hier. Zum Sponsoring der Schau im Landesmuseum konnte man sich zwar nicht durchringen, aber es war genau dieser Betrieb, in dem Yenirces Mutter einst arbeitete, nachdem die kurdisch-jesidische Familie nach Deutschland gekommen war, in den 1990er-Jahren. „Das gehört zu Oldenburg“, sagte Yenirce jetzt, „die migrantischen Reinigungskräfte“, die den Laden am Laufen hielten.

Die Ausstellung

Leyla Yenirce: „Werdegang“. Landesmuseum Kunst & Kultur Oldenburg/Augusteum, bis 23. August. Begleitende Publikation 10 Euro

Biografie und Brüche

Biografisches, die Stellung der Frau, der gesellschaftliche Umgang mit ihr, ihre Sichtbarkeit, ihr Handeln oder gerade dessen Verweigerung; Perspektivwechsel und Wiederholung, Brüche und Neukontextualisierung: Thematisch wie auch formal lässt sich schon an der Reihe auf den ersten Blick gleich aussehender Kaffeebecher einiges ablesen über Yenirces Arbeitsweise.

Den ersten Ausstellungsraum teilen sich die Becher mit der Arbeit „Ranke“. Die Installation besteht zum einen aus einem Bild, das schon zu Yenirces Schulzeit hier im Landesmuseum hing: Ernst-Ludwig Kirchners „Wanderzirkus“, entstanden vor etwas über 100 Jahren. Das rahmt sie nun mit so ganz anderen eigenen Zeichnungen. Hier Kirchners starke Farben und kühne Perspektive, die eines waghalsig hoch oben im Zirkuszelt schwingenden Trapezartisten. Dort Yenirces Ranken in zartem Grafitstrich und ein großes menschliches Auge. Oder sind’s doch Blitze? Risse in irgendeinem Mauerwerk? Es sind alte Zeichnungen, die Yenirce da aufgreift, eventuell waren es ihre ersten künstlerischen Betätigungen abseits des Leistungskurses in der Schule, sagt sie.

Porträt Leyla Yenirce Foto: Katja Ruge

Ist ihre eigene Hinwendung zum Malen da zum Teil ein Zurück – zurück zu einem Kanon, den erst angeleitete Museumsbesuche der Tochter nicht einschlägig vorgebildeter Einwanderereltern erst vermittelten? Angefangen hat sie ganz woanders, auch künstlerisch: Zunächst studierte Yenirce Kulturanthropologie, dank eines Stipendiums konnte sie an die Kunsthochschule Hamburg gehen, Bachelor 2020 bei Simon Denny, Master 2022 bei Jutta Koether und Bettina Uppenkamp.

Yenirce erzählt, dass sowas in ihrer Familie unbekannt gewesen sei, und einen Moment lang ist gar nicht eindeutig: Meint sie das Stipendium? Oder die Möglichkeit, auf so etwas wie Kunst eine Existenz zu gründen? Dass auch eine an sich kostenlose Künst­le­r:in­nen­schmie­de ihre ganz eigenen Hürden um sich errichtet, ist eine banale Aussage. Aber nicht deshalb hören und lesen wir sie nur selten. Da hüllt doch vielmehr die Institution ihre Bedingungen in wohligen Nebel.

Sie sei froh, erzählte Yenirce, dass sie nicht nebenan ausstelle, im Kunstverein. Sondern eben hier, im Augusteum, 1867 fertiggestellt im Florentiner Palaststil. Das war keine Attacke gegen die moderneren Nachbarn mit dem White Cube, sondern Begeisterung für die alten pompösen Räume.

Große Formate

Platz und hohe Decken brauchen die nun für „Werdegang“ entstandenen Gemälde: „Orange“, „Grün“ und „Blau“ hat Yenirce drei Arbeiten in Öl und Siebdruckfarbe genannt, die Kanten ihrer Leinwände zwei Meter und länger. Noch größer geraten sind vier weitere. Selbe Bildtechnik, andere Namenslogik. Es sind vier Daten, die sich nicht ohne Weiteres erklären: zweimal Januar 2026, Oktober 2004, November 1991.

Leyla Yenirce: „28.01.2026“, 2025, Öl und Siebdruckfarbe auf Leinwand, 480 x 200 cm Foto: Gunter Lepkowski; ©Leyla Yenirce; Courtesy die Künstlerin und Capitain Petzel, Berlin

Auf allen sieben dieser Bilder – zusammen überschrieben mit „Chor der Frauen“ – kombiniert Yenirce reproduzierte Porträtfotos mit einer dynamischen Malerei. Die Farben scheinen teils unter beträchtlichem Körpereinsatz auf die Leinwand gelangt zu sein. Die Porträtierten sind Frauen, die sie geprägt haben, sagt Yenirce. Es sind kurdische Politikerinnen darunter, zuweilen sogenannte Terroristinnen; die Autorin Natalia Gunzburg und die in Auschwitz ermordete Malerin Charlotte Salomon; aber auch jene Gymnasiallehrerin für Deutsch und Politik, die Yenirce einst ermutigte, sich das mit der Kunst zuzutrauen. Ganz unterschiedliche Riesinnen also, auf deren Schultern Leyla Yenirce heute arbeitet.

Dass eine lebende Künstlerin in der ehemaligen Alte-Meister-Galerie ausstellt, es wird eingeflossen sein, als Museumsdirektorin Anna Heinze sagte, man bezeichne solche Projekte als „etwas ganz Besonderes“ – diesmal aber „stimmt es“. Die Bestände des Museums enden in der klassischen Moderne, nur vereinzelt ist später noch angekauft worden. Andererseits werden hier auch regelmäßig die Ge­win­ne­r:in­nen und Nominierte eines Kunstpreises der Kulturstiftung Öffentliche Oldenburg ausgestellt.

Zweimal hatte Yenirce sich um so einen Preis bemüht und beide Male war sie knapp Zweite geworden. Das erzählte jetzt der Vorstandsvorsitzende der hinter der Stiftung stehenden Versicherung, Jürgen Müllender. Es hat natürlich etwas herrlich Ironisches, wenn Yenirce am Vortag eine Stunde bei den Oldenburger Rotariern Rede und Antwort zu stehen hatte – als bekennende „Sozialistin im Herzen“. Müllender jedenfalls sagte dazu sachte kokett, er sei froh, „zufällig“ in seinen Posten gelangt zu sein, sodass er nun „sowas unterstützen kann“.

Könnten Bilder kurdischer Freiheitskämpferinnen zukünftig unter Extremismusverdacht stehen, wenn es mit der deutschen Kulturpolitik so weitergeht, ist die letzte gezeigte Arbeit ungefährlich: Ihren Bruder, begeisterter Läufer, hat Yenirce durchs nächtliche Oldenburg laufen lassen, mit Stirnkamera und -lampe: Wer die knapp 20 Minuten angesehen hat, hat einiges auch von der Stadt gesehen, ohne es so recht wiederzuerkennen.

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